zur Navigation zum Inhalt
Foto: photos.com
30 Prozent der Personen im Alter über 65 stürzen mindestens einmal im Jahr – je älter, desto häufiger. Rund 16.000 Österreicher erleiden dadurch eine Schenkelhalsfraktur, mit oft schwerwiegenden Folgen.
 
Allgemeinmedizin 17. April 2012

Gefährlichen Stürzen von alten Menschen vorbeugen

Ein HTA-Bericht geht der Frage nach, welche Präventionsmethoden Sinn machen und welche unter Umständen sogar mehr schaden als nutzen können. Ohne aber zu eindeutigen Ergebnissen zu kommen.

Mit dem Alter steigt das Risiko zu stürzen und sich dabei ernsthaft zu verletzen. Wie effektiv man dem heute vorbeugen kann, untersucht ein jetzt vom Deutschen Institut für Medizinische Dokumentation und Information, DIMDI, veröffentlichter Bericht. So hilft rüstigen Senioren gegebenenfalls ein gezieltes Training. Auch eine altersgerecht angepasste Wohnung kann Stürze verhindern. Andere Verfahren erweisen sich als nutzlos oder sogar schädlich. Allerdings variiert die Qualität der Studien sehr stark, die im Bericht zu den unterschiedlichen Maßnahmen herangezogen werden konnten. Daher verzichten die Autoren darauf, klare Empfehlungen für einzelne Verfahren zu geben.

 

Die Autoren bewerten in dem Health Technology Assessment (HTA), also der wissenschaftlichen Bewertung gesundheitsrelevanter Verfahren und Technologien, die Ergebnisse wissenschaftlicher Studien zu Einzelmaßnahmen und komplexen Programmen zur Sturzprophylaxe. Im Fokus stehen die Effekte auf die Häufigkeit von Stürzen und daraus resultierende Verletzungen. Betrachtet wurden ausschließlich Menschen, die zu Hause oder in einem Pflegeheim leben. 184 Studien sind in die Arbeit aufgenommen worden.

Vielfältige Möglichkeiten der Sturzprophylaxe

Die Maßnahmen zur Vorbeugung von Stürzen und ihren Folgen sind vielfältig: Sie reichen von korrigierten Sehfehlern über angepasste Medikamente, Vitamin-D-Präparate und Nahrungsergänzungsmittel bis zu Hüftprotektoren etc. Die klinischen Studien dazu sind qualitativ sehr unterschiedlich. Einige Beispiele:

Altersgerechte Wohnumgebung

In Studien untersucht wurde die Sturzhäufigkeit älterer Teilnehmer nach altersbezogenen Anpassungen ihrer Wohnung. Wie gut damit Stürzen vorgebeugt werden kann, hängt sehr von der Gebrechlichkeit der Zielgruppe ab. So fanden einige Studien eine verringerte Sturzrate, andere dagegen nicht.

Überprüfung/Korrektur der Sehfähigkeit

Die Gewöhnung an Sehhilfen o.Ä. erscheint durchaus problematisch. Studien fanden bei entsprechend behandelten Personen ein erhöhtes Sturzrisiko und ein knapp erhöhtes Risiko für Knochenbrüche. Allerdings sind diese Ergebnisse unter Vorbehalt zu betrachten, da sie sich auf relativ gesunde Senioren beziehen.

Einfluss chirurgischer Eingriffe auf die Prävention

Eine zur Bewertung herangezogene Untersuchung evaluierte die sturzprophylaktischen Effekte von Herzschrittmachern bei Patienten mit einer speziellen Form von Herzrhythmusstörungen (Hypersensitivität des Karotissinus). Sie weist auf eine signifikante Senkung der Sturzrate hin, allerdings nicht auf eine damit verbundene Senkung des Frakturrisikos. Die Validität dieser Studie ist aber unklar.

Eine Kataraktoperation des ersten Auges dürfte zu einer Verringerung der Sturzrate der betroffenen Patienten führen, beim zweiten Auge ist dieses Ergebnis allerdings nicht nachweisbar bzw. es wurde sogar ein erhöhtes Sturzrisiko festgestellt. Auch hier könnten studienmethodische Probleme die Ergebnisse verfälschen, so die Autoren des DIMDI-HTA-Berichts.

Training der Beweglichkeit

Über einen längeren Zeitraum durchgeführte motorische Übungen senkten in Studien das Sturzrisiko älterer Menschen. Die Studien variieren dabei stark bezüglich Personen und Übungen und sind zudem von eingeschränkter Qualität. Ihre Aussagekraft ist daher begrenzt, zumal die positiven Ergebnisse nur für rüstige Senioren gelten. Bei gebrechlichen Personen wirkt ein Training womöglich kontraproduktiv.

Tragen von Hüftprotektoren

Gleich 14 Studien wurden zur Überprüfung herangezogen, ob Hüftprotektoren das Risiko von hüftgelenksnahen Frakturen zu senken vermögen. Drei Studien untersuchten dies für Menschen, die im eigenen Haushalt leben, und zeigen keinen Schutzeffekt. Für Pflegeeinrichtungen gibt es diesbezüglich keine einheitlichen Ergebnisse.

Vitamin-D-Präparate zur Sturzprophylaxe

13 qualitative Studien wurden für den Bericht überprüft. Zusammenfassend berichten die Autoren der HTA-Studie (siehe Linktipp), „dass aus dem vorliegenden Studienmaterial für ältere Menschen in der eigenen Häuslichkeit keine konsistenten Wirksamkeitsnachweise für native Vitamin-D-Präparate mit oder ohne begleitende Kalziumgabe bzw. für aktive Vitamin-D-Metabolite abgeleitet werden können“.

Programme zur Vorbeugung

Es existieren auch komplexe Programme zur Sturzprophylaxe. Sie umfassen mehr als eine Einzelmaßnahme und meist auch eine genaue Überprüfung des Sturzrisikos. Inwieweit solche Programme dazu beitragen, Stürze und Verletzungen zu vermeiden, ist nach aktuellem Stand wissenschaftlicher Erkenntnisse unklar. Dies gilt sowohl für die ambulante Versorgung als auch für Einrichtungen der Langzeitversorgung. Die Effekte solcher komplexen Programme scheinen stark von verschiedenen Rahmenbedingungen abzuhängen, die es noch besser zu verstehen gilt.

Fazit

Insgesamt sind die Studienergebnisse zu Einzelmaßnahmen und komplexen Programmen zur Sturzprophylaxe recht uneinheitlich und die Daten wenig belastbar.

So bleibt weiterhin unklar, inwieweit kognitiv-verhaltenstherapeutische Schulungsmaßnahmen zu einer Verringerung der Sturzhäufigkeit führen oder auch Maßnahmen zur Verbesserung der Kompetenzen betreuender Fachkräfte in Einrichtungen der Langzeitversorgung zielführend sind.

Die Autoren des HTA-Berichts sprechen daher keine klare Empfehlung zugunsten bestimmter Maßnahmen aus. DIMDI/IS

 

Info:

Das DIMDI stellt über das Internet hochwertige Informationen für alle Bereiche des Gesundheitswesens zur Verfügung. Es entwickelt und betreibt datenbankgestützte Informationssysteme für Arzneimittel und Medizinprodukte und verantwortet ein Programm zur Bewertung gesundheitsrelevanter Verfahren und Technologien (Health Technology Assessment, HTA). Das DIMDI ist Herausgeber amtlicher medizinischer Klassifikationen wie ICD-10-GM und OPS und pflegt medizinische Terminologien, Thesauri, Nomenklaturen und Kataloge (z. B. MeSH, UMDNS, Alpha-ID, LOINC, OID), die für die Gesundheitstelematik von Bedeutung sind. Das DIMDI ermöglicht den Online-Zugriff auf seine Informationssysteme und über 60 Datenbanken aus der gesamten Medizin.

 

Linktipp:

Kostenloser Download des 640 Seiten umfassenden Vollberichts von Katrin Balzer und Martina Bremer (Sektion Forschung und Lehre in der Pflege, Institut für Sozialmedizin, Universität Lübeck) und Susanne Schramm, Dagmar Lühmann und Heiner Rape (Institut für Sozialmedizin, Universität Lübeck) Sturzprophylaxe bei älteren Menschen in ihrer persönlichen Wohnumgebung:

http://www.dimdi.de/de/linkgalerie/hta-bericht-255

Kurzfassung: http://portal.dimdi.de/de/hta/hta_berichte/hta255_kurzfassung_de.pdf

http://www.dimdi.de

 

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Mehr zum Thema

<< Seite 1 >>

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben