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Allgemeinmedizin 27. April 2012

Schutz vor dem Schmerz

Regelmäßiger Sport hilft gegen chronisches Leid.

Regelmäßiger Ausdauersport beugt nicht nur dem Auftreten von Schmerzen im Bewegungsapparat vor, sondern ist auch für Patienten mit chronischen oder wiederkehrenden Schmerzen günstig, um das Leid zu verringern. Dr. Michael Küster, Schmerztherapeut aus Bonn, empfiehlt mindestens zwei bis drei Mal pro Woche Ausdauersport wie Laufen, Schwimmen, Radfahren über 30 Minuten bei mittlerer Intensität.

Zwar sei die Studienlage zum Nutzen von körperlicher Bewegung bei Schmerzkranken gering und ein kausaler Zusammenhang nicht belegbar, sagte Küster. Aber es gebe bereits einige indirekte Hinweise für eine Schmerzprotektion durch regelmäßigen Sport. Küster nannte Daten einer US-Studie mit älteren Patienten mit muskuloskelettalen Schmerzen und 14-jähriger Beobachtungszeit. Personen, die regelmäßig Sport trieben, hatten am wenigsten Schmerzen, und die Schmerzen wurden auch im Lauf der Zeit nicht schlimmer; umgekehrt waren die Schmerzscores von Studienteilnehmern, die keinen Sport trieben, höher und nahmen auch im Studienverlauf zu.

Gewichte stemmen

In einer Meta-Analyse der Daten von 61 Studien mit insgesamt fast 6.400 Teilnehmern ergaben sich auch eindeutige Hinweise für den Nutzen eines Gerätetrainings bei chronischen Rückenschmerzen, insbesondere bei Integration eines Dehnprogramms. Den Daten zufolge sei das Training effektiver als jede andere konservative Therapie, berichtete Küster, wahrscheinlich auch bei subakuten Rückenschmerzen. Kein Vorteil zeigte sich hingegen bei Patienten mit akuten Rückenschmerzen.

Weitere Hinweise stammen aus einer großen Kohortenstudie in Norwegen mit fast 95.000 Teilnehmern ab 20 Jahren, von denen 40 Prozent seit mehr als sechs Monaten unter moderaten Schmerzen litten. Bei Personen, die zwei bis drei Mal pro Woche Sport trieben, war das Schmerzniveau um zehn bis zwölf Prozent geringer als bei Nichtsportlern, in der Altersgruppe der über 65-Jährigen betrug der Unterschied sogar 27 Prozent und wurde bei noch häufigerem Sport noch deutlicher.

Aerobes Ausdauertraining und Krafttraining

Der größte Benefit werde durch aerobes Ausdauertraining wie Walking, Joggen, Radfahren, Schwimmen oder Rudern erreicht, durch das die großen Muskelgruppen beansprucht werden, sagte Küster. Die Belastung sollte moderat sein und bei höchstens 65-70 Prozent der maximalen Herzfrequenz liegen. Empfehlenswert sei bei den meisten Patienten ein Puls unter Belastung von 120-130 pro Minute. Bei Krafttraining zum Muskelaufbau seien zwei Einheiten pro Woche mit acht bis zehn Übungen jeweils bis zur muskulären Ermüdung sinnvoll. Als mögliche Wirkmechanismen des protektiven Effektes von Sport kommen nach Angaben von Küster unter anderem in Frage:

  • Endorphin-Freisetzung
  • verbesserter Schutz vor muskuloskelettalen Verletzungen
  • Abbau von muskulären Verspannungen
  • Abbau von psychischem Stress und möglicherweise auch
  • Erhöhung der Schmerzschwelle.

Schmerzmittel nicht vorbeugend

Sehr kritisch äußerte sich der Schmerztherapeut zu der weit verbreiteten Praxis von Freizeitsportlern, insbesondere von Marathonläufern, dem Auftreten von Schmerzen bereits vor Beginn des Wettkampfs durch Einnahme von Schmerzmitteln vorzubeugen. In einer Befragung von rund 4.000 Teilnehmern des Bonn-Marathons 2010 gaben 56 Prozent der Befragten eine Schmerzmitteleinnahme vor dem Start an, obwohl sie vom Veranstalter vorher per Mail vor einer unkritischen Schmerzmitteleinnahme gewarnt worden waren. Meistens wurden NSAR eingenommen, die bei mehr als der Hälfte zu Nebenwirkungen führten, bei 20 Prozent bereits während des Laufs. Am häufigsten waren Magen-Darm-Krämpfe, blutiger Urin oder Durchfall, Übelkeit, Erbrechen und Herz-Kreislauf-Probleme, berichtete Küster. Auf die Abbruchrate der Läufer hatte die NSAR-Einnahme keinen Einfluss, die Medikamente schaden also eher.

Der Rat des Schmerztherapeuten: Ärzte sollten Freizeitsportler über die Risiken einer NSAR-Einnahme aufklären; wenn überhaupt, sollten Schmerzmittel erst nach dem Lauf und nach ausreichender Flüssigkeitszufuhr eingenommen werden.

Literatur:

Bruce B et al., Arthritis Research & Therapy 2005; 7: R1263-1270

Haydn J et al., Ann Intern Med 2005; 142: 765-777

springermedizin.de/RF/IS
, Ärzte Woche 17 /2012

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