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Allgemeinmedizin 22. November 2011

Dauerhaft klar im Kopf

Uralt ohne Alzheimer – das scheint tatsächlich möglich.

Wenn wir nur alt genug werden, so bekommen wir entweder Alzheimer oder Krebs – diesen Schluss muss man fast zwangsläufig ziehen, wenn man die steigende Inzidenz solcher Krankheiten im Alter betrachtet. Nun geben neuen Studienergebnisse Hoffnung: Etwa ein Viertel der Menschen scheint ohne kognitive Einbußen zu altern.

 

„Ich glaube, das Risiko, an Alzheimer zu erkranken, geht ab einem Alter von 95 bis 100 Jahren sogar wieder zurück“, betont der renommierte Demenzforscher Prof. Dr. Colin Masters aus Melbourne in Australien. Haben wir also gute Chancen, mit 120 Jahren noch klar zu denken, falls der Körper so lange mitmacht?

Nicht immer nimmt die Hirnleistung im Alter ab

Masters kann sich dies durchaus vorstellen. Seiner Meinung nach stimmt bei nicht verwirrten Hochbetagten eben sowohl die Genetik als auch der Lebenswandel. Für ihn ist dies jedoch nicht nur eine Schlussfolgerung aus den zahlreichen epidemiologischen Studien, die nahe legen, dass viel Sport, kein Übergewicht, kein Diabetes und ein normaler Blutdruck das Risiko für eine Demenz niedrig halten. Er hatte eine interessante Entdeckung in einer großen und aufwändigen Kohortenstudie gemacht: Teilnehmer ohne jegliche Alzheimer-Risikofaktoren schnitten bei Kognitionstests alle gleich gut ab, egal ob sie 60, 70 oder gar 85 Jahre alt waren. Dagegen war bei Teilnehmern mit Risikofaktoren die kognitive Leistung altersabhängig: Je älter, umso schlechter. Es scheint, als ob zumindest ein Teil der Bevölkerung geistig gesund alt wird, was heißt, dass es bei ihnen eben zu keinem spürbaren kognitiven Abbau kommt.

Ob dem tatsächlich so ist, das wird man in ein paar Jahren besser wissen, wenn man das Schicksal einzelner Teilnehmer der Studie AIBL genauer verfolgen kann. Mit der Studie will man den Alterungsprozess des Gehirns auf allen denkbaren Ebenen live mitverfolgen. Dazu wurden über 1.200 ältere bis alte Menschen aufgenommen, die meisten waren zu Beginn kognitiv gesund, 150 hatten bereits leichte kognitive Einschränkungen, knapp 200 eine Alzheimer-Demenz. Bei allen werden regelmäßig Laboruntersuchungen gemacht, Lebensgewohnheiten abgefragt, die geistige Leistung getestet, Risikofaktoren überprüft und das Hirn per MRT durchleuchtet. Bei einem Teil werden sogar die Beta-Amyloid-Ablagerungen im Gehirn per PET sichtbar gemacht. Damit will man die Übergänge von einem normalen zu einem demenzkranken Gehirn festhalten und auf diese Weise eine Alzheimer-Demenz früh erkennen.

Seine Entdeckung machte Masters, als er eine Kontrollgruppe unter den gesunden Teilnehmern suchte. In diese Subgruppe sollten nur Menschen, die keine Hirnatrophie im MRT zeigten, keine nennenswerte Amyloidlast im PET, keine auffälligen Laborwerte bei Homocystein oder Vitamin B12. Auch sollten diese Supergesunden keine genetischen oder kardiovaskulären Risikofaktoren haben und in Kognitionstests über die vergangenen 18 Monate stabile Werte zeigen. Diese Personen schnitten bei diversen Gedächtnistests, Logiktests und Tests mit komplexen geistigen Aufgaben individuell zwar sehr unterschiedlich ab, dies korrelierte aber nicht mit dem Alter. Die Testwerte bei den 80-Jährigen kreisten in derselben Bandbreite um denselben Mittelwert wie bei den 60-Jährigen, wobei es natürlich nicht mehr so viele 80-Jährige gab, die den strikten Kriterien dieser Subgruppe genügten. Insgesamt erfüllten diese Kriterien etwas mehr als ein Viertel aller kognitiv gesunden Teilnehmer.

Ganz anders sieht die Zukunft jedoch für geistig noch fitte Menschen aus, die schon relativ viele Beta-Amyloid-Plaques im PET zeigen. Hier ergaben Auswertungen über drei bis fünf Jahre, dass bei diesen die kognitive Leistung deutlich abnahm und einige der Teilnehmer rasch eine Alzheimer-Demenz entwickelten.

 

springermedizin.de, Ärzte Woche 47 /2011

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