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Foto: Gregor Hartl
Dr. Erwin Rebhandl Gemeindearzt in Haslach, OÖ, 1994 – 2010 Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Allgemeinmedizin und seit 1999 Lehrbeauftragter am Institut für Public Health, Abteilung für Allgemeinmedizin, an der Medizinischen Universität Wi
Foto: Gregor Hartl

Gemeinsame Projekte verbessern die Patientenversorgung.

 
Allgemeinmedizin 6. März 2012

Für eine gemeinsame Botschaft von Arzt und Apotheker

Interdisziplinäre Zusammenarbeit als Grundlage für Primary Health Care in Österreich.

Qualitätszirkel von Ärzten und Apothekern können das Vertrauen zueinander stärken. Damit kann auch das Ziel einer Förderung des Gesundheitsbewusstseins und der Prävention und Früherkennung durch beide Berufsgruppen sowie andere Gesundheitsberufe schneller erreicht werden. Interdisziplinäre Zusammenarbeit ist dabei jene Vision, die das Gesundheitssystem verbessern und effizienter gestalten soll. Der Bevölkerung soll bei Gesundheitsbeeinträchtigungen dadurch früher und einfacher zur Diagnose und zur raschen und optimalen Therapie verholfen werden. Die Achse Arzt und Apotheker soll für hohe Beratungskompetenz und Behandlungsqualität stehen. Welche Möglichkeiten es dafür gibt, zeigt Dr. Erwin Rebhandl, Gemeindearzt in Haslach, OÖ, im Gespräch mit Apotheker Plus auf.

 

Wo sehen Sie Chancen für die Zusammenarbeit mit den Apothekern?

Rebhandl: Eine Chance für die Zusammenarbeit von Ärzten und Apothekern ist, dass die beiden Berufsgruppen dem Patienten gegenüber die gleiche Sprache sprechen. Die Botschaften sollten idealerweise von beiden in gleicher Form an den Patienten gelangen und wiederholt werden –etwa zur ärztlich verordneten Therapie oder zum Lebensstil. Auch Informationsmaterialien, die ausgegeben werden, sollten dieselbe inhaltliche Botschaft übermitteln. Das ist sicher ein Nahbereich, im dem man gemeinsam abstimmt, wie man mit dem Patienten kommuniziert und umgeht. Dass der Apotheker, wenn er dem Patienten ein OTC-Präparat verkauft, die gesamte Medikation des Patienten berücksichtigen soll, ist klar. Aber auch wir Ärzte benötigen Information darüber, welche OTC-Präparate der Patient einnimmt. Der Apotheker soll dem Patienten sinnvollerweise auch den Hinweis geben, dass dieser bei einer Einnahme anderer Medikamente, seinen Arzt informieren sollte.

 

Das wäre eine Chance, dass man diese Informationen zentral für alle Beteiligten zugänglich sammelt…

Rebhandl: Eine derartige zentrale Medikamentendatenbank ist bereits mit ELGA geplant. Für uns ist aber im Zusammenhang mit der Polypharmazie auch wichtig, dass nicht nur der Apotheker eine Interaktionsprüfung macht, sondern diese Überprüfung nach Möglichkeit schon beim Arzt gemacht werden sollte. Dafür existieren Programme, die in die Praxissoftware eingebaut sind und die die meisten Ärzte schon lange benützen. Problematisch ist, dass es kein optimales Programm dafür gibt, denn alle Programme können derzeit nur zwei Medikamente miteinander testen – und das mehr oder minder zufrieden stellend. Es ist aber unmöglich, drei oder mehr Medikamente miteinander im Hinblick auf ihre Wechselwirkungen zu prüfen, wobei wir das in der Praxis benötigen würden. Es ist sehr wenig darüber bekannt, welche Interaktionen zwischen drei, vier oder mehr Medikamenten auftreten können. Darüber hinaus muss immer unterschieden werden, ob es sich um schwere, mittlere oder leichte Interaktionen handelt. Letzten Endes liegt es in der Verantwortung des Arztes, Interaktionen bewusst in Kauf zu nehmen, wenn die Erkrankung des Patienten erfordert, dass er diese Medikamente einnimmt. Dabei kann man nicht nur das vom Computer gelieferte Ergebnis heranziehen, sondern muss immer auch andere Faktoren berücksichtigen. Es gibt Interaktionen, die bei vielen Patienten nicht relevant sind.. Natürlich muss an die Möglichkeit gedacht und abgewägt werden, ob es notwendig ist, dass der Patient das Medikament bekommt und wie riskant es wäre, wenn er es nicht bekäme. Der Apotheker sollte jedenfalls beim Auffallen einer relevanten Interaktion mit dem Arzt Rücksprache halten. Zudem sollte dieser dem Patienten nicht kommunizieren, dass ihm der Arzt etwas verschrieben habe, das nicht gut für ihn ist. Dies führt lediglich zu Verunsicherung des Patienten. Rücksprache des Apothekers mit dem Arzt ist insofern dringend notwendig.

 

Funktioniert diese Kommunikation abseits der städtischen Ballungszentren besser?

Rebhandl: Am Land sind Arzt wie auch Apotheker für den Patienten weniger anonym. Die meisten Patienten besuchen sogar die selbe Apotheke. In der Stadt wechselt der Patient die Apotheke – wie auch den Arzt - häufiger. Das Suchen eines Dialoges von Arzt und Apotheker und die gemeinsame Diskussion einer optimalen Patientenversorgung ist wünschenswert. Letztendlich geht es in der Gesundheitsversorgung immer um den einzelnen Patienten und nicht um die Leistungsanbieter. Unser Ziel muss eine gute Patientenversorgung sein. Natürlich müssen dazu Politik und Sozialversicherungen auch für die Leistungserbringer im Gesundheitssystem entsprechende Rahmenbedingungen schaffen.

 

Wie kann man den Dialog fördern?

Rebhandl: Eine Möglichkeit ist die Einführung interdisziplinärer Qualitätszirkel zwischen Ärzten und Apothekern. Dafür gibt es Beispiele im Ausland. In Österreich kenne ich noch keines. Wenn jeder als gleichwertiger Teilnehmer ohne übergeordneten Experten mitdiskutiert, können regional gute Lösungen erarbeitet werden. Der Qualitätszirkel fördert das Vertrauen der Teilnehmer untereinander enorm. Es gibt Bereiche, wie das Impfwesen, wo die Kooperation von Apotheker und Ärzten sehr gut funktioniert, indem die gleiche Information etwa über die Notwendigkeit von Impfungen und deren Auffrischungen gegeben. Der Patient sollte das Gefühl haben, dass diese Information von ärztlicher Seite empfohlen wurde und vom Apotheker unterstützt wird. Dabei geht es nicht nur um punktuelle Aktionen, sondern um die Gesamtsicht, wie zum Beispiel eine Überprüfung der Impfkarte und des Impfstatus. Entsprechend dem österreichischen Impfplan, kann auch der Apotheker erkennen, ob eine Auffrischung fällig ist oder der Patient etwas übersehen hat. Eine Aktion könnte heißen: „Gehen Sie mit Ihrem Impfpass zur Überprüfung zum Arzt oder Apotheker!“ Wesentlich ist, dass sich die Aussagen in Arztpraxis und Apotheke decken.

 

Inwieweit ist die aktuelle Aktion von Arznei&Vernunft „Rheumatoide Arthritis“ ein solches Thema für den Apotheker?

Rebhandl: Natürlich kommen die Leute mit Gelenkschmerzen auch primär in die Apotheke und möchten ein Schmerzmittel erhalten. Ich wünsche mir, dass der Apotheker sehr hellhörig ist, wenn der Patient bzw. Kunde seine Schmerzen schildert. In gewissen Fällen sollte der Apotheker den Patienten dann wieder an den Arzt verweisen, um weitere Beschwerden oder Unklarheiten abzuklären. Gerade rheumatoide Arthritis und entzündliche Gelenkserkrankungen sind am besten zu behandeln, wenn sie früh erkannt werden. Wenn der Apotheker Symptome geschildert bekommt, die in diese Richtung deuten, soll er also sensibel sein und den Patienten zur weiteren Abklärung zu dessen Arzt des Vertrauens weiterleiten. Gleiches gilt bei Diabetes. Das Pilotprojekt Oberösterreich – die Integrierte Betreuung von Diabetikeren – wird spätestens am 1. April 2012 in Oberösterreich starten. Derzeit finden noch Schulungen für Apotheker statt. Für Früherkennung ist die Apotheke eine Institution, die sich gut einbringen kann. In der Stärkung des Gesundheitsbewusstseins und der Förderung von Prävention und Früherkennung können und müssen alle qualifizierten Gesundheitsberufe ihren Teil betragen. Das sind Bereiche, die nicht alleine von der Medizin und den Ärzten abgedeckt werden können, sondern auch andere Gesundheitsberufe, wie zum Beispiel die Apotheker, müssen dazu beitragen.

 

Auf welcher Organisationsgrundlage finden diese Initiativen statt?

Rebhandl: Mit dem Verein Allgemeinmedizin Plus (AM Plus) haben wir eine interdisziplinäre Plattform gegründet, die sich für die niederschwellig zugängliche Gesundheitsversorgung im Sinne des „Primary Health Care“-Modells einsetzt, wo die Hausärzte in Kooperation und Koordination mit Fachärzten und anderen Gesundheitsberufen (zum Beispiel aus Pflege, Pharmazie, Diätologie, Physiotherapie, Psychologie, Ergotherapie und anderen Bereichen) die Verantwortung für die wohnortnahe Gesundheitsversorgung übernehmen. Dafür gibt es europaweit gute Beispiele und Modelle, die man für Österreich anpassen muss. Österreich hat zwar die WHO-Deklaration von 1978 unterschrieben, aber Primary Health Care wurde hierzulande nicht eingeführt. Unsere Idee wäre der Versuch in zwei oder drei Regionen Pilotprojekte zu initiieren und davon herzuleiten, wie diese in unserem System funktionieren, welche Anpassungen wir benötigen.

 

Das Gespräch führte Verena Kienast

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