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Die Medizinische Informatik hat in den vergangenen Jahren eine Reihe von Lösungen erarbeitet, um den Prozess der Medikation zu unterstützen.
 
Allgemeinmedizin 6. März 2012

Medikation: Nebenwirkungen so weit wie möglich vermeiden

Der Beitrag der Medizinischen Informatik zur Medikationssicherheit.

Der Prozess der Medikation, also die Schritte Entscheidung, Verordnung, Zubereitung, Vergabe und Überwachung, ist komplex, erfordert die Koordination einer Reihe von Berufsgruppen sowie profunde Kommunikationsstrukturen und die Einbeziehung pharmakologischen Wissens nach dem aktuellen Stand der Forschung. Studien zeigen, dass der Medikationsprozess dabei nicht immer optimal abläuft und Medikationsfehler und daraus resultierende vermeidbare Unerwünschte Arzneimittelwirkungen (UAW) relativ häufig vorkommen.

 

Die Medizinische Informatik hat in den vergangenen Jahren eine Reihe von Lösungen erarbeitet, um den Prozess der Medikation zu unterstützen und so zur Medikationssicherheit beizutragen. Dazu zählen Verfahren wie die elektronische Verordnung (CPOE, ePrescribing), ggf. verbunden mit einer Arzneimittelsicherheitsprüfung, die Zubereitung und Verteilung der Arzneimittel (Dispenser, Unit Dose/Multi Dose Systeme, eBlister) oder die Aufdeckung unerwünschter Arzneimittelwirkungen und Medikationsfehler (Pharmakovigilanz, CIRS). Darüber hinaus wird das Thema der Bereitstellung und Standardisierung von pharmazeutischem Wissen (Arzneimittelinformationssysteme, Fachdatenbanken) immer wichtiger.

Das Problem der Medikationssicherheit

Nach aktuellen Studien sind Medikationsfehler eine wesentliche Ursache für Behandlungsfehler. Alleine in den USA sind jährlich etwa 770.000 Patienten von Unerwünschten Arzneimittelwirkungen betroffen. Etwa ein Drittel dieser UAWs werden dabei als vermeidbar angesehen. Eine Studie aus Salzburg fand, dass neu aufgenommene internistische Patienten über 75 Jahren im Mittel 7,5 Medikamente nahmen, wobei in einem Drittel der Fälle unnötige Verordnungen, in zwei Drittel der Fälle mögliche Interaktionen sowie in knapp einem Fünftel der Fälle UAWs entdeckt wurden. Eine Studie aus Deutschland fand bei knapp sechs Prozent der Krankenhauspatienten UAWs, ein Drittel davon vermeidbar. Die Autoren schätzen aus diesen Zahlen, dass in Deutschland mit bis zu ca. 57.000 Todesfällen aufgrund von UAWs zu rechnen sei, etwa die Hälfte davon sei vermeidbar. Für Österreich scheinen konkrete Zahlen zu fehlen.

Die genannten Zahlen haben sowohl in der Fachliteratur als auch in der allgemeinen Presse Diskussionen darüber ausgelöst, wie Medikationssicherheit verbessert werden kann. Neben nicht-technischen Maßnahmen wie Verbesserungen in der Ausbildung oder einer Prozessoptimierung wird besonders der Einsatz von Informatik-Lösungen diskutiert. Die Diskussion über Möglichkeiten der Informatik wurde Ende der 90-er Jahre vor allem durch den Bericht „To err is human“ des US-amerikanischen Institute of Medicine ausgelöst und hat seitdem zu einer Reihe von Lösungen geführt, die teilweise bereits im Routinebetrieb sind.

Als erster und wesentlichster Teil einer optimierten Unterstützung des gesamten Medikationsprozesses – von der Verschreibung bis zur Verabreichung – stellen elektronische Verordnungssysteme, die die elektronische Dokumentation von Verschreibungen unterstützen, einen wichtigen Ansatz zur Erhöhung der Patientensicherheit dar.

Das Potential von elektronischen Verordnungssystemen

Elektronische Verordnungssysteme lassen sich nach dem Grad der angebotenen Entscheidungsunterstützung unterteilen. Einfache Verordnungssysteme ermöglichen dabei zunächst „nur“ die elektronische Dokumentation der zu verordnenden Medikamente, wobei die Verordnung dabei typischerweise aus einer (ggf. einrichtungsspezifischen) Liste von möglichen Medikamenten, Dosierungen, Häufigkeiten etc. zusammengestellt wird. Hier ist gegebenenfalls auch der Zugriff auf detaillierte Arzneimittelinformationen möglich. Eventuell wird bei Bedarf noch bei der Berechnung von patientenspezifischen Dosierungen auf Basis von Geschlecht, Alter, Gewicht oder aktuellen Laborwerten Unterstützung angeboten. Diese einfachen Systeme verbessern bereits nachweisbar die Lesbarkeit, Vollständigkeit und Plausibilität von Verordnungen und reduzieren damit wichtige Fehlerquellen der bisherigen handschriftlichen Verordnungen. Studien konnten zeigen, dass bereits derartige „einfache“ Verordnungssysteme die Medikationsfehlerrate um 40 Prozent reduzieren können.

Erweiterte Verordnungssysteme bieten darüber hinaus die Möglichkeit einer automatischen Überprüfung jeder Verordnung auf potentielle Fehler, wie sie z. B. durch Überdosierungen, unerkannte relevante Interaktionen mit anderen Medikamenten, unberücksichtigte Allergien oder Doppelverschreibungen entstehen können. Derartige Systeme weisen den verordnenden Arzt bei Bedarf auf derartige potentielle Fehler hin. Der Arzt kann dann seine Verschreibung bei Bedarf modifizieren. Eine 2010 veröffentliche Übersichtsarbeit fand bei einer Analyse von 23 vorhandenen Studien eine Reduktion der Medikationsfehlerraten zwischen 13 und 99 Prozent. Durch diese Reduktion von Medikationsfehlern konnten nachweislich auch die UAWs zwischen 30 und 84 Prozent reduziert werden. Ob die Reduktion von UAWs auch einen Effekt auf Mortalitätsraten hat, wird durch die zur Verfügung stehenden Studien allerdings derzeit nicht klar beantwortet.

Verbreitung von elektronischen Verordnungssystemen

Trotz der genannten Vorteile finden sich elektronische Verordnungssysteme derzeit nur in wenigen Häusern. In den USA geben etwa fünf Prozent der Krankenhäuser an, ein voll implementiertes System zur elektronischen Verordnung (dort CPOE = Computerized Physician Order Entry System genannt) zu haben. Allerdings meinen dort die Hälfte der befragten IT-Leiter, dass CPOE das wichtigste Thema der nächsten zwei Jahre sein wird.

Die Anwender selbst stehen elektronischen Verordnungssystemen im Wesentlichen interessiert gegenüber, wie eine Umfrage durch unsere Gruppe in verschiedenen Krankenhäusern in drei europäischen Ländern zeigt. Insgesamt wurden hier 161 klinisch tätige Krankenhausärzte nach Ihren Einschätzungen zu elektronischen Verordnungssystemen befragt (Abb. 1).

In Österreich gibt es einige Häuser, die sich diesem Thema stellen. So berichtet das Krankenhaus der Barmherzigen Brüder in Linz über den Einsatz eines Verordnungssystems, mit dem während der Visite die Verschreibungen erfasst und direkt an die Apotheke geliefert werden, wo ein Multi-Dose-System im Einsatz ist, das die Medikamente dann patientenbezogen verpackt und auf die Station liefert. Auch aus anderen Krankenanstalten werden zumindest Pilotprojekte gemeldet. Von einem flächendeckenden Einsatz ist man in Österreich (und übrigens auch in Deutschland) noch weit entfernt. Ein aus vielen Studien bekanntes Problem ist bei „intelligenten“ Verschreibungssystemen ein Übermaß an Warnungen. Wenn der klinische Benutzer zu viele Warnhinweise erhält, wird er dazu tendieren, die Warnungen zu ignorieren oder einfach „wegzuklicken“.

Das Projekt eMedication in Österreich

Eine der Herausforderungen bei der elektronischen Verordnung ist der Zugriff auf die vollständige Medikationsanamnese des Patienten. 2009 wurde daher von der Österreichischen Apothekerkammer das Projekt „Arzneimittel-Sicherheitsgurt“ gestartet, mit dem die Apotheken die Möglichkeit hatten, alle ausgegebenen Medikamente zum Patienten einzusehen. Hierdurch war es möglich, arzneimittelbezogene Probleme in der Apotheke zu entdecken.

Im vergangenen Jahr startete das österreichweite Projekt „eMedication“, welches neben den Apothekern auch niedergelassene Ärzte sowie Krankenanstalten einbezieht. Dieses Projekt ist eingebettet in die nationalen Aktivitäten zur Einführung einer elektronischen Gesundheitsakte (ELGA). Teilnehmende Einrichtungen haben die Möglichkeit, nach Einwilligung des Patienten alle vom niedergelassenen Arzt verschriebenen bzw. vom Patienten in der Apotheke abgeholten Medikamente elektronisch einzusehen. Allein dies ermöglicht schon das Aufdecken von Doppelverordnungen. Darüber hinaus bietet das System die Prüfung aller aktuellen Verordnungen auf mögliche UAWs. Diese Prüfung kann sowohl in den Arztpraxen als auch in der Apotheke erfolgen.

Fazit

Elektronische Verordnungssysteme zur Unterstützung der Verschreibung können nachweisbar Medikationsfehler reduzieren, UAWs vermeiden und dadurch zu einer Erhöhung der Patientensicherheit beitragen. Sie sind damit ein wichtiger Teil eines umfassend unterstützten Medikationsprozesses von der Verschreibung bis zur Verabreichung. Es ist zu erwarten, dass sie in Europa unter der Voraussetzung geeigneter Rahmenbedingungen, zunehmend Verbreitung finden werden.

 

Der ungekürzte Beitrag erschien in wiener klinisches MAGAZIN 4/2011 siehe auch: www.springermedizin.at

© Springer-Verlag Literatur bei der Autorin

Zur Person
Univ.-Prof. Dr. Elske Ammenwerth leitet das Institut für Medizinische Informatikan der UMIT – University for Health Sciences, Medical Informatics and Technology, Hall in Tirol.
E-Mail-Adresse:
Informationen: http://iig.umit.at

Von E. Ammenwerth, Apotheker Plus 2/2012

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