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Mag. Andrea Kohlwein 

Weitere Auskünfte:
Österreichische Gesellschaft für Medizinrecht, Universität Linz Präsident: Prof. Dr. Alfred Radner Freistädter Straße 315, 4040 Linz Email: Tel: 0732 2468 7145 Fax: 0732 2468 7146

 
Allgemeinmedizin 2. Februar 2012

„Der Patient scheint alkoholisiert zu sein …“

Entscheidend ist die Einsichts- und Urteilsfähigkeit des Patienten.

Alkoholisierte Patienten sind an manchen Ambulanzen keine Seltenheit. Für die Antwort auf sämtliche Fragen im Zusammenhang mit der Behandlung alkoholisierter Patienten ist deren Einsichts- und Urteilsfähigkeit entscheidend. Vereinfacht ausgedrückt: Versteht der Patient, was der Arzt ihm erklärt? Kann er Vor- und Nachteile einer Behandlung einschätzen und abwägen?

 

Zur Beurteilung ist in der Regel kein psychiatrisches Gutachten erforderlich. Vielmehr hat sich der Arzt im Gespräch mit dem Patienten zu vergewissern, dass er seinen Worten folgen kann. Dies gilt allgemein bei Minderjährigen, bei Erwachsenen, bei bereits sehr betagten Patienten und eben auch bei alkoholisierten Patienten.

 

Gibt es eine Promillegrenze, nach der sich die fehlende Einsichts- und Urteilsfähigkeit bemessen lässt?

Kohlwein: Nein. Anhand von Promillewerten lassen sich keine Aussagen über das Vorliegen der Einsichts- und Urteilsfähigkeit treffen, da Menschen sehr unterschiedlich auf Alkoholkonsum reagieren. Wird ein Patient trotz eines vergleichsweise hohen Promillewerts aus der Ambulanz entlassen, ist besonderes Augenmerk auf eine genaue Dokumentation zu legen, aus welchen Gründen der Arzt ihn dennoch für einsichts- und urteilsfähig angesehen hat.

 

Darf ich schreiben: „Der Patient ist alkoholisiert“?

Kohlwein: Grundsätzlich empfehlen sich Beschreibungen wie „Patient scheint alkoholisiert zu sein“ oder „Patient riecht nach Alkohol.“

 

Der scheinbar alkoholisierte Patient will die Ambulanz verlassen. Dürfen/müssen wir ihn festhalten?

Kohlwein: Es ist zu unterscheiden: Kommt der Arzt nach seinem Gespräch mit dem Patienten zum Schluss, dass dieser zwar offensichtlich etwas getrunken hat, aber durchaus noch in der Lage ist, die Aufklärung und auch die möglichen Risiken einer zu frühen Entlassung zu verstehen, kann der Patient entlassen werden, wenn er einen Revers unterschrieben hat. Die Folgen einer Entlassung und Nicht-Behandlung sollten dabei möglichst drastisch erläutert werden. Eine genaue Dokumentation, warum der Arzt vom Vorliegen der Einsichts- und Urteilsfähigkeit ausgegangen ist, ist empfehlenswert, ebenso die Anwesenheit eines Zeugen insbesondere in Grenzfällen.

Meint der Arzt nach dem Gespräch mit dem Patienten, dass dieser seinen Worten nicht folgen, sie nicht wiedergeben oder ihnen keine Bedeutung zumessen kann, ist von einer fehlenden Einsichts- und Urteilsfähigkeit auszugehen. Dieser Patient unterliegt somit erhöhten Schutz- und Fürsorgepflichten.

 

Der offensichtlich alkoholisierte und nicht mehr einsichts- und urteilsfähige Patient lehnt eine Behandlung ab. Darf/muss er trotzdem behandelt werden?

Kohlwein: Ja, sofern die in Aussicht stehende Behandlung aus medizinischer Sicht dringend ist und jeglicher Aufschub mit einer ernsten und erheblichen Gefahr für sein Leben oder seine Gesundheit verbunden wäre. Mangels Aufklärung ist die geringstmögliche Behandlungsmethode zu wählen, die üblicherweise von „durchschnittlichen“ Patienten in vergleichbaren Situationen gewählt und hinsichtlich möglicher Risiken und Folgebeschwerden am verhältnismäßigsten ist.

Elektive Eingriffe, also jene, die ohne Schaden für den Patienten auch zu einem späteren Zeitpunkt durchgeführt werden können, sind zu unterlassen, bis der Patient wieder selbst entscheiden kann.

 

Der Patient randaliert – was tun?

Kohlwein: Natürlich können Schutz- und Fürsorgepflichten der Mitarbeiter gegenüber dem Patienten nur so weit und so lange gelten, als diese sich nicht selbst in ernste Gefahr bringen. Eine rasche Kontaktaufnahme mit der Polizei ist dann angezeigt.

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