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Foto: thinkstock
Patienten mit chronischen Erkrankungen sollten vor Reisen eine ärztliche Beratung in Anspruch nehmen.
 
Allgemeinmedizin 3. Mai 2012

Krankheit im Gepäck

Sicheres Reisen von chronisch Kranken sollte mit einer individuellen ärztlichen Beratung beginnen.

Die Reisemedizin umfasst mehrere medizinische Fachgebiete, wie zum Beispiel Innere Medizin, Sozial- und Tropenmedizin, Hygiene und Mikrobiologie. In Zeiten des Massentourismus stellen vulnerable Gruppen eine Herausforderung dar. Dazu gehören HIV-Positive, Schwangere, ältere und vor allem chronisch kranke Menschen. Die 17. Linzer reisemedizinische Tagung stand deshalb auch unter dem Motto „fern.weh“ – in der Doppelsinnigkeit des Wortes.

 

Eine lange Autofahrt oder eine anstrengende Flugreise, ein ungewohntes Klima und eine fremde Küche können für einen Reisenden ebenso zum Risikofaktor werden wie fehlende Sprachkenntnisse und die unterschiedliche medizinische Versorgung in anderen Ländern. Ein chronisch Kranker ist mit zahlreichen Fragen konfrontiert: Muss ich das Blutzuckermessgerät mitnehmen? Welche Medikamente muss ich während der Reise kühlen? Gibt es an meinem Urlaubsort meinen Gerinnungshemmer, und ist er dort unter einem anderen Namen erhältlich? Werde ich als Diabetiker mit meinen Spritzen vielleicht mit Drogen in Verbindung gebracht werden?

„Ärztinnen und Ärzte sind für Menschen mit chronischen Erkrankungen wichtige Partner, wenn es ums Reisen geht. Aber jeder Reisende hat seine individuellen Ansprüche und ist unterschiedlich belastbar“, erklärte der Präsident der Ärztekammer OÖ, Dr. Peter Niedermoser. In der sorgfältigen Planung einer Reise kommt der Reisemedizin somit eine Brückenfunktion zu. Diabetes, Bluthochdruck, Herzkrankheiten, die Einnahme von Gerinnungshemmern und Immunsuppressiva setzen beim Reisen zwar gewisse Grenzen, Betroffene müssen aber trotzdem nicht auf ihren Urlaub verzichten.

Der Arzt des Vertrauens

„Wir empfehlen immer wieder den Menschen, sie sollen zum Arzt ihres Vertrauens gehen, der zuständig für ihre Grundkrankheit ist. Wir sind aber daran interessiert, dass auch die Kompetenz im Vordergrund steht, weswegen wir großen Wert auf die Fortbildung der Ärzte auf hohem wissenschaftlichen Niveau legen“, sagte Dr. Elisabeth Dienstl von der Medizinischen Gesellschaft OÖ.

Die Fortbewegung wird immer schneller und häufiger, und so können auch sehr schnell Infektionskrankheiten von einem Ort in einen anderen übertragen werden. „Leider gibt es auch Irrmeinungen unter den chronisch Kranken, z. B. die, dass sie weniger Impfschutz brauchen, weil sie sowieso schon viele Medikamente einnehmen“, so Dr. Susanne Hasenöhrl von der Abteilung Gesundheit des Amtes der OÖ Landesregierung. „In Wirklichkeit ist es natürlich meist umgekehrt, da die Immunsituation bei chronisch Kranken in der Regel schlecht ist.“

Viele nehmen Medikamente, die das Immunsystem beeinträchtigen, das betrifft nicht nur Patienten nach Transplantationen, sondern auch Patienten mit „banalen“ Leiden wie rheumatischen Erkrankungen. Außerdem gibt es eine große Anzahl an Personen, die Gerinnungshemmer einnehmen. „Solche Medikamente wirken auch ernährungsabhängig, weswegen Reisen ein Problem darstellen können“, führte DDr. Martin Haditsch, Facharzt für Hygiene, Mikrobiologie, Infektiologie und Tropenmedizin in Linz, aus. Was die Vulnerabilität betrifft, müsse man auch an Kinder und Kleinkinder denken, denn es gebe nicht nur einen „Outgoing“-, sondern auch einen „Incoming“-Tourismus. Migration- oder Adoptivkinder, die aus anderen Ländern zu uns kommen, sind häufig Überträger zahlreicher Krankheitserreger. Generell sind Kinder anfälliger für Infektionen als Erwachsene, so kann etwa Reisedurchfall bei ihnen einen dramatischen Verlauf annehmen.

Trotz des hohes Risikos erfreut sich auch der Sextourismus immer noch großer Beliebtheit. Es bestehen unterschiedliche Risikoprofile in unterschiedlichen Ländern, doch zeigen sich Reisende diesbezüglich meist beratungsresistent. Als Todesursache Nummer eins auf Reisen haben Herzkreislauferkrankungen (etwa 40 Prozent) Unfälle abgelöst (35 Prozent). „Nur“ an dritter Stelle stehen heute Infektionskrankheiten (25 Prozent).

Gute Datenlage

„Auch was die FSME-Impfung betrifft, ist Bewusstseinsbildung gefragt, wenigen ist bekannt, dass es auch durch den Binnentourismus eine starke Verschränkung zur Reisetätigkeit gibt“, sagte Haditsch. Ein Wiener, der sich in Kärnten seine FSME holt, oder detto ein Hamburger im Schwarzwald – bei beiden handelt es sich eigentlich um eine reiseassoziierte Krankheit. Reiseassoziiert war etwa auch die EHEC-Infektion in mehreren europäische Ländern, wobei es lange Zeit nicht klar war, wie es mit der Streuung aussah. „Darum sind ein gut funktionierendes öffentliches Gesundheitswesen und Epidemiologie so wichtig, um gegensteuern zu können“, so Haditsch.

Gute Daten der Weltgesundheitsorganisation können in eine reisemedizinische Beratung einfließen, was wiederum großes Basis- und Detailwissen erfordert. Prof. Dr. Herwig Kolleritsch, Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Reise- und Touristikmedizin, brachte das Beispiel der importierten Malaria. „Hatten wir früher in Österreich etwa 100 bis 130 Fälle von Malaria jährlich, so haben sich die Zahlen in den letzten Jahren nahezu halbiert. Das ist nicht zuletzt den Fortschritten in der Reisemedizin zu verdanken“, so Kolleritsch.

 

Quelle: Pressekonferenz anlässlich der 17. Linzer reisemedizinischen Tagung: „Chronisch krank – und trotzdem sicher reisen“, 13. April 2012.

Kasten 1
Reisetipps bei chronischen Erkrankungen
Risikofaktor Blutzucker
Durch mehr Bewegung, das Weglassen von Mahlzeiten oder Essen zu ungewohnten Zeiten kommt es auf Reisen zu vermehrten Schwankungen des Blutzuckers. Deshalb ist es oft nötig, den Blutzucker häufiger als sonst zu kontrollieren. Bei ungewohntem Essen empfiehlt es sich, kurz vor und etwa zwei Stunden nach der Mahlzeit den Blutzucker zu messen.
Wichtig ist eine richtige Lagerung des Insulins, denn es kann bei Frost ebenso unbrauchbar werden wie bei großer Hitze (Kühltasche!). Bei starken Erschütterungen ist ein gepolsterter Behälter notwendig, da sich sonst die Eiweißmoleküle im Insulin erheblich reduzieren können. Der Insulinpflichtige sollte wegen der Gefahr der rascheren Unterzuckerung (etwa bei großer Hitze) immer Traubenzucker dabei haben, ebenso wie ein mehrsprachiges ärztliches Attest, welches die Verwendung von Insulin bestätigt

Risikofaktor Bluthochdruck
Wegen der besseren Anpassung ist ein langer Urlaub besser mehrere kurze Trips. Bei Netzhauptproblemen sollten generell Flugreisen und Ausflüge ins Hochgebirge vermieden werden, ebenso wie ausgiebige Sonnenbäder oder der Sprung ins Wasser ohne vorherige Abkühlung.

Risikofaktor Herz
Herzpatienten sollten sich genug Zeit zum Akklimatisieren nehmen und große Anstrengungen wie schwere Bergtouren, längere Geländefahrten oder ein sehr intensives Besichtungsprogramm ohne Pausen vermeiden.
Ein Herzschrittmacher, künstliche Herzklappen oder ein Defibrillator sind grundsätzlich kein Hindernis für eine Reise. Nach einem Herzinfarkt oder einer Operation sollte man jedoch ein paar Wochen oder bis zu drei Monate zuwarten, bevor man eine Reise antritt.

Gerinnungshemmer und Immunsuppressiva
Ins Handgepäck gehören Messgerät für die Blutgerinnung sowie Teststreifen, Lanzetten und die Medikamente. Betroffene sollen ihre Gerinnungswerte öfter als sonst kontrollieren und bei Bedarf die Medikamentendosis anpassen.
Wer Immunsuppressiva einnimmt, ist meist besonders anfällig für Infektionen, daher ist Prävention das oberste Gebot. Wichtig ist die Berücksichtigung des Hygienestandards im Urlaubsland, die sorgfältige Auswahl von Speisen (nichts Rohes) und Getränken.
In tropischen Gebieten sind Moskitonetze und lange Kleidung angesagt, oftmals auch eine Auffrischung des Impfschutzes. Je mehr Informationen über das Zielland eingeholt werden können (z. B. Möglichkeiten zur Dialyse oder zur Messung des Cyclosporin-Spiegels), desto besser.

Von R. Hofer , Ärzte Woche 18 /2012

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