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Laut einer deutschen Umfrage überprüfen nur wenige Deutsche regelmäßig, ob ihre zu Hause aufbewahrten Medikamente noch haltbar sind.

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© Foto Wilke

Bernhard Matuschak
Gesundheitsexperte vom Verein für Konsumenteninformation

 
Allgemeinmedizin 6. Juni 2012

Regelmäßiges Überprüfen lohnt sich

Ablaufdatum ist nicht gleich Aufbrauchfrist. Die meisten (flüssigen) Medikamente und Nahrungsergänzungsmittel verlieren mit dem Öffnen deutlich an Haltbarkeit, entsprechende Hinweise fehlen jedoch häufig.

Die Sicherheit, in der uns das Ablaufdatum wiegt, ist häufig trügerisch. Es gilt nur für nicht angebrochene Behältnisse, die unter korrekten Bedingungen gelagert wurden. Einmal geöffnet, reduziert sich die Haltbarkeit der meisten Flüssigkeitspräparate (orale Liquida) drastisch.

 

Nur wenige Arzneimittel sind auch in angebrochenem Zustand – adäquate Lagerung vorausgesetzt – bis zum Verfallsdatum verwendbar. „Die meisten Medikamente müssen hingegen binnen Tagen oder Wochen, in Ausnahmefällen sogar innerhalb weniger Stunden aufgebraucht werden“, warnt Gesundheitsexperte Bernhard Matuschak vom Verein für Konsumenteninformation (VKI).

Gefahr aus der Flasche

Verwendet man die Präparate weiter, reduziert sich im besten Fall „nur“ die Wirksamkeit. Problematischer kann es werden, wenn die Mittel verdorben sind. Dann drohen gesundheitliche Schäden, wie Herbert Wicho von der Österreichischen Apothekerkammer erläutert: „Sobald eine Arzneiflasche geöffnet wird, besteht das Problem der Verkeimung. In der Folge können sich eingebrachte Bakterien oder Pilzsporen vermehren.“

Antibiotika etwa sind, so der Pharmazeut, nach dem Öffnen nicht länger als 14 Tage haltbar. Bei anderen Präparaten wie Nasentropfen erscheint bereits aufgrund der Art und Weise der Anwendung eine Verwendung durch andere Nutzer wenig ratsam. Dennoch sucht man auf Verpackung, Flasche oder Gebrauchsinformation oraler Liquida häufig vergeblich nach Informationen, wie lange diese nach dem Anbrechen noch verwendbar sind. Für den Grazer Pharmazeuten Bernd Mader, der seit 1995 eine ständig aktualisierte Liste zum Thema „Aufbrauchfristen“ in der Österreichischen Apothekerzeitung publiziert, ist dies ein Unding: „Abgesehen von möglichen gesundheitlichen Beeinträchtigungen durch verdorbene Medikamente hat der Kunde schlicht ein Recht zu wissen, wie lange er ein Präparat verwenden kann.“

Besonders bei Nahrungsergänzunsgmitteln fehlen diese Informationen. Hier handelt es sich um umgebaute ehemalige Arzneispezialitäten, aber auch bei homöopathischen Medikamenten fehlen die erforderlichen Hinweise auf Aufbrauchsfristen. „In Deutschland wird auf Nachfrage häufig sehr wohl eine begrenzte Laufzeit angegeben, in Österreich heißt es bei Homöopathika: immer nur bis Ablaufdatum“, kritisiert Mader. Er schätzt, dass bei 20 Prozent aller flüssigen Medikamente, Homöopathika und Nahrungsergänzungsmittel entsprechende Informationen fehlen, weil dies rechtlich nicht vorgeschrieben sei.

Fehlende rechtlich verbindliche Regelung

Bernd Unterkofler vom Bundesamt für Sicherheit im Gesundheitswesen zum Vorwurf der fehlenden gesetzlichen Regelung: „Bei der Begutachtung von Arzneimitteln werden die Laufzeiten nach dem ersten Öffnen und allfällige Lagerhinweise fachlich beurteilt. Gemäß den fachlich anzuwendenden Leitlinien soll die Laufzeit ab Anbruch auf der Kennzeichnung, der Primärverpackung sowie in der Gebrauchs- und Fachinformation angeführt werden.“

Der Experte schränkt allerdings ein, dass dies bei bestehenden Zulassungen nur im Zuge einer Verlängerung oder bei deren Änderung durchgeführt werde. „Die Anpassung der in Österreich am Markt befindlichen Arzneimittel wird noch einige Zeit in Anspruch nehmen“, so Unterkofler. „Sofern die Aufbrauchsfrist bei Medikamenten oder Nahrungsergänzungsmitteln nicht angegeben ist, sollten sich die Konsumenten bei Kauf in der Apotheke nach dieser erkundigen und auf dem Medikament handschriftlich vermerken“, rät Matuschak.

Aufbewahrungshinweise von Medikamenten

Über die Wirksamkeit eines Arzneimittels entscheidet auch der Aufbewahrungsort. Für die meisten Medikamente ist es wichtig, dass sie trocken und kühl gelagert werden. Es gibt aber Ausnahmen wie beispielsweise Insulin oder Impfstoffe, die bei 2 bis 8°C im Kühlschrank gelagert werden müssen. Unter kühler Lagerung versteht man eine Lagertemperatur zwischen 9 und 15° C. Diese Temperatur wird überlicherweise in der Gemüselade des Kühlschranks erreicht. Ist im Beipacktext nichts anderes vermerkt, müssen Arzneimittel vor Licht und Feuchtigkeit geschützt bei 18 bis 20 ° C aufbewahrt werden. Daher ist das Badezimmer kein geeigneter Ort, denn dort ist die Luftfeuchtigkeit naturgemäß höher. Unter Raumtemperatur versteht man 18 bis 25° C, eine Temperatur, die an heißen Sommertagen überschritten werden kann. In dieser Ausnahmesituation empfiehlt es sich, alle Medikamente im Kühlschrank oder einer Kühltasche zu lagern. Ab etwa 30°C schmelzen Zäpfchen, verflüssigen sich Gele und können Dragee-Oberflächen absplittern. „Am besten Sie lassen Ihre Medikamente in der Originalverpackung mit Beipackzettel, eingeschweißt in der Folie, und entnehmen sie erst unmittelbar vor dem Gebrauch“, empfiehlt Matuschak.

Die Aufbewahrung in der Schuhschachtel, meist ohne Überkarton und Beipacktext, ist hingegen die schlechteste aller Lösungen.

Eine ausführliche Liste zu etwa 200 flüssigen Medikamenten und Nahrungsergänzungsmitteln finden Sie online auf www.konsument.at

Aktuelle deutsche Umfrage

Laut einer repräsentativen Umfrage der GfK Marktforschung in Nürnberg im Auftrag der Zeitschrift Apotheken Umschau überprüfen nur wenige Deutsche regelmäßig, ob ihre zu Hause aufbewahrten Medikamente noch haltbar sind. Zwar gaben fast zwei Drittel (65,1%) der Befragten an, das Verfallsdatum grundsätzlich zu kontrollieren, jeder Vierte überprüft diese aber nur, wenn er ein Medikament akut benötigt. Nur jeder Achte kontrolliert mindestens einmal im Halbjahr, ob die Medikamente noch haltbar sind. 14 Prozent der 2.096 Befragten gab an, überhaupt keine Medikamente zu lagern. Mehr als ein Drittel (34,6%) gab an, nie auf die Verfallsdaten seiner Arzneimittel zu achten.

Von M. Strausz , Ärzte Woche 23 /2012

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