zur Navigation zum Inhalt
Foto: Archiv
Prof. Dr. Kurt Widhalm Abteilung für Ernährungsmedizin, Univ.-Klinik für Kinderheilkunde, Medizinische Universität Wien
 
Allgemeinmedizin 12. Mai 2009

Gesundheitsprävention ist kein Firmenschmuck

Vorbeugung nur an einer Änderung des BMI aufzuhängen, ist nicht sinnvoll, sagt Prof. Widhalm.

Gesundheitsförderung und Prävention – oder was macht(e) der McDonalds-Clown in Kindergärten? Das Thema ist kontrovers und wichtig. Untersuchungen des Ernährungspsychologen Prof. Pudel aus Göttingen zeigen, dass Kinder genau wissen, was gesund ist. Wenn sie danach gefragt werden, nennen sie Karotten, Gemüse, Obst, Vollkornprodukte. „Aber wenn man sie fragt, was sie gerne haben, nennen sie an erster Stelle Schokolade, Burger“, meint der Ernährungsmediziner Prof. Dr. Kurt Widhalm.

 

Ernährungspsychologen sagen mit Recht, dass die Leute heute mit Information überflutet werden. „Wir müssen Mechanismen einsetzen, um das Verhalten zu ändern und das Wissen in ein verändertes Verhalten umzumünzen“, betont Prof. Dr. Kurt Widhalm, Leiter der Abteilung für Ernährungsmedizin, Univ.-Klinik für Kinderheilkunde, Medizinische Universität Wien, im Interview mit der Ärzte Woche.

 

Es gibt unzählige Präventions- und Ernährungsprojekte, wie beurteilen Sie diese Projekt-Flut?

WIDHALM: Eine Reihe von Projekten wird teils von der Politik, teils von Firmen gefördert. Viele Projekte haben weder ein standardisiertes Protokoll, noch sind sie evaluiert oder publiziert, sodass man nicht weiß, was dabei herausgekommen ist.

 

Kann man Zweifel an Wissenschaftlichkeit und Sinn haben?

WIDHALM: Nicht nur kann, man muss. Sinnvoller wäre, bundesweite Projekte zu initiieren, um den Projekt-Wildwuchs einzudämmen und die Wissenschaftlichkeit sicher zu stellen. Das fordert ja auch die WHO. Sie hat dazu vor drei Jahren eine Stellungnahme abgegeben und klar gesagt, dass die Trendumkehr spätestens 2015 erreichbar sein muss. Die WHO hat ganz konkret gefordert: Bei der Gestaltung und Umsetzung der politischen Maßnahmen müssen erfolgreiche, nachweislich wirksame Optionen verwendet werden. Sie hat auch für die einzelnen Länder Modellprojekte publiziert, die von den politischen Entscheidungsträgern aufgenommen werden sollten, um in größerem Rahmen in die Praxis umgesetzt zu werden.

 

Wie groß ist das Pouvoir der WHO, bis 2015 eine Trendumkehr herbeizuführen?

WIDHALM: Nicht besonders hoch, weil die Länder am Gesundheitssektor weitgehend autark sind und nicht wirklich Guidelines der WHO folgen müssen – aber zumindest der moralische Druck sollte da sein. Die WHO hat keine Maßnahmen und Möglichkeiten, den Druck zu erhöhen.

 

Viele Länder haben als Präventionsziel eine Abnahme des BMI, Österreich nicht – warum?

WIDHALM: Man sollte den Body Mass Index nicht als primäres Ziel heranziehen. Die bisher vorliegenden Daten zeigen, dass auch intensiv und multidisziplinär durchgeführte Prävention nicht so schnell in der Lage ist, den BMI zu ändern. Der BMI ist ein schlechter Parameter für die Bestimmung bzw. Beschreibung der Über- oder auch der Untergewichtigkeit. Viel besser ist die Relation Fettmasse zu fettfreier Körpermasse. Man muss auch andere Kriterien wie die Änderung der Ernährungsgewohnheiten, die Änderung von Komorbiditäten, die Verbesserung von Blutdruck, Blutlipidprofilen oder von ‚physical fitness’ heranziehen.

 

Kinder und Jugendliche nehmen heute oft mehr zu sich, als sie verbrauchen. Was sind die Gründe?

WIDHALM: Das Bewegungsdefizit ist evident. Studien zeigen, dass Fitness, Geschicklichkeit und das Können bestimmter Übungen in einem bestimmten Alter abgenommen haben. Zur Frage der Aufnahme von Energie gibt es longitudinal, über 20 bis 30 Jahre, keine validen Daten, weil diese kaum zu erheben sind.

 

Adipositas-Epidemie unter Kindern und Jugendlichen – wird der Trend der Übergewichtigkeit anhalten oder gebremst werden können?

WIDHALM: Dazu haben wir noch keine validen Daten. In einzelnen Bundesländern in Deutschland konnte der Anstieg durch Maßnahmen abgebremst werden. In Österreich müssten wir dazu in den einzelnen Bundesländern Daten aus Schulen für Gewicht, Größe etc. jährlich auswerten. Diese Daten werden zwar durch Schulärzte erhoben, sind aber nie bundesweit ausgewertet worden. Allerdings werden z.B. die Verlaufsdaten des Bundesheers genau ausgewertet. Wie kürzlich publiziert, haben Gewicht und BMI in einem Zeitraum von zehn Jahren signifikant zugenommen. Es wäre für Interventions- und Präventionsmaßnahmen enorm wichtig, wenn man wüsste, in welchem Alter ein Gewichtssprung zu beobachten war. Dann wäre deutlich, wo man intervenieren sollte – das wissen wir aber nicht, daher sollten diese Zahlen aus Schulen unbedingt ausgewertet werden.

 

McDonalds in Kindergärten, die Lebensmittelindustrie bei Präventionsprojekten – ist das sinnvoll?

WIDHALM: Für derartige Projekte muss die öffentliche Hand Geld bereitstellen. Bisher war es fast ausschließlich so, dass Minister beim Versuch, solche Projekte zu starten, laut nach Firmen gerufen haben. Es wurden Firmen eingeladen, Vorstellungen zu machen, und dann kam es dazu, dass die McDonalds-Männchen in den Kindergärten aufgetaucht sind. Dass bei den Erhebungen über die Übergewichtigkeit – die völlig überflüssig waren in Österreich, weil die Daten gibt es – sofort eine Firma dagestanden ist und bei Erhebungen über Frühstücksgewohnheiten sofort eine andere ... das sollte nicht sein.

Ist eine wirklich effektive Prävention in erster Linie durch Hinaushaltung wirtschaftlicher Interessen zu erreichen?

WIDHALM: Das ist nicht nur meine Meinung, sondern primär eine ganz klare Forderung der WHO. Studien belegen, dass Kinder und Jugendliche bis zu 200 Werbespots pro Tag konsumieren, die mit – überwiegend energiereichen – Lebensmitteln zu tun haben. Effiziente Präventionsmaßnahmen erfordern langfristige, nachhaltige Projekte mit geschulten Personen, und die kosten Geld.

 

Welche Bedeutung haben Probiotika in der Kinderernährung, gibt es dazu bereits Daten?

WIDHALM: Probiotika sind in der Prävention und Behandlung von Erkrankungen ein ganz wichtiges und neues Thema, wir stehen aber noch in den Anfängen der Forschung. Diese ist am Menschen sehr schwierig durchzuführen. Wenn etwa Probiotika in der Behandlung von Durchfallerkrankungen angewendet werden, geht es bei den Ergebnissen oft um Nuancen. Aber es gibt eine ganze Reihe von Hinweisen aus experimentellen Modellen, die zeigen, dass die Immunabwehr verbessert wird.

Vieles, was in der Werbung suggeriert wird, ist noch nicht so stichhaltig, wie es vermittelt wird, dass z.B. Erkältungen, Infekte, Darminfekte vermieden werden könnten. Es gibt Studien zu Produkten am Markt, die zeigen, dass die Häufigkeit von Infektionen im Spital sinkt. Sehr spannend ist die Möglichkeit der Allergieprävention, wozu eine große Studie in Holland läuft. Wenn z.B. Schwangere täglich bestimmte probiotische Keime zu sich nehmen, wird der Immunhaushalt so modifiziert, dass die Kinder später weniger zu Asthma neigen – diese Mechanismen im Sinne der Prävention sind faszinierend. Es wurde auch gezeigt, dass die Häufigkeit von atopischem Ekzem durch bestimmte Keime deutlich abnimmt.

Durch Modulierung des bakteriellen Systems im Darm haben Probiotika die Ernährungsphysiologie und -medizin in eine völlig neue Phase gebracht. Bisher wurden immer Bilanzstudien gemacht: Was geht hinein und hinaus, der Rest muss irgendwo sein. Aber bei Pro- und Präbiotika gilt ein ganz anderes Prinzip: Man rechnet damit, dass man die Funktion von Keimen im Darm beeinflussen kann, dass sie gewisse andere Tätigkeiten ausüben, bestimmte andere Stoffe besser resorbieren, die Immunzellen anregen bis hin zur Beeinflussung des Fettstoffwechsels usw. Diese Effekte lassen sich allerdings schwer messen.

 

Das Interview führte Mag. Peter Bernthaler

Kasten:
Sinnvolle Präventionsmaßnahmen bei Kindern
Beispiel 1: Verdickung von Arterien/Halsschlagadern bei Kindern WIDHALM: „Die Erfassung von Trägern dieser Erkrankung gehört in das Gebiet der Prävention. Man müsste ein Screening-System einführen, wo in allen Familien, in denen Herzinfarkt oder Hypercholesterinämie bekannt sind, Kinder auf diese Erkrankung untersucht werden. Damit sind wir aber noch weit zurück in Österreich. In Holland gibt es ein durch den Staat finanziertes Gendiagnostik-Screeningprogramm, auch in Spanien und Norwegen. Mit einem Gentest (Kosten bei rd. 700 Euro) kann man dezidiert sagen, wer betroffen ist und wer nicht. Bei Laboruntersuchungen beträgt die Fehlerquote zirka zehn bis 20 Prozent. In Österreich sind etwa 5.000 Kinder betroffen, etwa 250 Kinder sind in Behandlung. Es handelt sich um eine der häufigsten Stoffwechselerkrankungen in Österreich mit einer Prävalenz von 1/500. 90 Prozent der Fälle sind weder erkannt noch in Behandlung. Das Risiko, in jüngerem Alter an Herzinfarkt zu sterben, ist eindeutig erhöht. Mit 50 Jahren erleiden 30 bis 40 Prozent der Betroffenen einen Herzinfarkt, viele bereits mit 30. In erster Linie bedeutet es therapeutisch eine Umstellung auf gesunde Ernährung (mit u.a. Rapsöl, Sojaprotein), damit kann mindestens die Hälfte der Kinder auf Normalwerte ohne medikamentöse Therapie gebracht werden. Später werden einige dieser Patienten Medikamente brauchen, aber vielfach reichen jahrelang ausschließlich diätetische Maßnahmen aus.“
Beispiel 2: Situation und Kompetenz von Schulärzten
WIDHALM: „Die Situation der Schulärzte ist von ihrem Aufgabenbereich her sehr problematisch: Sie unterstehen beiden, dem Bildungs- und dem Gesundheitsministerium, und es ist bisher keine klare Aufgabenbeschreibung vollzogen worden, was sie zu tun haben. Sie sollen beraten, Messungen durchführen etc., aber letztlich haben sie keine Kompetenz, Entscheidungen zu treffen. Sie sollten 1. epidemiologische Daten auswerten, 2. vergleichen, 3. Schlüsse daraus ziehen. Bei Erfassung von Störungen müssten sie auch die Möglichkeit haben, Jugendliche und Kinder auf direktem Weg Ärzten zuzuweisen, sie sollten einen wirklich guten Kontakt zu anderen Ärzten haben. Hier muss die Stellung des Schularztes im Sinne einer ganz wichtigen Position im präventiven Bereich mit ganz konkreten Aufgaben eindeutig gestärkt werden. Nur Ernährungsberatung ist zu wenig. Und: Schulärzte müssen auch entsprechend ausgebildet sein. Nicht dass sie einem Dicken sagen – bei dem sie ohnehin schon früher hätten reagieren müssen –, er soll abnehmen, wenn er es nicht kann. Deswegen ist Prävention enorm wichtig – es muss schon bei Beginn der Übergewichtigkeit interveniert wird. Und nicht erst dann, wenn jemand 30 kg Übergewicht hat.“

Von Mag. Peter Bernthaler, Ärzte Woche 20/2009

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Mehr zum Thema

<< Seite 1 >>

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben