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Acht von zehn Rauchern sind nikotinsüchtig. Die unzähligen im Tabakrauch enthaltenen Substanzen tragen zur Abhängigkeit bei. Das Besondere an den Zigaretten: Jeder Zug bringt den speziellen Kick, der die Entwöhnung erschwert.

Standards der Tabakentwöhnung Konsensus der Österreichischen Gesellschaft für Pneumologie Lichtenschopf, Alfred 199 Seiten, € 19,41 Springer Wien 2012 9783709109786

 
Allgemeinmedizin 31. Mai 2012

Rauchen: Suchtpotenzial wie von harten Drogen

Es ist nicht nur die Wirkung des Nikotins, die Raucher vom Tabakkonsum abhängig macht. Teil 2 der Ärzte-Woche-Serie über den Rauchstopp.

Tabakrauchen erzeugt bei einem Großteil der Raucher eine Abhängigkeit. Der Hauptwirkstoff für die suchterzeugende Wirkung ist Nikotin. Das suchtgenerierende Potenzial des Tabakrauchens ist mit dem harter Drogen wie Heroin vergleichbar. Der Fagerström-Test ist ein Gradmesser für die Schwere der Abhängigkeit.

In den letzten hundert Jahren wurde der Missbrauch von Tabak zunehmend als ein medizinisches Problem erkannt, doch erst in den 1950er-Jahren, als wissenschaftliche Belege für die gesundheitsschädigende Wirkung des Rauchens vorlagen, wurden ernsthafte Versuche unternommen, den Tabakkonsum einzuschränken. Es dauerte weitere 40 Jahre, bis der Tabakkonsum als eigenständige Abhängigkeitserkrankung anerkannt wurde.

Krankheit Tabakabhängigkeit

Seit der Klassifikation der Tabakabhängigkeit als Krankheit im ICD-10-Code gilt, dass der Konsum von Tabakprodukten nicht nur eine Sache der freien persönlichen Entscheidung ist, sondern auch eine behandlungswürdige Abhängigkeit, wie sie genauso bei anderen psychotropen Substanzen bestehen kann.

Legt man die von der WHO entwickelten diagnostischen Kriterien zugrunde, so kann davon ausgegangen werden, dass etwa 80 Prozent der Raucherinnen und Raucher von Nikotin abhängig sind [1] und statistisch gesehen jeder Raucher durchschnittlich zehn Jahre seines Lebens verliert [2].

Nikotin ist in reiner Form hochgiftig. Bereits 0,05 Gramm sind für den Menschen tödlich. Nikotin, ein Alkaloid der Tabakpflanze, zeichnet sich pharmakologisch durch ein bivalentes Wirkprofil aus. Je nach Vigilanz, psychischer Ausgangslage und Dosis wirkt Nikotin aktivierend und stimulierend oder entspannend und beruhigend.

Im Zigarettenrauch liegt Nikotin vorwiegend als hydrophile Substanz vor, wird deshalb rasch über Schleimhäute und Alveolarepithel resorbiert, gelangt innerhalb von sieben bis zehn Sekunden in das Gehirn und bindet sich dort an nikotinerge Acetylcholinrezeptoren. Die dadurch ausgelöste pharmakologische Reaktion setzt Neurotransmitter aus Hirnzellen frei und führt bei Rauchern zu subjektiv angenehmen Empfindungen [3].

Der Einstieg in den Tabakkonsum liegt in der überwiegenden Zahl der Fälle vor dem 20. Lebensjahr. Die Gründe für das Rauchen der ersten Zigarette umfassen ein weites Spektrum. Neugier, das gesellschaftliche Umfeld, insbesondere Freunde und Eltern, Verfügbarkeit und Kosten sind wesentliche Faktoren. Die Abhängigkeit vom Tabakrauchen kann sehr schnell eintreten. Oft stellen sich Symptome der Abhängigkeit bereits nach dem Rauchen von wenigen Packungen Zigaretten ein [4].

Die Nikotinabhängigkeit äußert sich in zwanghaftem Verlangen nach Tabak, verminderter Kontrolle über die Menge des konsumierten Tabaks, Toleranzentwicklung, Entzugssymptomen, Vernachlässigung wichtiger Freizeit- und beruflicher Aktivitäten, Weiterführung des Tabakkonsums trotz Kenntnis negativer langfristiger Konsequenzen bzw. trotz eingetretener Tabakfolgeschäden. Sie betrifft ca. 70 bis 80 Prozent aller Raucherinnen und Raucher.

Durch klassische und operante Konditionierung wird Rauchen an auslösende Reize aus Umwelt und Organismus gekoppelt bzw. an angenehme Folgen des Rauchens (Beruhigung, Stressbewältigung, soziale Kontakte) gebunden. Die in das Rauchen gesetzten positiven Erwartungen erfüllen sich nach jeder Zigarette neu; der Circulus vitiosus der Sucht hat begonnen.

Körperliche Abhängigkeit von Nikotin und psychische Abhängigkeit vom Rauchen durch Gewöhnung, angenehme Empfindungen während des Rauchens und negative Erwartungen an die Entwöhnungsphase sind die die Tabakabhängigkeit aufrechterhaltenden Faktoren.

Der entscheidende Wirkort für die Verstärkerfunktion des Nikotins ist das „Belohnungszentrum“ des Gehirns, der Nukleus accumbens. Er bildet einen Teil des mesolimbischen dopaminergen Systems. Nikotin führt zu einer vermehrten intersynaptischen Konzentration von Dopamin [5, 6].

Abhängigkeitsgrad ermitteln

Den Schweregrad ihrer Nikotinabhängigkeit können Raucher leicht über die Beantwortung der sechs Fragen des Fagerström-Tests ermitteln. Entzugssymptome (depressive Verstimmung, Schlaflosigkeit, Konzentrationsstörungen, Enttäuschung und Ärger, Angst, Unruhe, Abnahme der Herzfrequenz, Verlangen nach Süßigkeiten) als Zeichen der körperlichen Abhängigkeit von Nikotin können innerhalb weniger Stunden nach Beendigung des Tabakkonsums beginnen, haben im Allgemeinen nach ein bis vier Tagen ihren Höhepunkt und dauern drei bis vier Wochen an.

Eine weitere Erklärung für die suchtmachende Wirkung des Nikotins liegt nicht in der Art des Stoffes begründet, sondern in der Art der Aufnahme. Der Zigarettenrauch wird inhaliert und das Nikotin erreicht innerhalb von sieben Sekunden das Gehirn. Jeder Zug ist ein kleiner „Kick“, ein fast explosiver Anschub des Gehirnstoffwechsels.

Obwohl Nikotinpflaster oder -kaugummis die gleiche Menge Nikotin wie Zigaretten abgeben, würde kein Raucher das Gefühl der Nikotinaufnahme über die Lunge damit vergleichen. Der plötzliche „Kick“ nach einem tiefen Lungenzug bewirkt ein kurzes Gefühl der Entspannung und Belohnung, das bald wieder vergeht und dann eine stille Unzufriedenheit hinterlässt – und vor allem den Wunsch nach mehr. Weitere Suchtstoffe werden unter den knapp 600 Zusatzsubstanzen vermutet, die die Zigaretten herstellenden Firmen dem Tabak beimischen.

Das Abhängigkeitssyndrom

Die sichere Diagnose Abhängigkeit sollte nur gestellt werden, wenn irgendwann während der letzten drei Jahre drei oder mehr der folgenden Kriterien vorhanden waren:

  • Ein starker Wunsch oder eine Art Zwang zu rauchen
  • Verminderte Kontrollfähigkeit bezüglich des Beginns, der Beendigung und der Menge des Tabakkonsums
  • Ein körperliches Entzugssyndrom bei Beendigung oder Reduktion des Konsums wie: depressive Verstimmung, Schlaflosigkeit, Konzentrationsstörungen, Enttäuschung und Ärger, Angst, Unruhe, Abnahme der Herzfrequenz, Verlangen nach Süßigkeiten
  • Nachweis einer Toleranz: Um die ursprünglich durch niedrigere Dosen erreichten Wirkungen der psychotropen Substanz hervorzurufen, sind zunehmend höhere Dosen erforderlich
  • (Fortschreitende) Vernachlässigung anderer Vergnügungen oder Interessen zugunsten des Substanzkonsums, erhöhter Zeitaufwand, um die Substanz zu beschaffen, zu konsumieren oder sich von den Folgen zu erholen
  • Anhaltender Substanzkonsum trotz Nachweises eindeutig schädlicher Folgen. Es sollte dabei festgestellt werden, dass der Raucher sich tatsächlich über Art und Ausmaß der schädlichen Folgen im Klaren war oder dass zumindest davon auszugehen ist.

 

Auszug aus Lichtenschopf, A: Standards der Tabakentwöhnung, Kapitel 1.3.

Das Buch gibt es online: http://www.springerlink.com/content/978-3-7091-0978-6#section=1046075&page=1  

 

Dr. Alfred Lichtenschopf ist Ärztlicher Leiter des Rehabilitationszentrums Weyer/Enns, Prof. Dr. Otto Lesch arbeitet an der Universitätsklinik für Psychiatrie und Psychotherapie der MedUni Wien.

 

Die Literaturangaben sind nachzulesen im Buchkapitel Tabakabhängigkeit, Nikotin und Sucht auf Seite 16.

Von O. Lesch und A. Lichtenschopf , Ärzte Woche 22 /2012

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