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Foto: Dr. Gisela Peters, Bad Homburg, Deutschland
Abbildung: In der Nähe des Kiefergelenks treffen viele Muskeln und Nerven aufeinander, Schmerz kann in alle Richtungen ausstrahlen.
Foto: Dr. Gisela Peters, Bad Homburg, Deutschland

Prof. DDr. Eva Piehslinger
Leiterin der Arbeitsgemeinschaft für Prothetik und Gnathologie

 
Allgemeinmedizin 11. März 2012

Bei Kopfschmerzen an CMD denken

Craniomandibuläre Dysfunktionen sind häufig mit Migräne assoziiert.

Das Kauorgan wird von vielen unbewusst zur Verarbeitung von Stress benutzt. Normale Abwehrreaktionen sind nächtliches Knirschen und Pressen, deutlich zu erkennen an abradierten Zähnen, einem überlasteten Musculus temporalis und einem dislozierten Diskus. Die Folgen können Spannungskopfschmerz, Migräne und weitere Beschwerden sein – die Liste ist lang.

 

Über diesen Ablauf und seine Unterbrechung durch interdisziplinäre Konzepte sprach Prof. DDr. Eva Piehslinger, Klinische Abteilung für Prothetik der Bernhard-Gottlieb-Universitätszahnklinik Wien, Anfang Dezember 2011 auf der Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Funktionsdiagnostik und Therapie (DGFDT) in Bad Homburg, Deutschland. Sie unterstrich, dass bei Kopfschmerzpatienten in 56 Prozent der Fälle craniomandibuläre Dysfunktion (CMD) nachgewiesen wird1. CMD ist – vor allem in der Kombination mit Spannungskopfschmerz – mit Migräne assoziiert. Wenn das Aufeinanderpressen der Kiefer zur Überlastung der direkt beteiligten Muskeln und Myopathie führt, greift die Schmerzausstrahlung über den Musculus masseter oder temporalis hinaus und erfasst beispielsweise den frontalen Schädel, die retroorbitale Region, die Wange, die Schläfe, das Ohr, den Hinterohrbereich, die Hinterhauptregion, den Nacken und die Schultern (siehe Abbildung).

Interdisziplinäre Abklärung

Vor Beginn einer Therapie muss abgeklärt werden, ob die Ursachen im neurologischen, HNO- oder einem anderen Bereich liegen. Ist das nicht der Fall, enthält das interdisziplinäre Behandlungskonzept des CMD-assoziierten Kopfschmerzes als wirksame Bausteine die myofunktionelle Therapie, Akupunktur, manuelle Therapie, Haltungskorrektur und Bewegungstherapie, außerdem Logopädie, Psychiatrie, verhaltenstherapeutische Maßnahmen sowie, bei entzündlichen Erkrankungen, gegebenenfalls die definierte Medikation.

Eigene Ambulanz für Funktionsstörungen

Patienten mit langjährigen Schmerzzuständen unklarer Genese können an der Bernhard-Gottlieb-Universitätszahnklinik Wien die eigens eingerichtete Sprechstunde der „Ambulanz für Funktionsstörungen“ an der Klinischen Abteilung für prothetische Zahnheilkunde aufsuchen. Nach der Diagnostik und Ausarbeitung von Therapieplänen werden sie interdisziplinär in den „Liaison-Ambulanzen“ mit- und weiterbetreut. Hierfür besteht eine regelmäßige Zusammenarbeit mit der Universitätsklinik für Physikalische Medizin einschließlich Physiotherapie, mit der Universitätsklinik für HNO, die bis zur Logopädie reicht, sowie mit anderen Fachbereichen, die je nach Fall herangezogen werden – vor allem auch mit der Psychiatrie. „Es hat sich herausgestellt, dass sieben Prozent der registrierten CMD-Patienten echte psychiatrische Fälle sind. Deshalb kooperieren wir im Rahmen der Liaison-Ambulanzen mit der Universitätsklinik für Psychiatrie und behandeln die Patienten gemeinsam an der Zahnklinik“, so Piehslinger. „Diese Möglichkeit nehmen die Betroffenen gern in Anspruch, da sie ohne Offenlegen ihrer Situation dorthin gehen können. Das verletzt ihre Gefühle nicht, denn das Wort Psychiatrie brauchen sie nach außen hin nicht zu kommunizieren – sie besuchen einfach die Ambulanz der Zahnklinik, die ja Regie für alles andere führt.“

 

Literatur:

1 Ballegaard M, Thede-Schmidt-Hansen P, Svensson P, Jensen R. Are headache and temporomandibular disorders related? A blinded study. Cephalalgia 2008;28(8): 832–41.

Von G. Peters, Ärzte Woche 10 /2012

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