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Weshalb sich mancher Hund an der Leiche seines Eigentümers gütlich tut, ist nicht genau bekannt.
 
Allgemeinmedizin 1. April 2012

Kein Aprilscherz: Das große Fressen

Von Hunden, Menschen und dem Tod.

Natürlicher Tod, ja oder nein? Diese Frage gilt es bei einer Leichenschau zu klären. Manchmal sieht natürlich aus, was eigentlich auf ein Verbrechen zurückgeht. Bisweilen ist es aber auch umgekehrt. Die Ursache hierfür läuft dann nicht selten auf vier Beinen.

 

„Hund beißt Mann“ ist manchmal doch eine Nachricht wert – vorausgesetzt, der Biss ist gruselig genug. Belegt wird das durch eine Kasuistik im Fachblatt Forensic Science, Medicine, and Pathology (2011; 7: 344–9), die es kürzlich sogar auf die Seiten des Magazins Spiegel geschafft hat. Ein Team von Forensikern um Michael Tsokos von der Berliner Charité hatte in der rechtsmedizinischen Fachzeitschrift von zwei Männern und einer Frau berichtet, deren Leichen kopf- und halslos in ihren Wohnungen gelegen hatten. Augenscheinlich waren sie außergewöhnlich brutalen Verbrechen zum Opfer gefallen.

Dennoch war keiner der drei durch fremde Gewalt zu Tode gekommen. Es handelte sich in einem Fall um eine tödliche Ösophagusvarizenblutung und im anderen um eine letale Drogendosis. Im dritten Fall hatte die Verstorbene selbst Hand an sich gelegt und sich vergiftet. Für die Verstümmelungen der Körper fand sich eine durchaus natürliche Erklärung: Alle drei Verstorbenen hatten einen Deutschen Schäferhund besessen. Die Tiere hatten offenbar beschlossen, den Ausdruck Leichenschmaus einmal wörtlich zu nehmen, und ihrem jeweiligen Ex-Herrchen oder -Frauchen den Kopf samt Hals abgebissen.

Was für die Leser des Spiegel eine Schauergeschichte abgeben mag, stellt den zuständigen Leichenbeschauer vor erhebliche Probleme. Schließlich muss er die Verletzungen korrekt einordnen. Berichte darüber, dass des Menschen bester Freund seinen Besitzer nach dessen Hinschied als Futterquelle entdeckt hat, sind gar nicht so selten. „Verstorbene Personen, besonders Haustierhalter, die in geschlossenen Räumen aufgefunden werden, zeigen oft postmortale Biss- oder Klauenverletzungen, die durch Haushunde oder -katzen verursacht worden sind“, erläutern Tsokos und Kollegen. Hundebisse verursachen typischerweise ausgedehnte Weichteildefekte mit unregelmäßig verlaufenden Wundrändern. Sie betreffen meist die unbedeckten Partien des Körpers, wie Kopf oder Hände. Auch Abdrücke der Zähne lassen sich nachweisen. Bei Verdacht sei es ratsam, den Hund tierärztlich untersuchen zu lassen. Kot und Erbrochenes des Tieres sollten für die weitere Analyse gesammelt werden, rät Tsokos.

Der Hund als Herr?

Weshalb sich mancher Hund an der Leiche seines Eigentümers gütlich tut, ist nicht genau bekannt, zumal die Beteiligten nicht bzw. nicht mehr aussagefähig sind. Hunger dürfte nicht das Motiv sein, jedenfalls nicht das alleinige, denn in den beschriebenen Fällen war für die Tiere jeweils genügend Nahrung in Reichweite. Tsokos vermutet eher ein Übersprungverhalten als Beweggrund: „Nach dem Tod seiner Bezugsperson ist der Hund mit einem ihm unbekannten Verhalten konfrontiert, und auch der gewohnte Geruch kann sich verändern. In dieser Situation versucht das Tier, durch Stupsen und Lecken Aufmerksamkeit zu erregen. Klappt das nicht, beginnt es zu beißen.“ Möglich sei auch, dass die durch das Ableben gekippte Hierarchie Mensch-Tier eine Rolle spiele und der Hund nun seinerseits den Dominator herauskehre. Unklar ist übrigens auch, weshalb sich unter den besonders rabiaten postmortalen Beißern so häufig Deutsche Schäferhunde finden.

Tote bluten kaum

Fehlen massive Ausblutung und subkutane Hämatome, lässt dies darauf schließen, dass die Verletzungen erst nach dem Tod verursacht wurden. Allerdings warten nicht alle Vierbeiner so lange, bis der Exitus eingetreten ist. Das verkompliziert die Befundlage zusätzlich. Schon vor Jahren berichteten Freiburger Rechtsmediziner um Maria Faller-Marquardt von einer 57-jährigen Frau, die nach einem hämorrhagischen zerebralen Insult das Bewusstsein verloren hatte. Ihre acht Mischlingshunde (zwei erwachsene Tiere, sechs Welpen) bissen ihr ein 10 x 9 x 3 cm großes Stück aus dem rechten Oberschenkel und fügten ihr zahlreiche weitere kleinere Verletzungen zu, und zwar noch, während sie lebte. Folgern ließ sich das aus den Zeichen vitaler Reaktionen, unter anderem aus Hämatomen an den Wundrändern (Beitr Gerichtl Med 1992; 50: 351–6).

Wenn der Biss trügt

Postmortaler Hundeverbiss weckt bei den Untersuchern oft den Verdacht auf eine kriminelle Handlung. Er kann aber auch davon ablenken. Einen solchen Fall hat ebenfalls Michael Tsokos untersucht (Arch Kriminol 2000; 206: 30–7). Es ging dabei um eine 20-jährige Frau, deren nahezu nackte Leiche, im Bett auf dem Rücken liegend, vor gut zehn Jahren von der Polizei in einem Hamburger Apartment entdeckt worden war. Der rechte Oberschenkel wies an seiner Innenseite einen 20 x 40 cm großen Gewebedefekt auf. Von den zerklüfteten Wundrändern und oberflächlichen Kratzspuren, der Art nach post mortem entstanden, schlossen die Beamten auf den Schuldigen, einen Mischlingshund, der sich ebenfalls im Raum befand. Da sie ansonsten keine Zeichen von Gewalteinwirkung fanden und die Tote zudem in der Drogenszene bekannt war, nahmen die Polizisten eine Überdosis als Todesursache an.

Bei der Autopsie zeigten sich indes 13 Stichwunden am Nacken und Strangulationszeichen am Hals der Frau. Zudem hatte sie vor ihrem Tod Blut aspiriert. Die Diagnose lautete schließlich auf Sexualmord. Der Hund schied hier als Täter aus.

 

Quelle: MMW – Fortschritte der Medizin 2012; 154 (1): 6-7

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