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Fotos (3): Nanut/Regal
Die Firma Lohner baute nach Mundys Plänen einen Ambulanzwagen.

Am 8. Dezember 1881 brannte das Wiener Ringtheater. Kurz danach wurde die „Wiener Freiwillige Rettungsgesellschaft“ gegründet.

Jaromir Baron von Mundi (1822–1894)

 
Allgemeinmedizin 6. Dezember 2011

„Der größte praktische Humanist“

Vor 130 Jahren gründete Jaromir Mundy die „Wiener Freiwillige Rettungsgesellschaft“.

Am 8. Dezember 1881 brannte das Wiener Ringtheater. 386 Menschen kamen dabei ums Leben. Sie verbrannten, erstickten oder wurden zu Tode getrampelt. Nur ein paar Stunden nach dieser schrecklichen Katastrophe gründete Jaromir Baron von Mundy (1822–1894) mit zwei Freunden die „Wiener Freiwillige Rettungsgesellschaft“, die Vorläuferorganisation der Wiener Berufsrettung. Das 130-jährige Jubiläum dieser weltweit kopierten Erfolgsgeschichte ist der ideale Anlass, um an den, wie Billroth ihn nannte, „größten praktischen Humanisten“ des 19. Jahrhunderts zu erinnern.

 

Als Arzt war Jaromir Mundy ein „Spätberufener“. Erst mit 33 Jahren erfüllte er sich seinen Herzenswunsch und begann, Medizin zu studieren. Auf „Wunsch“ seines Vaters – was wohl eher ein Befehl war – sollte er Priester oder zumindest Offizier werden. Der Beruf des Arztes war für den diktatorischen Freiherren absolut nicht standesgemäß. Sein Sohn Jaromir hatte aber bereits im Schulalter ein ungewöhnlich großes Interesse an Naturwissenschaften und Krankenpflege. Sein größtes Vergnügen war es, den Landarzt auf seinen Visiten zu begleiten. Aus dem Priesterseminar, in das ihn sein Vater gesteckt hatte, lief er davon und während seiner vom Vater erzwungenen militärischen Ausbildung in der Alserkaserne in Wien besuchte der Kadett oft Vorlesungen im Allgemeinen Krankenhaus. Im Jahr 1855 quittierte er schließlich als Hauptmann seinen Dienst beim Militär und studierte in Würzburg Medizin. Würzburg wählte er wahrscheinlich deshalb, weil hier der weltberühmte Pathologe und kämpferische Sozialreformer Rudolf Virchow lehrte.

Virchows Grundsatz „Der Arzt ist der natürliche Anwalt der Armen“ wurde zur Maxime von Mundys Leben. Für diese „Armen“ – seien sie materiell arm, „nur“ krank oder die Ärmsten der Armen, die „Irren“ – setzte er sich nach seiner Promotion mit seiner ganzen Kraft ein.

Heilanstalten ohne Zwangsmittel

Zunächst bemühte sich Mundy vehement um eine Verbesserung und Neuorganisation der Irrenpflege in seiner Heimat. Ausschlaggebend dafür war vermutlich die Geisteskrankheit seiner Mutter, die, wie damals üblich, praktisch wie in einem Gefängnis interniert wurde. Mundy schwebte hier ein System wie etwa das der „Irrenkolonie“ in Gheel in Belgien vor. Hier lebten die Kranken bei den Einwohnern des Dorfes, konnten mitarbeiten und wurden gegen eine Entschädigung auch gepflegt. Heilanstalten ohne Zwangsmittel, wie sie Mundy wollte, konnte er in Österreich trotz heftigsten Drängens, vieler bürokratischer Interventionen und zahlreicher viel beachteter Aufsätze in Fachjournalen nicht durchsetzen. Nach und nach wurden Zwangsjacken und andere Zwangsmaßnahmen in den psychiatrischen Anstalten aber dennoch seltener und verschwanden bald ganz.

Eine seiner charakteristischsten Eigenschaften war, dass er nicht nur medizinische Probleme rasch erkannte und danach mit schier unglaublichem Einsatz daran ging, sie zu lösen. Bald kehrte er, diesmal aber als Arzt, auf die verschiedensten Kriegsschauplätze in Europa zurück. In der berühmt-berüchtigten Schlacht von Solferino am 24. Juni 1859 lernte er den Journalisten Henri Dunant, den Gründer des Roten Kreuzes, kennen und bei der ersten internationalen Konferenz der Gesellschaft vom Roten Kreuz nahm Mundy als österreichischer Delegierter teil. Mundy war es auch, der Dunants theoretische Vorstellungen unmittelbar in die Praxis umsetzte. Durch seine Erfahrungen im Krieg kannte er das furchtbare Schicksal der Verwundeten, die praktisch ohne Hilfe auf den Schlachtfeldern liegen blieben. Mundy konstruierte riesige Scheinwerfer, um in der Nacht die Verletzten vom Schlachtfeld zu bergen, und entwarf Tragbahren, Ambulanzwagen, ja sogar ganze Sanitätszüge, um den sachgemäßen Transport der Verwundeten sicherzustellen.

Gründung der „Wiener Freiwillige Rettungsgesellschaft“

Nach dem Schock des Ringtheaterbrandes am 8. Dezember 1881 konnte er endlich einen lang gehegten Plan realisieren. Mundy war damals bereits 59 Jahre alt. Gemeinsam mit Graf Hans Wilczek und Graf Eduard Lamezan gründete er am 9. Dezember 1881 die „Wiener Freiwillige Rettungsgesellschaft“.

Abgesegnet vom Kaiser, begann er trotz unzähliger Schwierigkeiten, auch aus Kreisen etablierter Ärzte, mit seiner „humanitären Maulwurfsarbeit“. Schon kurz danach konnte die Firma Lohner einen nach Mundys Plänen gebauten, von zwei Fiakerpferden gezogenen Ambulanzwagen präsentieren. Am 24. April 1882 wurde damit der erste kostenlose Krankentransport durchgeführt.

Unterstützt vom Chirurgen Theodor Billroth, baute Mundy zunächst eine Organisation mit freiwilligen Helfern auf. Besonderen Wert legte er auf die Schulung des Sanitätspersonals, das in der Anfangszeit vorwiegend aus Medizinstudenten bestand. Zu seinen Schülern zählte Julius Tandler, heute noch als Anatom, Sozialmediziner und vor allem als höchst erfolgreicher Wiener Gesundheitsstadtrat bekannt.

Die finanziellen Mittel für die Rettungsgesellschaft erhielt Mundy durch Spenden und Benefizveranstaltungen. Bei solch einer Veranstaltung sang Alexander Girardi, in einem Fiaker vorfahrend, erstmals das weithin bekannte „Fiakerlied“. Bis ins hohe Alter war Mundy praktisch Tag und Nacht bei „seiner Rettung“. Kein Dienst war dem Herrn Baron zu niedrig.

Für seine selbstlose Tätigkeit bekam er natürlich viele Orden und Ehrenzeichen. Nach seinem Tod fand man sie alle in einem Koffer unter seinem Bett. Getragen hat er fast nie eine der Auszeichnungen. Seine Einstellung zu „Standesunterschieden“ illustriert folgende Anekdote: Einmal lud Mundy Kanalräumer direkt von der Arbeit zum Essen in den Speisesaal des Hotel „Lamm“ ein. Trotz entrüsteter Proteste des feinen Publikums ließ er es sich und seinen Gästen gut schmecken. Hausierern kaufte er regelmäßig Krawatten ab, um sie dann an Kellner weiterzuschenken. Es störte ihn nicht, dass die Beschenkten diese dann den Hausierern wieder zurückverkauften. Zu Weihnachten brachte er Spielsachen in die Arbeiterviertel, erzählte, er käme im Auftrag einer reichen Dame, und verschwand gleich wieder. Er tat alles, um nicht als „gnädiger Herr“ Dank annehmen zu müssen, auch wenn man ihn deshalb für verrückt hielt.

„Wenn Du ein Denkmal suchst, Wanderer, blicke um Dich!“, mit diesem Satz beendete Jaromir Mundy im Jahr 1888 einen Aufsatz über Gerhard van Swieten. Fast noch besser passt dieser Ausruf aber auf ihn selbst. Kein Tag vergeht, an dem nicht zahlreiche Autos der MA 70 mit Blaulicht und Sirene durch Wien rasen. Sie alle erinnern an den Mann, dessen „Furor caritatis“ offenbar ansteckend war.

Jaromir Mundy litt schon längere Zeit unter Depressionen. Am 23. August 1894 erschoss er sich unterhalb der Sophienbrücke, heute die Rotundenbrücke, am Ufer des Donaukanals.

Von W. Regal und M. Nanut , Ärzte Woche 49 /2011

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