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Foto: aboutpixel.de / Wecker © Broiler
Wenn die innere Uhr nicht richtig tickt, leidet die Lebensqualität.
 
Allgemeinmedizin 12. Mai 2009

Schlafstörungen: Vorprogrammierter Crash

Wie der Schlaf-Wach-Rhythmus der Natur wieder hergestellt werden kann.

Rund 3,2 Millionen Österreicher leiden darunter, sie schränken die Lebensqualität drastisch ein und führen zu Milliardenverlusten in der Wirtschaft, zudem erhöhen sie das Unfallrisiko: die Schlafstörungen. Mehr als 24 Prozent aller tödlichen Verkehrsunfälle und insgesamt jeder dritte Unfall werden durch schlechten Schlaf verursacht. Wer nachts nur vier Stunden geschlafen hat, reagiert so, als habe er 0,5 Promille Alkohol im Blut, eine durchwachte Nacht steigert diesen Wert gar auf 0,8. „Gut schlafen ist eine Gnade“, stellte angesichts dieser Zahlen Prof. Dr. Manfred Walz, Neurologe der Grazer Landesnervenklinik, fest.

 

Im Bereich der EU kommt es pro Jahr zu rund 150.000 Verkehrsunfällen durch Schläfrigkeit am Steuer, weitere 1,5 Millionen Unfälle sind auf Unaufmerksamkeit zurückzuführen, wobei sich viele Parallelen zur Schläfrigkeit zeigen. Insgesamt wird vermutet, dass 16 bis 33 Prozent aller Verkehrsunfälle auf Müdigkeit zurückzuführen sind. Einer Untersuchung des Gesamtverbandes der Deutschen Versicherungen zufolge korrelieren 24 Prozent aller tödlichen Unfälle auf Autobahnen mit Müdigkeit am Steuer.

Die meisten Unfälle durch „bleierne Lider“

Mittels Pupillometrischem Schläfrigkeitstest (PST) ist es inzwischen möglich, objektivierbare Parameter zu erhalten, um die Fahr(un)tüchtigkeit von KFZ-Lenkern zu messen. Für die Medizin ein Grund mehr, sich des Themas Schlafstörung stärker als bisher anzunehmen. Denn der Schlaf beherrscht unser Leben wie kaum eine andere Funktion: Nahezu 3.000 der 8.760 Stunden eines Jahres, rund 24 Jahre im Durchschnitt eines Lebens, werden schlafend verbracht.

Das Schlafbedürfnis ist Resultat einer chronobiologischen Steuerung des Organismus, die im Lauf von 24 Stunden zwei Mal ein Maximum an Schläfrigkeit bewirkt: einmal um die Mitte der „normalen“ Schlafperiode, das zweite Mal ziemlich genau zwölf Stunden später – zwischen 13 und 15 Uhr. Damit droht zweimal pro Tag „Büsel-Gefahr“, mit dem Risiko, einen Crash zu verursachen.

24 Stunden am Steuer entspricht 1,0 Promille

Neuere Untersuchungen haben darüber hinaus Zusammenhänge zwischen Schlafdefiziten und Alkoholkonsum evaluiert. Versuchspersonen, die 17 Stunden durchgehend wach waren, erzielten die gleichen Resultate in einer psychomotorischen Testskala wie Personen mit einer Blutalkohol-Konzentration (BAK) von 0,5 Promille. Ein 24-stündiger Schlafentzug ist einem BAK von 1,0 Promille gleichzusetzen. Die Kombination aus mangelndem Schlaf und Alkoholkonsum führt zu einer Potenzierung der negativen Effekte

„Als Hausarzt in Wien-Neustift habe ich zahlreiche Patienten, die unter anderem auch unter Schlafstörungen leiden. Ich versuche sie so natürlich wie möglich zu behandeln – mit Melatonin in Retardform“, berichtet Dr. Walter Pleyer, Allgemein- und Ganzheitsmediziner in Wien.

Und weiter: „Bei nicht-organisch bedingten Schlafstörungen ist Melatonin für mich das Mittel erster Wahl: Es ist nebenwirkungsarm und weist zudem kein Abhängigkeitsrisiko auf. Auch in Studien ist die hohe, sanfte Wirksamkeit der Melatonin-Therapie belegt. In einer aktuellen Untersuchung zeigten 47 Prozent der Patienten bereits nach drei Wochen eine signifikante Besserung sowohl der Schlafqualität als auch der morgendlichen Wachheit. Nebenwirkungen und Entzugsprobleme wurden nicht beobachtet.“ Besonders profitieren Patienten ab 55, deren Melatonin-Spiegel bereits erniedrigt ist.

SCN steuert Schlafrhythmus

Wer gestresst ist, schläft mitunter schlecht. Dieser Mechanismus hängt mit der Aktivierung der Stressachse zusammen; durch Ausschütten der Stresshormone kann der normale Schlafrhythmus merkbar gestört werden. „Dies ist ein normaler Vorgang, der uns hilft, den Mechanismus der Schlafstörungen unter anhaltender Stressbelastung zu verstehen und, in weiterer Folge, gezielt zu behandeln“, sagt Dr. Michaela Trnka, Ärztin und Leiterin der Gesellschaft für integrative Ganzheitsmedizin in Wien.

Beim gesunden Menschen wird der Schlaf-Wach-Rhythmus über die „Innere Uhr“ gesteuert. Ihr zentraler Schrittmacher, der Nucleus suprachiasmaticus (SCN), liegt im Zwischenhirn, im Bereich der Sehnervenkreuzung und wird über Lichtreize aktiviert. Es gibt aber noch weitere „innere Uhren“, die parallel zum SCN existieren und durch das autonome vegetative Nervensystem synchronisiert werden. Phasen der körperlichen und geistigen Aktivität wechseln sich mit Ruheperioden ab, das wird im Wesentlichen antagonistisch durch das „Wachhormon“ Cortisol und das „Schlafhormon“ Melatonin gesteuert.

Trnka: „Beide Hormone sind verantwortlich für die Funktion unserer inneren Uhr. Normalerweise steigt das Wachhormon Cortisol, das für die Energiebereitstellung verantwortlich ist, über Nacht an und hat seinen höchsten Wert erreicht, wenn wir aufwachen. Über den Tagesverlauf sinkt es ab und ermöglicht es dem Melatonin, anzusteigen, um die Phase körperlicher Ruhe und Erholung einzuleiten.“

Bei Menschen, die unter Stressbelastung stehen, kommt es allerdings zu einer Erhöhung der Stresshormone Adrenalin und Noradrenalin, die den Organismus in die Lage versetzen, auf Belastungssituation zu reagieren. Da dieser Zustand viel Energie erfordert, wird auch das Hormon Cortisol produziert, um auf den erhöhten Energiebedarf reagieren zu können. Dabei kommt es zu einer Umstellung des Stoffwechsels, um Energie aus schnell verfügbaren Quellen zu gewinnen, sowie zur Anpassung vieler anderer Körperfunktionen, wie zum Beispiel der Verdauung oder des Immunsystems.

Stress lässt die Hormone wallen

Bei einer kurzfristigen Stresssituation kommt es nach einiger Zeit wieder zu einem Abfall der Stresshormone und einer Normalisierung aller Körperfunktionen. Der Körper ist nicht mehr auf „Kampf oder Flucht“ eingestellt. Hält die Belastung aber länger an, bleibt auch der Spiegel an Stresshormonen hoch, was in weiterer Folge zu einer schnell spürbaren Beeinträchtigung des Schlafvermögens führt.

Schlafstörungen gehören zu den Kardinalsymptomen der Stressmedizin. Zunächst stört ein anhaltend hoher Spiegel des Stresshormons Cortisol die Ausschüttung von Melatonin, später kommt es auch über die Abnahme von Serotonin, einem Vorläufer des Melatonins, zu weiteren Funktionsbeeinträchtigungen. Einschlafstörungen, aber auch das typische Erwachen in den frühen Morgenstunden weisen auf den gestörten Schlaf-Wach-Rhythmus und das hormonelle Ungleichgewicht hin.

Die Initiative „Gesunder Schlaf“ versteht sich als Drehscheibe zwischen Betroffenen und Experten.

 

 Die kostenlose Informationsbroschüre können Sie über E-Mail ( ) oder die Infohotline 0664-2462515 anfordern.

Kasten:
Infobox Schlaf
Schlafstörungen ...
• werden derzeit 88 verschiedenen Diagnosen zugeordnet.
• betreffen etwa 38 Prozent der Bevölkerung (= etwa 3,2 Millionen Österreicher oder 640.000 Wiener).
• stellen einen hohen Risikofaktor für Herz-/Kreislauf-Erkrankungen dar.
• haben starke Tagesmüdigkeit zur Folge.
• erhöhen das Unfallrisiko um 630 Prozent.
• sind für 24 Prozent aller tödlichen Verkehrsunfälle verantwortlich.
• verursachen rund ein Drittel aller Verkehrsunfälle.
• wirken wie Alkohol im Blut. Wer nur vier Stunden schläft, ist einem Menschen mit 0,5 Promille gleichzusetzen. Eine einzige schlaflose Nacht bewirkt ein Verhalten wie mit 0,8 Promille.
• haben zu Groß-Katastrophen geführt (Tschernobyl, Three Miles Island, Exxon Valdez, Challenger, Herald of Free Enterprise etc.).
• führen pro Jahr (!) zu 10.000 gemeldeten Zwischenfällen allein über dem Luftraum der USA (Aviation Safety Reporting System).
• schränken die Lebensqualität drastisch ein.
• verursachen weltweit Einbußen der Produktivität von jährlich rund 400 Milliarden Euro.
Um solche Effekte zu vermeiden, haben Ärzte die zehn wichtigsten Verhaltensweisen für Autofahrer erarbeitet:
Die „zehn Gebote der Schlafmedizin“.
• Decke den täglichen Schlafbedarf (acht Stunden)
• Achte auf das Schlafritual (Schlaf-wach-Zyklus!)
• Optimiere die Schlafstätte (Bett, Matratze, Polster)
• Verbessere die Umweltbedingungen (Lärm etc.)
• Vermeide sportliche Betätigung vor dem Schlafen
• Optimiere die Ernährung
• Reduziere Stress und Spannung (umgekehrt: alles, was entspannt, fördert den Schlaf)
• Vermeide Schlafstörungen durch Alkohol, Tee, Kaffee, Zigaretten usw.
• Sei während des Tages wach (vor allem ältere Menschen sollten aktiv sein)
• Suche bei Schlafstörungen einen Arzt auf

Von Dr. Gert Baumgart, Ärzte Woche 20/2009

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