zur Navigation zum Inhalt
 
Allgemeinmedizin 17. Jänner 2012

Präzisionsmedizin auf dem Vormarsch

Die individuelle molekularbiologische Untersuchung boomt: "Ich würde den Begriff 'Präzisionsmedizin' bevorzugen“, so Philipp Heitz, emeritierter Professor für Pathologie der Universität Zürich anlässlich eines Symposiums zur "personalisierten Medizin" in Wien. Er verwies auf das häufige Nichtansprechen von Patienten auf Medikamente mit einer Rate von 40 bis 75 Prozent. Bei den Antidepressiva seien es 38 Prozent, bei Krebs 75 Prozent.

Hier soll die molekularbiologische, ganz genaue Klassifizierung der beim einzelnen Erkrankten vorliegenden Erkrankungsform bedeutende Fortschritte bringen. Heitz: "Zusätzlich gibt es in den USA (pro Jahr, Anm.) zwei Millionen Spitalsaufnahmen wegen Arzneimittel-Nebenwirkungen."

Individuelle Metabolisierung

Die individuelle Metabolisierung von Wirkstoffen, deren von Mensch zu Mensch unterschiedliche Transportrate im Körper sowie die zumeist nicht gleichen Ansatzpunkte für Arzneimittel-Substanzen bewirken diese Unterschiede.

Wer hier eine genauere Charakterisierung der Patienten erreicht und gleichzeitig die Therapie "maßschneidern" kann, würde hier den Sieg davon tragen. Dies könnte schneller erfolgen, als man als Utopie meinen könnte. Der Schweizer Experte: "Eine Sequenzierung des gesamten Genoms eines Menschen um 1.000 US-Dollars ist 'ante portas'. (...) Die FDA hat bereits einen Test für 29 Varianten des Cytochrom-Enzym-Gens (verantwortlich für die unterschiedliche Verstoffwechselung von Arzneimitteln, Anm.) zugelassen.

Diese Mutationen betreffen de Stoffwechsel von 25 Prozent der häufig verschriebenen Medikamente." Das ließe eine enorme Verbesserung der Relation zwischen Wirkung und Nebenwirkungen von Arzneimitteln zu.

"intuitiv - evidenzbasierend - reporduzierbar" 

"Wir starteten bei einer intuitiven Medizin. Dann gelangten wir zur Evidence Based Medicine, die Krankheiten nach gemeinsamen Symptomen klassifiziert und auf statistischen Untersuchungen beruht, wer im Durchschnitt besser (oder schlechter, Anm.) abschneidet. Aber wir wussten nicht, welcher Patient das sein würde. Jetzt kommen wir zu reproduzierbaren Prognosen", sagte Boris Bastian, Professor für Krebsbiologie der Universität von Kalifornien.

Völlig neuen Einteilung


Beispiel Melanom: Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) kennt hier in ihrer Krankheits-Klassifizierung derzeit 14 verschiedene und zum Teil überlappende Krankheitsformen. Die Tumorgenetik bringt hier völlig neue Erkenntnisse. Bastian: "Es gibt offenbar zwei verschiedene Typen von Melanozyten, aus denen Melanome entstehen können." Melanozyten aus oberen Hautschichten oder zum Beispiel in Unterhautgewebe oder im Umfeld von Nerven wären wahrscheinlich unterschiedliche Formen.

Beispiel aus der Dermatologie


Solche Unterscheidungen beeinflussen bereits die Melanom-Therapie: Bei Patienten, bei denen der Tumor eine bestimmte Mutation im BRAF-Gen aufweist, hilft ein neues und speziell dafür entwickeltes Medikament (Vemurafinib) im überwiegenden Teil der Fälle. Tumoren mit Mutationen im KIT-Gen wiederum sprechen auf Vemurafinib nicht an, hingegen auf die Substanz Imatinib, welche in den vergangenen zehn Jahren die Behandlung der chronisch myeloischen Leukämie (CML) revolutioniert hat.

Doch, nicht alles, was die Molekularbiologen und Genetiker bei Tumorerkrankungen an Mutationen finden, ist auch relevant. "Bei Melanomen gibt es rund 30.000 verschiedene Genveränderungen. Es wird in der Zukunft eine Herausforderung sein, die den krebsverursachenden Mutationen und die bloßen 'Trittbrettfahrer' zu identifizieren" , so Bastian.

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Mehr zum Thema

<< Seite 1 >>

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben