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Allgemeinmedizin 9. Mai 2012

Mobilität im Alter erhalten, Pflegebedürftigkeit verzögern

Initiativen klären über Hindernisse und Präventions-Strategien auf.

Die Lebenserwartung hat sich in den vergangenen 100 Jahren verdoppelt. Die EU hat deshalb 2012 zum „Europäischen Jahr für aktives Altern und Solidarität zwischen den Generationen“ (EJAA) erklärt, um für die Chancen und Herausforderungen einer langlebigen Gesellschaft zu sensibilisieren. Aktives Alter(n) bedeutet, Mobilität und Autonomie zu erhalten und Pflegebedürftigkeit möglichst nach hinten zu verschieben. Die „Initiative Mangelernährung“ und die „Österreichische Initiative gegen Sarkopenie“ nützen das EJAA, um über die Prävention von Muskelschwund, Gebrechlichkeit, Mangelernährung, Stürzen und Brüchen aufzuklären.

 

„Im Konzept des aktiven Alterns geht es wesentlich darum, durch Prävention den Zeitpunkt der Immobilität und Pflegebedürftigkeit möglichst nach hinten zu verschieben, aber auch das Fortschreiten von bestehender Pflegebedürftigkeit nach Möglichkeit zu verhindern“, so Dr. Angelika Rosenberger-Spitzy, Botschafterin des EJAA und SeniorInnenbeauftragte der Stadt Wien.

Gelänge es, den Eintritt von altersbedingten Behinderungen um nur ein Jahr hinauszuzögern, würde der bis 2050 prognostizierte Zuwachs an Behinderungen halbiert. Eine Verschiebung um drei Jahre würde in Europa sogar zu einem Absinken der Anzahl altersbedingter Behinderungen führen – trotz steigender Lebenserwartung. „Die größten Hürden auf diesem Weg heißen Muskelschwund, Gebrechlichkeit, Mangelernährung, Knochenschwund und Knochenbrüche“, so Prim. Dr. Klaus Hohenstein vom Institut für Physikalische Medizin und Rehabilitation, Geriatriezentrum Wienerwald, Wien. „Gegen diese Hindernisse lässt sich etwas tun: Mit einfachen Mitteln wie gezielter Ernährung, Supplementierung von Wirkstoffen wie Proteinen und essentiellen Aminosäuren und angepasstem Krafttraining.“

Neue Website www.aktivaltern.at

Die „Österreichische Initiative gegen Sarkopenie“ und die „Initiative Mangelernährung“ werden ihre Aktivitäten im EJAA verstärken und bündeln. Ein Ergebnis ist die Website www.aktivaltern.at. Hohenstein: „Sie bietet Informationen und Kurz-Tests, die Hinweise auf die genannten Krankheiten geben können. Je früher der Arztbesuch, desto frühzeitiger die Diagnose und Therapie, desto besser der Erhalt von Mobilität und Autonomie.“

Stürze und Brüche verhindern

Gemäß WHO stürzen jedes Jahr 30 Prozent der über 65-Jährigen und 50 Prozent der über 80-Jährigen. In Österreich gibt es beispielsweise jährlich rund 16.000 Oberschenkelhalsbrüche. Diese sind oft ein Zeichen für eine bereits fortgeschrittene Osteoporose. Hohenstein: „Was weniger bekannt ist: Auch Mangelernährung und ihre Folgen können das Sturzrisiko beträchtlich erhöhen, Betroffene stürzen infolge Kraftmangels.“

Verlust von 1 bis 3 Prozent der Muskelmasse

„Jeder Tag ohne Essen bedeutet im Alter einen Verlust von 300 bis 500 Gramm Muskelgewebe, das entspricht 1 bis 3 Prozent der Muskelmasse eines älteren Menschen“, so Prof. Dr. Michael Hiesmayr, Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft für Klinische Ernährung; Universitätsklinik für Anästhesie und Intensivmedizin, MedUni Wien. „Diesen Verlust kann man nur durch eine systematische und konsequente Kombination von Ernährung und körperlicher Aktivität wieder ausgleichen. Verlust ist unmittelbar, Aufbau zeitintensiv.“

Verhungern im Spital?

Die Dimension des Problems zeigen die Auswertungen des nutritionDay Projekts, dem derzeit Daten von 98.000 Spitals-Patienten und 23.000 Pflegeheim-Bewohneren aus 49 Ländern und 4.097 Stationen vorliegen: 47 Prozent der älteren Krankenhaus-Patienten haben vor der Aufnahme Gewicht verloren, nur 44 Prozent haben in der letzten Woche normal gegessen. Dieser Prozentsatz nimmt im Krankenhaus weiter ab. Dort essen 39 Prozent ihr ganzes Essen, 33 Prozent nur die Hälfte, 10 Prozent nichts. Deutlich weniger als die Hälfte der Patienten, die im Krankenhaus nichts essen, bekommen dort eine Ernährungsintervention. Das Risiko, im Krankenhaus innerhalb eines Monats zu sterben, steigt bei jenen, die ein Viertel oder weniger essen, um das 5-Fache an.

Eine Reihe von systematisch durchgeführten Maßnahmen soll Abhilfe schaffen. Hiesmayr: „In Zukunft ist ein besonderes Augenmerk auf die Prophylaxe zu legen.“

Krankhaften Abbau von Muskelmasse bremsen

Auch Sarkopenie kann zu massiven Beeinträchtigungen wie Verlust an Mobilität bis hin zu Invalidität und erhöhter Sterblichkeit führen. Ab etwa 50 nehmen Muskelmasse und -kraft um 1 bis 2 Prozent pro Jahr ab, ab 70 reduziert sich die Muskelkraft jährlich um etwa 3 Prozent. Geht der Verlust schneller voran, kann Sarkopenie vorliegen. Alter, Krankheit, körperliche Inaktivität, zu geringe oder einseitige Nahrungsaufnahme können diesen Prozess beschleunigen. Die Häufigkeit von Sarkopenie wird bei 60- bis 70-Jährigen mit bis zu 13 Prozent angegeben, bei den über 80-Jährigen beträgt sie bereits bis zu 50 Prozent.

Hohenstein: „Bei der Therapie spielen regelmäßiges Krafttraining und Protein-optimierte Ernährung eine bedeutende Rolle. Neuere Studien zeigen, dass für ältere, speziell sarkopenische Menschen 1 bis 1,2 Gramm Protein pro Kilogramm Körpergewicht pro Tag sinnvoll sind.“ Also mehr als die lange Zeit empfohlenen 0,8 Gramm pro Kilogramm Körpergewicht pro Tag. Doch selbst die werden von 40 Prozent der über 70-Jährigen nicht erreicht. „Die Supplementierung von Protein und essenziellen Aminosäuren, insbesondere Leucin, verringert nachweislich den Muskelabbau und ist damit ein wichtiger Beitrag zum Erhalten der Mobilität und zur Sturz- und Bruchprävention.“

Gebrechlichkeit

„Frailty“ tritt bei bis zu 14 Prozent der zu Hause lebenden über 65-jährigen auf. Sie ist eng mit Sarkopenie verbunden, umfasst aber auch bestimmte psychologische und soziale Dimensionen. Ihre gravierende klinische Bedeutung reicht von einem Verlust an Selbstständigkeit über erhöhten Pflegebedarf bis hin zu gesteigertem Sterblichkeits-Risiko. Hohenstein: „Um bei Gebrechlichkeit dem Muskelabbau, dem Funktions- und Mobilitätsverlust und dem erhöhten Unfallrisiko entgegenzuwirken, sind physiotherapeutische Maßnahmen und eine adäquate Versorgung mit Protein und essenziellen Aminosäuren wesentlich.“ Ein einfacher Selbst-Test kann Hinweise darauf geben, ob Gebrechlichkeit vorliegt.

Unfallrisiko zu Hause erhöht

Die weitaus meisten Unfälle ereignen sich im häuslichen Umfeld, vor allem im höheren Alter. Aktuelle Untersuchungen zeigen, dass vier Fünftel der über 50-jährigen ihre Wohnung weder altersgerecht angepasst haben noch eine Anpassung vorhaben. Kleine Veränderungen können hier viel bewirken.

Verfügbare Präventionsmaßnahmen konsequent nützen

„Es gibt also sehr viele einfache und erfolgreiche Präventionsmaßnahmen gegen Sturzrisiken, Alters-assoziierte Einschränkungen der Mobilität und Pflegebedürftigkeit“, bilanzierte Hohenstein. „Wir leben immer länger, und wir sind als Gesellschaft in der Lage, den Lebensabschnitt Alter besser zu planen und zu gestalten als je zuvor. Der Erhalt von Mobilität und Selbstständigkeit sind eine Voraussetzung dafür, von diesen Entwicklungen bestmöglich profitieren zu können. Die verfügbaren Präventionsmaßnahmen sollten also auch konsequent genützt werden.“ B&K/FH

 

Quelle: Pressekonferenz zum „Europäischen Jahr für aktives Altern", 24. April 2012, Wien

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