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Allgemeinmedizin 7. Juli 2012

Europäischer Hausärztekongress: Wissenschaft in der Primärversorgung

Die Allgemein- und Familienmedizin ist nicht allein "Praxis". Sie ist eine durchaus eigenständige Fachdisziplin der modernen Heilkunde. Beim europäischen Hausärztekongress (WONCA Europe 2012) in Wien werden auch zahlreiche wissenschaftliche Studien aus der Tätigkeit der Hausärzte präsentiert. Das angesehene British Medical Journal publiziert drei dieser Studien, die aus allen Vorträgen ausgewählt wurden.

International ist Forschung in der Allgemeinmedizin vor allem in Großbritannien, in den Niederlanden, Belgien und in den skandinavischen Ländern etabliert. Manfred Maier von der Abteilung für Allgemein- und Familienmedizin der MedUni Wien: "Da geht es auch um Versorgungsforschung. Die ist in Österreich sehr schlecht. Es gibt für diesen Bereich keine finanziellen Mittel. Wir können nur über EU-Projekte Mittel für die Forschung bekommen." Vier Beispiele für Projekte, die bei der WONCA-Konferenz mit 269 Präsentationen, 71 Workshops, 607 Poster-Vorstellungen und zwölf Symposien präsentiert werden:

- 25 bis 35 Prozent der erwachsenen Bevölkerung leiden an Schwindelzuständen, im höheren Alter sind es gar um die 50 Prozent. Es gibt vielfältige Behandlungsansätze. Studienautorin Lucy Yardley hat untersucht, dass ein Gleichgewichtstraining mit Anleitung und Informationsbroschüren hier sehr gute Erfolge bringen kann.

- Eine seit Jahren diskutierte Frage: Kann Ausdauersport Depressionen mildern. Manfred Maier: "20 bis 25 Prozent der Menschen haben immer wieder depressive Phasen. Viele Betroffene benötigen Psychopharmaka." Glyn Lewis und die Co-Autoren haben die Effektivität eines Programms zur Erhöhung der körperlichen Aktivität bei Depressionen in der hausärztlichen Praxis untersucht. Bei 360 Patienten aus 65 Ordinationen zeigte sich allerdings kein Effekt des Trainings auf die Depressionen.

- Mit der Aussagekraft von Laborwerten (D-Dimer-Blutuntersuchungen) für das Abklären des Vorliegens einer Thrombose bei älteren Menschen befasste sich Henrike J. Schouten. Dabei zeigte sich bei älteren Menschen, dass der D-Dimer-Grenzwert, ab dem eine weitere Diagnostik auf Vorliegen eines Blutgerinnsels veranlasst werden sollte, deutlich höher angesetzt werden sollte als bei jüngeren Menschen. Das kann zusätzliche Untersuchungen ersparen.

- Eine von Manfred Maier und seinem Team durchgeführte Befragung von 3.500 Personen in Österreich zeigte ein seit Jahren von den Allgemeinmedizinern und auch von vielen Gesundheitsökonomen gegenüber der Politik beklagtes Phänomen auf: In Österreich landen scheinbar viel zu viele Patienten in der Krankenhaus-Spitzenversorgung. Maier: "In Österreich sind von 1.000 Befragten drei in einer Universitätsklinik (Wien, Graz, und Innsbruck) behandelt worden. International ist es einer von 1.000 Befragten." Dreimal so viele Personen kommen in der Alpenrepublik somit in jene Kliniken, die eigentlich die höchste Spitzenversorgung (damit auch die kostenintensivste) betreiben sollten.

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