zur Navigation zum Inhalt
Foto: thinkstockphotos.de
Die Todesfälle im Zusammenhang mit Malaria sind zwar weltweit zurückgegangen, trotzdem ist eine Prophylaxe vor allem in Form der Verhütung von Insektenstichen notwendig.
 
Allgemeinmedizin 11. Mai 2012

Infektionsgefahr für Migranten wird häufig ignoriert

Der Apotheker fungiert bei fehlendem reisemedizinischem Kontakt als erste Beratungsstelle.

Die Durchimpfungsrate bei Menschen mit Migrationshintergrund ist deutlich geringer als bei der übrigen Bevölkerung. Das führt dazu, dass das Risiko, beispielsweise an Hepatitis A zu erkranken, bei Migranten, die öfter und länger in ihren Heimatländern bleiben, im Vergleich zu Urlaubern um ein Vielfaches höher ist. Verglichen mit dänischen Urlaubern etwa im Verhältnis 600:1.

 

Univ. Prof. Dr. Herwig Kollaritsch vom Institut für Spezielle Prophylaxe und Tropenmedizin in Wien sieht das Problem vor allem in einem Mangel an Krankheitsbewusstsein und Information: Es fehlt der reisemedizinische Kontakt. „Bei dieser Kontaktaufnahme könnte der Apotheker eine beratende Rolle übernehmen, denn die Apotheke wird öfter und ohne Schwellenangst aufgesucht als eine Arztpraxis“, lautete daher die Empfehlung des Reisemediziners bei der 45. Wissenschaftlichen Fortbildungswoche der Österreichischen Apothekerkammer im vergangenen März in Saalfelden.

Mir kann ja nichts passieren

Visiting Friends and Relatives, international als VFR‘s bezeichnet, gelten als die Höchstrisikogruppe für reiseassoziierte Krankheiten. Das ergibt sich aus der längeren Aufenthaltsdauer im Heimatland, dem engen familiären Kontakt, der Unterkunft und der Ernährung, aber auch einer Fehleinschätzung der eigenen Immunität. „Malaria habe ich ja schon öfter gehabt, kein Problem.“ Doch die Immunität gegen Malaria schwindet innerhalb von einigen Monaten. Oder „ich bin ja hier aufgewachsen, ich bin an das heimische Essen und Trinken gewöhnt.“ Klassische Beispiele für diese Fehleinschätzungen sind das Aufflammen des Gelbfiebers in Paraguay oder der Tollwut im Balkan und in Bali, oder die re-emerging disease Dengue. „Durch Aufklärung und Information in mehreren Sprachen soll die Impfversorgung speziell für Migranten verbessert werden“, fordert Kollaritsch.

Zur Fehleinschätzung bezüglich der eigenen Immunität kommen weitere, schwerwiegende Konsequenzen. Migranten suchen meist erst nach ihrer Rückkehr in das Gastland einen Arzt auf, die Therapie erfolgt daher erst in einem fortgeschrittenen Stadium der Krankheit. „Das stellt auch eine erhöhte Ansteckungsgefahr der Bevölkerung im Gastland dar. Das Streupotential importierter Keime kann zum Risiko werden, noch dazu, wenn darunter auch hoch resistente Erreger sind, wie MDR – und XDR Tuberkulose aus Afrika, bakterielle Ruhr und Campylobacter aus dem indischen Subkontinent.

Menschen mit Migrationshintergrund machen bereits etwa 8,8 Prozent der europäischen Bevölkerung aus, die Zuwanderung nach Österreich liegt mit 15 Prozent über dem EU Durchschnitt von acht Prozent. „Bei der Planung von Gesundheitsstrategien muss man daher auf diese Bevölkerungsgruppe sozial-medizinische Rücksicht nehmen“, fordert Kollaritsch.

Acht Herausforderungen – acht Strategiepunkte

Das sind die wichtigsten Herausforderungen der Zukunft für Europa:

  • Multiresistente bakterielle Erreger
  • Vektor-assoziierte Erkrankungen
  • sexuell übertragene Erkrankungen
  • Nahrungsmittel assoziierte Erkrankungen
  • nosokomiale Infektionen
  • multiresistente Tuberkulose
  • und pandemische Influenza.

Rückgang der Malaria

Obwohl etwa drei Milliarden Menschen in 106 malariaendemischen Regionen leben, sind die Erkrankungen und Todesfälle fast um die Hälfte zurückgegangen. Trotzdem ist Prophylaxe notwendig, vor allem die Verhütung von Insektenstichen. Als Medikamente zur Chemoprophylaxe empfiehlt sich u.a. Atovaquon/Proguanil = Malarone, das zwar teuer, aber wirksam ist und mit fettreicher Nahrung eingenommen wird. Weitere Empfehlungen kann der Apotheker geben. Eine Notfall- Selbstmedikation beim Auftreten von Malariasymptomen soll nur mit Medikamenten aus Europa vorgenommen werden. Reisende in Risikogebiete sollten daher vor der Abreise den Apotheker aufsuchen.

„Grundsätzlich ist selbst bei aller möglichen Prophylaxe schwangeren Frauen von einer Reise in ein Malariagebiet dringend abzuraten“, warnte Kollaritsch. Vor dem Antritt einer Reise in grundsätzliche Risikogebiete sollte der Impfstatus überprüft werden, auch im Hinblick auf den gegenwärtigen Zustand des Reisenden und die neuen Impfrichtlinien. „Das Vertrauen zur Impfung muss gestärkt werden, es besteht vor allem ein Mangel an Information über die Sicherheit der Impfstoffe. Darum wäre mehr Aufklärung erforderlich,“ erklärte der Impfexperte. Für den einzelnen Fall gibt es verschiedene Impfschemata (siehe Beispiele).

Von G. Niebauer, Apotheker Plus 4/2012

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Mehr zum Thema

<< Seite 1 >>

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben