zur Navigation zum Inhalt
 
Allgemeinmedizin 30. November 2011

Welt-Aids-Tag: Die Angst vor dem Stigma bleibt

Aktuelle HIV-Patientenbefragung präsentiert: Eine HIV-Therapie ermöglicht eine gute Lebensqualität, zentrales Ziel bleibt aber die Entstigmatisierung.

Viele HIV-positive Menschen befinden sich in einer erfolgreichen Langzeittherapie und fühlen sich durch Nebenwirkungen nur bedingt beeinträchtigt. Als größte Belastung der Lebenszufriedenheit wird nach wie vor die Angst vor Stigmatisierung empfunden, wie eine aktuelle österreichische Untersuchung der "Österreichische Gesellschaft niedergelassener Ärzte zur Betreuung HIV-Infizierter" (ÖGNÄ) zeigt. Die Ergebnisse wurden von Dipl. Sozpäd. Olaf Kapella vom Österreichischen Institut für Familienforschung (ÖIF) an der Universität Wien im Rahmen eines Pressefrühstücks präsentiert.

Die Patientenbefragung

AIDS hat sich in den letzten Jahrzehnten von einer tödlichen zu einer chronischen Erkrankung entwickelt. Insgesamt werden derzeit etwa 4.000 HIV-infizierte Patienten in Österreich in Spitalsambulanzen und im niedergelassenen Bereich betreut. Die Patientenbefragung wurde im Zeitraum 2010 bis 2011 in den Schwerpunktpraxen der ÖGNÄ-HIV – einem Zusammenschluss von Dermatologen und Allgemeinmediziner – sowie im Allgemeinen Krankenhaus Wien, im Otto-Wagner-Spital und im Landeskrankenhaus Graz durchgeführt.

Befragt wurden insgesamt 396 Männer und 76 Frauen jeden Alters, die sich unter HIV-Therapie befinden. Zwei Drittel der Befragten waren zwischen 31 und 50 Jahren. 68,8 Prozent der Männer, befragt nach ihrer sexuellen Orientierung gaben an, homosexuell zu sein, 19,4 Prozent heterosexuell und 11,8 Prozent bisexuell. Für eine statistische Auswertung der Angaben von Frauen war die Anzahl zu gering. Aufgegliedert nach Erwerbstätigkeit befinden sich etwa die Hälfte der Befragten in einem Angestelltenverhältnis, etwa ein Viertel in Pension oder Frühpension.

Erkrankung schon lange bekannt

Viele der Teilnehmer wissen schon relativ lange über ihre HIV-Infektion Bescheid, jeder zweite Patient ist darüber seit mehr als zehn Jahre informiert, 10 Prozent der Männer und 21 Prozent der Frauen bereits seit über 21 Jahren. Ein beträchtlicher Anteil der Befragten ist bereits seit vielen Jahren in Behandlung.

Beispielsweise erhalten rund zehn Prozent der Männer bereits über einen Zeitraum von 16 bis 26 Jahren eine HIV-Therapie. Hauptansteckungsquelle bei Männern ist homosexuelle Geschlechtsverkehr (66 Prozent), gefolgt von "unbekannter Quelle" mit 17 Prozent. Bei den Frauen war es mit 61 Prozent heterosexueller Geschlechtsverkehr, ebenfalls gefolgt von "unbekannt" mit 25 Prozent.

Wirksamkeit der Therapie

Die Wirksamkeit der medikamentösen Langzeittherapie zeigt sich an klinischen Parametern: So liegt die Zahl der CD4-Zellen, relevant für Diagnose und Verlaufskontrolle, beim überwiegenden Teil der behandelten Patienten im Normbereich (über 500-600 CD4-Zellen/ml), bei rund 80 Prozent der therapierten HIV-Patienten liegt die Virusbelastung unter der Nachweisgrenze (unter 50 Kopien/ml). Dies bedeutet nicht zuletzt auch, dass die Betroffenen für andere Menschen so gut wie keine Ansteckungsgefahr darstellen, das Transmissionsrisiko also deutlich sinkt, wenn sie die medikamentöse Therapie weiter nehmen und laufend unter ärztlicher Kontrolle sind.

Leider nicht ohne Nebenwirkungen

Nahezu alle Behandelten berichten von Nebenwirkungen der HIV-Therapie, nur 7,1 Prozent der Männer und 6,6 Prozent der Frauen geben keine unerwünschten Wirkungen an. Als Hauptbeschwerden werden Müdigkeit, Energiemangel (etwa drei Viertel), Stimmungsschwankungen, Depressionen und Ängsten angegeben, also tendenziell psychosomatische Beschwerden, die oft auch mit der Angst vor Stigmatisierung zusammenhängen. Bei den körperlichen Beschwerden dominieren Verdauungsprobleme.

Jeder zweite befragte HIV-Patient gibt an, dass er sich von Nebenwirkungen in den meisten Lebensbereichen – mit Ausnahme von Sexualität und körperlichem Wohlbefinden – nicht beeinträchtigt fühlt. Einige dieser Beschwerden waren subjektiv bereits vor der Therapie vorhanden, werden jedoch in der Regel durch die HIV-Therapie intensiviert und mit zunehmender Behandlungsdauer noch stärker empfunden. Dies betrifft nicht nur rein medizinischen, sondern auch psychosomatische Symptome.

Medikation und Wohlbefinden

Des Weiteren wird angeführt, dass das Ausmaß der Beeinträchtigung durch die Medikamenteneinnahme selbst zwar insgesamt relativ gering ist, jedoch grundsätzlich mit der Anzahl der täglich einzunehmenden Tabletten steigt. Das bedeutet, dass je weniger Tabletten eingenommen werden, desto weniger beeinträchtigt fühlt man sich im körperlichen Wohlbefinden.

Erschreckend sind jedoch die Angaben zu den Suizidgedanken. So hatten 18,7 Prozent der Männer und 17,6 Prozent der Frauen innerhalb der letzten 12 Monate Selbstmordgedanken. Besonders betroffen waren Personen, die erst vor kurzem eine Therapie begonnen hatten oder jene, die diese schon sehr lange einnehmen.

Stigmatisierung und Angst vor Ansteckung

Der wichtigste die Lebensqualität beeinträchtigende Aspekt ist nach wie vor die Angst davor, dass andere Menschen von der HIV-Infektion erfahren und vor der damit häufig immer noch verbundenen Stigmatisierung. Daher steht der Wunsch nach Anerkennung an erster Stelle, wenn es um Möglichkeiten zur Verbesserung des Wohlbefindens geht.

Damit ist vor allem gemeint, dass Betroffene nicht für ihre Erkrankung verurteilt werden wollen – und zwar weder von der Allgemeinbevölkerung noch von Ärzten und medizinischem Personal, wie dies leider häufig immer noch vorkommt. Besonders fürchten HIV-Patienten, andere Menschen anzustecken.

"Sicher ist sicher"

Diese Angst spiegelt sich in einem hohen Verantwortungsbewusstsein wieder: 80 Prozent der Befragten geben an, immer oder meistens auf sicheren Sex zu achten – und dies, obwohl Patienten unter einer gut funktionierenden, laufend kontrollierten Therapie (wenn sie mindestens sechs Monate unter der virologischen Nachweisgrenze sind) de facto nicht mehr infektiös für andere Menschen sind. Diese Patienten sind in der Regel darüber informiert, dass sie in einer dauerhaften Beziehung keine Schutzmaßnahmen für ihren Partner ergreifen müssen, viele wollen dennoch nicht darauf verzichten.

Quelle:  Pressekonferenz "Gesund und gleichzeitig krank? Leben mit HIV", 23. November 2011, Wien

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Mehr zum Thema

<< Seite 1 >>

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben