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Prof. Dr. Hans Gombotz, 
Leiter der Abteilung für Anästhesie und Intensivmedizin am AKH Linz

 
Allgemeinmedizin 25. Dezember 2011

Blut und Eisen

Effiziente Therapieoptionen bei Eisenmangelanämie.

„Warum haben Patienten mit Eisenmangel schlechtere Karten?“ Diese Frage diskutierten Experten aus den Bereichen Allgemeinmedizin, Innere Medizin, Anästhesie, Orthopädie und Ökonomie im Rahmen einer Pressekonferenz.

Die Prävalenz des Eisenmangels und in weiterer Folge der Eisenmangelanämie ist hoch. So ist jeder Dritte von einem Eisenmangel betroffen und bei jedem zweiten Betroffenen liegt eine Eisenmangelanämie vor. Besonders prädisponiert sind Frauen im gebärfähigen Alter und während der Schwangerschaft bzw. postpartum, Vegetarier, Personen fortgeschrittenen Alters, Sportler und Patienten mit chronisch-entzündlichen Erkrankungen. Obwohl diese Mangelerscheinung weit verbreitet ist, wurden die negativen Auswirkungen bislang unterschätzt und daher nur selten therapiert.

Die Rolle des Hausarztes

„Blutarmut durch Eisenmangel hat in der hausärztlichen Praxis vor allem drei relevante Dimensionen: Sie kann Hinweis auf einen Blutverlust sein, auf eine Störung der Eisenaufnahme bzw. einen Mangel in der Nahrung, kann aber auch auf einen erhöhten Bedarf hinweisen. Als Allgemeinmediziner ist es unsere Aufgabe, diese Beschwerden zu deuten, einzuordnen und effizient zu behandeln oder die Patienten an die richtigen Fachkollegen zu überweisen“, erklärte MR Dr. Reinhold Glehr, Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Allgemein- und Familienmedizin.

Insbesondere vor geplanten Operationen, die mit starken Blutverlust verbunden sein können, müsse dem Blutbild besondere Aufmerksamkeit gewidmet sein. „Hier ist der Hausarzt miteingebunden und kann gemeinsam mit Anästhesisten, Fachärzten für Innere Medizin und den Operateuren bei einem Konzept wirksam sein, das den Patienten möglichst optimal für die Operation vorbereitet“, so Glehr.

Leben auf der Sparflamme

Einen besonders raschen Therapiebedarf stellt der Eisenmangel in seiner stärksten Ausprägung, der Eisenmangelanämie, dar, denn dieser manifestiert sich in der Regel erst, wenn die Eisenspeicher des Körpers bereits komplett entleert sind oder, z.B. aufgrund inflammatorischer Prozesse, nicht mobilisiert werden können. „Eisenmangel ist ein belastender Zustand für den ganzen Körper.

Viele Menschen leben jahrelang mit einem undiagnostizierten Eisenmangel oder sogar einer Anämie, ohne sich bewusst zu sein, dass sie auf energetischer Sparflamme leben“, betonte Prof. Dr. Christoph Gasche, Universitätsklinik für Innere Medizin 3 der Medizinischen Universität Wien.

„Patient Blood Management“

„Besonders ungünstig wirkt sich ein Eisenmangel bzw. eine Eisenmangelanämie im Vorfeld eines operativen Eingriffes aus, da Blutverluste während der Operation bzw. entzündliche Prozesse danach mit einem hohen Transfusionsrisiko einhergehen. Bluttransfusionen sind jedoch mit Komplikationen, wie einer erhöhten Infarkt- und Infektionsrate, transfussionsassoziierter Volumenüberladung oder Lungenversagen verbunden und zählen zu den teuersten Behandlungsformen in der klinischen Praxis“, so Prof. Dr. Hans Gombotz, Leiter der Abteilung für Anästhesie und Intensivmedizin am AKH Linz.

Vor diesem Hintergrund hat sich mit dem „Patient Blood Management“ ein individuelles Behandlungskonzept zur Reduktion und Vermeidung von Anämie, Blutverlust und -transfusion etabliert. „In der flächendeckenden Umsetzung dieses interdiziplinären Qualitäts-Management-Konzeptes schlummert enormes Potential. Es gewährleistet die optimale Ressourcenallokation bei besseren Behandlungsergebnissen“, unterstrich Gombotz.

Die Prognosen und Trends im Zusammenhang mit Blut- und Blutprodukten, wie die ständig steigenden Kosten für Konserven und das abnehmende Kontingent an Blutspendern, machen die österreichweite Implementierung des Patient Blood Managements auch zu einem ökonomischen Anliegen des Gesundheitsministeriums. „Die derzeitige Handhabe der Therapie mit Blut- und Blutprodukten führt über kurz oder lang zu einer nicht zu bewältigenden Kostenexplosion. In einer Zeit, in der Kosten-Nutzenanalysen zum klinischen Alltag gehören, muss auch Patient Blood Management auf die Agenda der Krankenhäuser“, so der internationale Gesundheitsökonom Mag. Axel Hofmann.

Drei-Säulen-Konzept

Essentiell für die erfolgreiche Umsetzung der Strategie sei die Erkenntnis der gemeinsamen Verantwortung aller beteiligten Fachgruppen. Die enge Zusammenarbeit von Allgemeinmediziner, Internist, Anästhesist und Operateur sei Grundvoraussetzung für die patientenindividuelle Anpassung der einzelnen Handlungsempfehlungen des Patient Blood Management Konzeptes.

Das evidenzbasierte Therapiekonzept fußt auf drei Säulen

1. Optimierung des Erythrozytenvolumens
2. Minimierung von Blut und Blutverlusten
3. Erhöhung und Ausschöpfung der Anämietoleranz

Jede dieser drei Säulen hat eine prä-, intra- und postoperative Komponente. Daher stellt ein ineinandergreifender Kommunikationsfluss zwischen den vor, während und nach der Operation behandelnden Ärzten sicher, dass jede Therapieentscheidung unter Berücksichtigung der individuellen Krankengeschichte erfolgt.

Kein anämischer Patient auf den OP-Tisch

„Blutsparend zu operieren ist Ziel aller Orthopäden. Leider kann es gerade bei älteren Patienten bei Hüft- oder Knieoperationen oft zu unerwarteten Komplikationen kommen, die mit stärkeren Blutungen einhergehen. Die Umsetzung des Patient-Blood-Management-Konzeptes ist daher auch ein besonderes Anliegen meiner Fachgruppe. Kein Patient sollte anämisch auf den OP-Tisch kommen.

Daher ist es wichtig, breit darüber zu informieren, wie schnell, sicher und einfach eine Eisenmangel- bzw. eine funktionelle Anämie vor elektiven Eingriffen behandelt werden kann“, resümierte Dr. Michael Riedl, Facharzt für Orthopädie und Orthopädische Chirurgie Wien, Leiter der Praxisgemeinschaft CORPUS Wien und Präsident des Berufsverbandes der Fachärzte für Orthopädie und orthopädische Chirurgie. FH

 

Quelle: Pressekonfernz „Blut und Eisen“, 30. November 2011, Wien.

Funktion des Eisens
Als Cofaktor vieler enzymatischer Prozesse ist Eisen unter anderem für die Zellatmung auf mitochondrialer Ebene zuständig und als wichtiges Spurenelement für die unspezifische Immunabwehr und eine adäquate Makrophagentätigkeit verantwortlich. Daraus erklärt sich, dass Eisenmangel mit einer Reihe von Lebensqualität mindernden Symptomen wie Abgeschlagenheit, Unruhe, Libidoverlust, Haarausfall, Infektanfälligkeit und depressiven Verstimmungen einhergeht. Eisenmangel ist aber auch ein maßgeblicher Kontributor des Restless Legs Syndroms, bei herzinsuffizienten Patienten korreliert ein niedriger Ferritinwert mit dem Risiko für einen Myokardinfarkt. Niereninsuffiziente Patienten entwickeln durch eine mangelhafte Eisenversorgung wahrscheinlicher kardiale Dysfunktionen und ein nicht gedeckter erhöhter Eisenbedarf in der Schwangerschaft bedeutet Risiken für Mutter und Kind.

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