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Allgemeinmedizin 21. Juni 2012

Gewichtsstabilität langfristig anstreben

Nicht die maximale Körperfettreduktion, sondern eine Umstellung und Normalisierung des Essverhaltens sollen das Ziel einer Diät sein.

Längst ist Übergewicht und Adipositas zum flächendeckenden Gesundheitsproblem Nummer eins in den Industrieländern geworden. Neben einer Lebenstilmodifikation ist eine vernünftige Gewichtsreduktion der einzig mögliche Weg, sein Risiko für Folgekrankheiten zu vermindern. Aber auch eine Reduzierung der Kosten des Gesundheitssystems könnte durch diese Maßnahmen erreicht werden.

 

Bei einer Umrechnung internationaler Kostenschätzungen auf Österreich ergeben sich Gesundheitskosten für das Jahr 2004 von 227,7 Millionen bis 1,1 Milliarden Euro. Und die Zahlen sind steigend. Einem Zitat von Prof. Dr. Anita Rieder vom Institut für Sozialmedizin zufolge könnte schon eine geringe Reduzierung der an Übergewicht leidenden Patienten die Kosten im Gesundheitssystem stark reduzieren: „Wenn sich die Prävalenz in Österreich um nur ein Prozent verringern würde, so könnten direkte Gesundheitskosten in der Höhe von 751,4 Millionen Euro eingespart werden.“

Viele ernährungsmedizinische Studien belegen den direkten Zusammenhang von Adipositas bzw. ungesundem Essverhalten und ernährungsabhängigen Erkrankungen wie koronare Herzkrankheit, Hypertonie, Herzinfarkt, Diabetes Typ 2 und einigen Krebsarten. Das primäre gesellschaftliche Ziel ist nach den neuesten Forschungen nicht mehr die maximale Gewichtsabnahme, sondern eine langfristige Gewichtsstabilisierung und Normalisierung des Essverhaltens unabhängig von der Form der Gewichtsabnahme. Hierbei kann eine verhaltenstherapeutische Betreuung der Patienten deutlich stabilisierend wirken. Ein mögliches Instrument zur Risikoeinschätzung der Probanden einerseits und die langfristige Betreuung andererseits bietet das Behandlungsprogramm „Mental Profiler“.

Motivation der Patienten entscheidend

Die Kombination von Verhaltenstherapie, Ernährungsumstellung mit körperlicher Aktivierung, hoch proteinreicher, ketogener niedrig kalorischer Diät kann als „State of the Art“ der Adipositastherapie bezeichnet werden. In meiner allgemeinmedizinischen Praxis betreue ich seit zwei Jahren adipöse Patienten mit diesem Konzept. Dabei ist der Langzeiterfolg bei Gewichtsreduktionsprogrammen sehr abhängig von der Motivation und Ausdauer der Probanden. Die Patienten, die psychisch und mental begleitet werden, haben in meinem Kollektiv deutlich bessere Langzeitergebnisse und weniger Diätabbrecher als die Kontrollgruppe. Ich möchte vor allen Dingen den Kolleginnen und Kollegen Mut machen, die sich aufgrund von fehlender psychotherapeutischer Fort-/ Weiterbildung scheuen, tiefer in die Gedankenmuster ihrer Patienten/-innen einzutauchen. Zu groß ist die Sorge, am Ende mit Problemen konfrontiert zu sein, denen man sich therapeutisch nicht gewachsen sieht.

Wenn im Gespräch mit dem Patienten ein Bedürfnis nach Veränderung erfragt ist – wie etwa „Haben Sie einmal daran gedacht, Ihr Gewichtsproblem zu verändern? Wäre es interessant für Sie, hier eine Veränderung vorzunehmen? Wie wichtig wäre Ihnen das? usw. –, gilt es in einem ersten Schritt neben den physischen, auch zwei psychische Kontraindikationen herauszufiltern wie Depression und psychogene Essstörungen.

Die Depression ist ein in der allgemeinmedizinischen Versorgung häufig unerkanntes Problem. Beim Mental Profiler steht zur rechtzeitigen Erkennung die Evaluierung mittels eines geeigneten Fragebogens (Mayor Depression – ICD-10; Inventory – MDI) und ein Questionaire zum Essverhalten zur Verfügung (siehe Tabelle im Internet)*. Ein Fragebogen, den der Patient in einem gut abgesicherten Onlinebereich allein ausfüllt, gibt in prozentualer und grafischer Darstellung Aussagen über Wohlbefinden, Selbstwertgefühl, Körperbild, Selbstwirksamkeit und Fähigkeit, die eigenen Emotionen zu kommunizieren. Die Antworten können vor einem Folgegespräch vom Therapeuten eingesehen und dann gemeinsam besprochen werden.

Depression oder psychogene Essstörung können so erkannt und angesprochen werden. Diese Patienten sollten vor Beginn des Gewichtsabnahmeprozesses einer geeigneten Therapie zugeführt werden. So werden unnötige Negativerfahrungen bzw. Diätabbrüche vermieden und der Patient (vielleicht erstmalig) auf die zugrunde liegende Störung aufmerksam gemacht. Bei milden Formen kann die psychotherapeutische Begleitung auch parallel und eventuell auch durch den Allgemeinarzt durchgeführt werden.

Diffuse Ängste analysieren

Im weiteren Verlauf ist es sehr sinnvoll, Einblick in die Ängste und individuellen Glaubensmuster des Probanden zu gewinnen. Hinter dem krankmachenden Essverhalten verbergen sich häufig diffuse Ängste und dabei wird das Essen zur Strategie, mit ihnen fertig zu werden. Vegetative Störungen als Ausdruck dieser Ängste sind vielfältig, sie betreffen Schlaf, Atmung, Verdauung, Herz-Kreislauffunktion, Vasomotorik sowie Sexualleben und sind blockierende Faktoren für den Langzeiterfolg. Zur Analyse der Glaubensmuster kommen wir durch den Mental Profiler differenziert nach Aussagen zu individuellen Stressoren, Selbstwertgefühl und Körperbild. Abweichungen werden dem Therapeuten differenziert in die Bereiche: Lebensqualität/Ängste/Depression, Alexithymie, Selbstwertgefühl, Körperbild, Selbstwirksamkeit (siehe Abb.).

Die Darstellung erfolgt grafisch und numerisch in prozentualer Abweichung von der Normverteilung. Im Beratungsgespräch lässt sich mit dem Patienten der Bereich der vordringlichen Unterstützung ermitteln. Als Hilfsinstrument für die weitere Betreuung werden Patientenunterstützungskarten (PUK) zur Verfügung gestellt. Diese Karten werden den Patienten als „Hausaufgabe“ mitgegeben, mit dem Therapeuten besprochen und führen zu wachsender Selbsteinschätzung und Selbstwirksamkeit. Von dieser Kenntnis ausgehend kann eine gezielte Motivation des Patienten erfolgen.

Therapieerschwernisse

Die Therapie kann durch unterschiedliche negativ besetzte Gedankenmuster und Einstellungen erschwert werden:

  • Glaubensmuster (Ich habe es noch nie langfristig geschafft; Ich bin ein Genussmensch; Ich kann auf Dauer nicht verzichten; Ich tauge zu gar nichts; Ich bin nutzlos; Ich bin unattraktiv; Ich habe immer zu viel Stress; Es gibt zu viele gesellschaftliche Anlässe in meinem Leben, bei denen ich nicht nein sagen kann)
  • Selbstwertgefühl: Ich bin ein Versager, ich bin nutzlos, ich bin undiszipliniert, ich habe keine Ausdauer.
  • Körperbild: Ich bin unattraktiv; Meinen Körper mag keiner berühren; Ich muss meinen Körper verstecken; Mein Körper ist ekelig, furchteinflößend.
  • Selbstwirksamkeit: Ich kann dem Appetit nicht widerstehen, wenn ich erschöpft bin, wenn ich verärgert bin. Ich muss abends Fernsehen. Wenn ich das Programm einmal durchbrochen habe, ist eh alles dahin. Wenn ich in Gesellschaft von fröhlich essenden Menschen umgeben bin, kann ich nicht widerstehen. Wenn ich Frust habe, muss ich essen.
  • Wohlbefinden: Ich fühle mich in meinem Körper nicht wohl. Ich habe nicht genug Kraft, deshalb muss ich mehr essen. Mein Alltag ist leer.
  • Alexithymie: Gefühle sind unwichtig, sind nicht zu begreifen. Wenn ich mich schlecht fühle, weiß ich nicht, ob ich ängstlich, betrübt oder traurig bin. Ich kann über Gefühle nicht sprechen.

Gedanken formen die Realität

„Das Leben eines Menschen ist das, was seine Gedanken daraus machen“, sagte bereits Marc Aurel. Im Prinzip ist uns das nichts Neues. Alle Forschungen zum Placeboeffekt und zum Noceboeffekt bestätigen diese Annahme, dass alles, was der Mensch denkt und immer wieder denkt, seine Realität formt. Ich mache immer wieder die Erfahrung, dass die Anteile in uns, die wir am häufigsten beobachten, uns formen. Klar ist dann, dass unsere Patienten mit einem Glaubenssatz wie „Ich schaffe das sowieso nicht“ es auch nicht schaffen. Die psychologische Wissenschaft redet von einer „Self-Fullfilling-Prophecy“. Henry Ford drückte es anders aus: „Ob du denkst, du schaffst es oder ob du denkst, ich schaffe es nicht – du hast immer Recht!“

Wenn uns also Glaubenssätze beim Patienten begegnen wie die unten angeführten, können wir ihm die Chance geben, mit ihm ein gesundes Empfinden, ja ein gesundes Verhalten neu zu „programmieren“ und dann langfristig durchzuhalten.

 

Dr. Marianne Krug ist als Privatärztin für Allgemeinmedizin in Frankfurt, Deutschland, tätig.

www.mariannekrug.de  

 

Das Behandlungsprogramm „Mental Profiler“ wird von der Firma Eurodiet angeboten (https://doc.eurodiet.com ).

 

Von M. Krug , Ärzte Woche 25 /2012

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