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Allgemeinmedizin 4. Dezember 2011

Erhöhtes Krankheitsrisiko von Migranten

Potenziale, Chancen und Möglichkeiten für eine verbesserte Gesundheitsversorgung von Migranten.

Der erschwerte Zugang von Migranten zu medizinischer Versorgung birgt ein Gesundheitsrisiko. Um dieser Situation entgegenzuwirken und eine verbesserte Gesundheitsversorgung von Migranten gewährleisten zu können, müssen auf vielen Ebenen Maßnahmen gesetzt werden, betonten Experten im Rahmen des Symposium „Migration – Epidemiologische und medizinische Aspekte“.

 

„Eines der größten Probleme ist die Erreichbarkeit von Migranten und ihre aktive Teilnahme an Programmen“, betonte Doz. Dr. Pamela Rendi-Wagner, Sektionsleiterin BM für Gesundheit. Pilotprogramme zu Präventionsmaßnahmen für Migranten und Österreicher wie zum Beispiel Gesundheitsprogramme in Schulen würden jedoch bereits umgesetzt. Ein aktuelles Problem zeigt sich bei derzeitigen Durchführung der Schulimpfprogramme. „Durch die derzeit nicht definierte Beauftragung der Schulärzte und die damit verbundene Haftungsfrage sehen sich die Experten mit sinkenden Durchimpfungsraten konfrontiert“, so Prof. Dr. Ursula Wiedermann-Schmidt vom Institut für Spezifische Prophylaxe und Tropenmedizin (ISTPM) der Medizinischen Universität Wien. Da Migranten – sowohl Kinder als auch Erwachsene – zu niedrige Durchimpfungsraten aufweisen, forderte die Expertin für diese Gruppe spezielle Impfprogramme – für sie ein wichtiger Pfeiler in der Präventionsmedizin.

Hohe Prävalenz an psychischen Erkrankungen bei Migranten

Dr. Georg Psota, Chefarzt vom Psychosozialen Dienst in Wien, sagte, dass die Häufigkeit von psychischen Erkrankungen und damit auch die fachärztliche psychiatrische Versorgung gerade bei Türkinnen sehr hoch sei. Für eine erfolgreiche Behandlung müssten vor allem sprachliche Barrieren weitestgehend überwunden werden. Des Weiteren forderte Prof. Dr. Bernhard Schwarz vom Zentrum für Public Health der Medizinischen Universität Wien, die massiven Defizite in der präventiven Medizin im österreichischen Gesundheitssystem zu identifizieren und hier Verbesserungen herbeizuführen. Dr. Christiane Druml, Vizerektorin für klinische Angelegenheiten der Medizinischen Universität Wien, appellierte an Vertreter des österreichischen Gesundheitssystems, folgende Aspekte rasch umzusetzen: Bewusstsein über zur Verfügung stehende Möglichkeiten der Versorgung zu schaffen, das Angebot von mehrsprachigen Informationen zu verbessern, die Verminderung von Zutrittsbarrieren, kulturellen Barrieren und Sprachbarrieren sicherzustellen und die Förderung der Selbstbestimmung von Migranten sowie die Aufnahme dieses Themenbereichs in die Curricula des Medizinstudiums und die Pflegeausbildung zu gewährleisten.

Mobilität, Migration und „Global Health“

„Migrationsmedizin kam ursprünglich aus der Reise- und Tropenmedizin. Mittlerweile hat sich aber herausgestellt, dass Migrationsmedizin in zahlreichen anderen Bereichen von Bedeutung ist“, so Wiedermann-Schmidt. Gerade „Visiting friends and relatives“ (VFRs) – Reisende ins frühere Heimatland und Österreicher, die familiäre oder freundschaftliche Beziehungen in anderen Ländern pflegen – sind durch ihre Reisetätigkeit einem höheren Risiko für die Entstehung medizinischer Probleme ausgesetzt. Dies sei vor allem auf Ernährung, Unterkunft und Transportmittel in anderen Ländern zurückzuführen.

Weiters appellierten die Experten an die Bevölkerung, sich gegen Masern impfen zu lassen, um Ausbrüche zu verhindern und zukünftig eine Elimination gewährleisten zu können.

Gender- und soziokulturelle Aspekte

Zum Thema Frauengesundheit wurde aufgezeigt, dass Migrantinnen in den niedrigsten und höchsten Bildungsschichten überproportional vertreten sind. Health literacy sei wichtig, um unterschiedliche Behandlungsarten, Erkrankungen und Symptome zu verstehen und Entscheidungen über die eigene Gesundheit zu treffen. In den letzten Jahren wurde das Thema Frauengesundheit unter der Leitung von Prof. Dr. Beate Wimmer-Puchinger, Wiener Frauengesundheitsbeauftragte, und Mag. Hilde Wolf von FEM Süd, Kaiser Franz Joseph Spital, forciert – zahlreiche Projekte wurden bereits initiiert. Im Laufe der Diskussion bestätigte sich wiederholt der Zusammenhang zwischen Ausbildung und Krankheitsrisiko: Bei hohem Einkommen ist die Rate von Lifestyle-Erkrankungen – speziell bei Frauen – teilweise nur halb so hoch wie bei Menschen mit geringerem Einkommen. Des Weiteren wurden Anforderungen an eine Ambulanz für Migrantinnen im Rahmen der gynäkologischen Versorgung formuliert: Wissen um kulturelle Barrieren, Überwindung von Sprachbarrieren und Beseitigung des fehlenden Zugangs. FH

 

Quelle: Symposium Migration, 16. November 2011, Wien

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