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Dipl.-Demogr. Christian Wegner
Österreichische Akademie der Wissenschaften, Vienna Institute of Demography, Wittgenstein Centre for Demography and Global Human Capital, Wien

Dr. Marc Luy
Österreichische Akademie der Wissenschaften, Vienna Institute of Demography, Wittgenstein Centre for Demography and Global Human Capital, Wien

 
Allgemeinmedizin 22. November 2011

Lebe langsam – stirb alt

Eine geschlechterspezifische Studie über Klosterleben und Lebenserwartung.

Die spezifischen von den klösterlichen Regeln (Leben in Armut, Keuschheit und Gehorsam) geprägten Lebensumstände von Ordensmitgliedern wurden schon mehrfach als experimentelle Grundlage für bestimmte Aspekte der Gesundheitsforschung herangezogen. Nun erforschen Demographen die Determinanten der Lebenserwartung in einer seit 15 Jahren laufenden Studie in deutschen Klöstern anhand der Lebens- und Todesursachendaten von knapp 12.000 Ordensmitgliedern.

 

Heutige Erkenntnisse über die Risikofaktoren für Brustkrebs gehen auf Bernardino Ramazzinis Beobachtung aus dem 17. Jahrhundert zurück, dass katholische Ordensfrauen häufiger an Brustkrebs erkranken und sterben als weltliche Frauen. Bei der Erforschung der Mechanismen der Tuberkulose-Ansteckung von Georg Cornet im 19. Jahrhundert spielten in Klöstern durchgeführte Untersuchungen ebenfalls eine entscheidende Rolle. Und auch für die Erforschung des Einflusses des Lebensstils auf die Lebenserwartung gewähren Ordensmitglieder einzigartige Einblicke.

In Deutschland steigt die Lebenserwartung seit vielen Jahren an. Bei den Frauen vollzieht sich dieser Anstieg seit mehr als einem halben Jahrhundert mehr oder weniger konstant, bei den Männern ist dies seit den 1970er Jahren der Fall (siehe Abbildung 1 für die Entwicklung der Lebenserwartung im Alter 45 in Westdeutschland von 1960–2000).

Auch bei den Ordensmitgliedern erhöht sich die Lebenserwartung stetig. Allerdings zeigen sich beim Vergleich zwischen Kloster- und Gesamtbevölkerung markante Geschlechterunterschiede. Mönche haben eine konstant höhere Lebenserwartung im Vergleich zu den Männern der gesamten Bevölkerung, wobei sich die Sterblichkeitsunterschiede auf allen Altersstufen und bei den wichtigsten Todesursachengruppen manifestieren, vor allem bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Neubildungen und Atemwegserkrankungen.

Bei den Frauen zeigen sich da-gegen keine so großen Differenzen zwischen Kloster- und Gesamtbevölkerung. Allerdings steigt die Lebenserwartung der Nonnen stärker an, so dass sich die Unterschiede von einem früheren Nachteil der Ordensschwestern zu einem langsam größer werdenden Vorteil verändern (siehe Abbildung 2).

Gesundheitsverhalten und Stressbelastung

Der Überlebensvorteil der Mönche im Vergleich zu den Männern der Gesamtbevölkerung ist nach dem momentanen Stand der Forschung vermutlich vor allem eine Folge des Gesundheitsverhaltens und der geringeren Stressbelastung der Ordensmänner. Die etwas andere Entwicklung und der geringere Lebenserwartungsvorteil der Klosterschwestern scheint dagegen das Ergebnis eines speziellen Kohorten-Effekts zu sein, mit einer im Vergleich zu den weltlichen Frauen geringeren Sterblichkeit jüngerer und höheren Sterblichkeit älterer Ordensfrauen. Während für den Überlebensvorteil junger Nonnen überwiegend die gleichen Ursachen wie für die generell hohe Lebenserwartung der Mönche verantwortlich sein sollten, scheint die hohe Mortalität der älteren Generationen von Ordensfrauen auf Stress sowie mögliche Selektionseffekte (sowohl bei Klostereintritt als auch danach, verursacht durch die hohe Tuberkulosesterblichkeit der überwiegend jungen Krankenschwestern in der zweiten Hälfte des 19. und den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts) zurückzuführen zu sein.

Schlüssel zu einem langen und gesunden Leben

Insgesamt lässt sich schlussfolgern, dass der klösterliche Lebensstil, der insbesondere durch einen geregelten und bewusst gestalteten Tagesablauf geprägt ist, einen positiven Effekt auf die Lebenserwartung hat. Vor allem bei den Männern zeigt die Klosterstudie das Potenzial eines gesunden Lebensstils für eine hohe Lebenserwartung. Im Alter von 45 haben die Ordensmänner eine um drei Jahre höhere Restlebenserwartung als die Männer der Gesamtbevölkerung, im Alter von 25 beträgt der Vorteil sogar bis zu vier Lebensjahre. In den nächsten Jahren wird untersucht, ob sich das Klosterleben in der gleichen positiven Weise auf die Gesundheit und die entsprechend gesund verbrachten Lebensjahre auswirkt, um auf diese Weise noch mehr über die Determinanten eines langen und vor allem gesunden Lebens in Erfahrung zu bringen.

 

Dr. Luy, Direktor der Klosterstudie, wird am 8. Dezember beim Kongress „Menopause – Andropause – Anti-Aging“ über die Studie berichten: www.menopausekongress.at

Von M. Luy und C. Wegner , Ärzte Woche 46 /2011

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