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Allgemeinmedizin 3. April 2009

Sexueller Missbrauch – Opfer nicht überfordern

Gut gemeinte Hilfsangebote können schnell zum Totalrückzug der Betroffenen führen.

Wer den Verdacht auf Missbrauch bei einem Minderjährigen hegt, sollte von übereilten Aktionen Abstand nehmen. Wichtig: Informieren, Unterstützung holen, vernetzen. Teil 2 dieser Serie beschäftigt sich mit der richtigen Hilfestrategie und Opferschutzeinrichtungen.

 

Es ist wohl eine der schwierigsten Situationen, vor denen ein Arzt stehen kann: Ein Kind oder ein Jugendlicher kommt in die Praxis, und der behandelnde Arzt hegt den Verdacht auf sexuellen Missbrauch oder Gewalt in der Familie. Der erste Reflex ist wohl, das Kind zu schützen und so rasch wie möglich zu helfen. Aber Vorsicht: „Eine zu rasch angebotene Unterstützung wird häufig nicht unbedingt als positiv erlebt“, berichtet DSA Bettina Weidinger, pädagogische Leiterin des Österreichischen Instituts für Sexualpädagogik. „Behutsames Vorgehen ist wichtig – und manchmal muss auch akzeptiert werden, dass das Angebot zur Hilfe einfach zum falschen Zeitpunkt kommt.“

Nichts übereilen

Auch übereilte Hilfsaktionen können extrem kontraproduktiv sein. Weidinger schildert den Fall einer Lehrerin, der eine Schülerin anvertraut hatte, dass sie in der Familie sexuell missbraucht werde. Die betroffene Lehrkraft meldete dies der Direktion, die die Polizei verständigte. Die Polizei vernahm das Kind, das – aus Angst – keine Aussage machen wollte. Ergebnis: Der Anzeige konnte nicht nachgegangen werden, das Kind verblieb in der Familiensituation – „und es wird sich wahrscheinlich hüten, jemals wieder eine Andeutung zu machen“, so Weidinger.

Unterstützung suchen

Die Sexualpädagogin rät Ärzten und Lehrkräften, sich bei Verdacht zuallererst einmal Hilfe zu holen. Es kann etwa sinnvoll sein, sich an eine Kinderschutzeinrichtung zu wenden, den Verdacht zu schildern und das weitere Vorgehen zu besprechen. In jedem Bundesland sind Kinderschutzzentren eingerichtet, die Beratung und Hilfeleistungen anbieten. Auch die Ämter für Jugend und Familie stehen Vertrauenspersonen zur Seite, sind aber nur bis 16 Uhr besetzt. „Eine Servicetelefonnummer ist bis 18 Uhr erreichbar, erteilt erste Informationen und leitet an das entsprechende Jugendamt weiter“, erläutert Weidinger (siehe Kasten).

Sofortige Hilfeleistung ist notwendig, wenn eine akute Gewalt- oder Missbrauchssituation ein Einschreiten erforderlich macht. In einem solchen Fall sollten Polizei und Jugendamt verständigt werden. In der Abteilung für Kinder- und Jugendgynäkologie des Allgemeinen Krankenhauses Wien werden akut bedrohte und missbrauchte Kinder zum Schutz auch stationär aufgenommen. Auch die Unterbringung von Mutter und Kind im Frauenhaus ist möglich, selbst wenn die Mutter nicht gefährdet ist: „Frauenhäuser sind auch Kinderschutzeinrichtungen“, weiß Weidinger.

Prozessbegleitung

Ist eine Anzeige bei der Polizei erforderlich, sollte sich die Vertrauensperson zudem an eine Beratungsstelle für Prozessbegleitung wenden, um dem Kind bzw. dem Jugendlichen weitere Traumata zu ersparen: „Polizisten müssen einer Anzeige nachgehen“, erklärt Weidinger. „Dazu müssen auch dem Kind Fragen gestellt werden, die dieses als unangenehm empfinden kann.“ Um die Situation für das Opfer zu erleichtern, bietet etwa die Psychosoziale und juristische Prozessbegleitung Begleitung und Unterstützung an.

Generell sollten Personen, die den Verdacht auf Missbrauch hegen oder vom missbrauchten Kind oder Jugendlichen ins Vertrauen gezogen werden, äußerst behutsam mit der Situation umgehen: „Sehr gut angenommen wird das Berichten dessen, was die Vertrauensperson selbst wahrnimmt“, so Weidinger: „Ich sehe, du bist sehr durcheinander, ich nehme wahr, dass es dir heute nicht gut geht.“ Mit solchen Sätzen schafft die angesprochene Person Vertrauen und die Möglichkeit für ein offenes Gespräch.

Kasten:
Anlaufstellen für Opferschutz
http://member.ycn.com/~prozess/ Psychosoziale und juristische Prozessbegleitung bei Gewalt gegen Kinder und Jugendliche
http://www.kija.at/ Kinder- und Jugendanwaltschaften Österreichs
http://rataufdraht.orf.at/ Rat auf Draht
http://www.plattformgegendiegewalt.at/02_de/default.asp Vernetzungsstelle von ExpertInnen und NGOs aus den Bereichen Gewalt gegen Kinder und Gewalt gegen Frauen
http://www.kinderrechte.gv.at/home/ Kinderrechts-Website
http://www.haltdergewalt.at/frauenhelpline/ Frauenhelpline gegen Männergewalt – auch für Kinder und Jugendliche
http://www.aoef.at/hilfe/frauenhaeuser.htm Frauenhäuser in Österreich (bieten auch Schutz für Kinder)
http://www.plattformgegendiegewalt.at/02_de/default.asp Plattform gegen Gewalt in der Familie
http://www.wien.gv.at/menschen/frauen/servicestellen/frauennotruf.html Frauennotruf 24 Stunden erreichbar
http://www.aoef.at/start.htm Informationsstelle gegen Gewalt
http://www.wien.gv.at/menschen/magelf/service/stelle.html Amt für Jugend und Familie Wien
01-4000, Service-Telefon-8011 des Amtes für Jugend und Familie Wien
http://www.kinderschutz- zentren.org/ Kinderschutzzentren in Österreich
http://www.die-moewe.at/ Beratungsstelle für Kinder und Jugendliche mit Missbrauchs-erfahrungen
 Rechtliche Situation bei Sexuellem Missbrauch: nachzulesen unter pubshop.bmukk.gv.at/download.aspx?id=162

Von Sabine Fisch, Ärzte Woche 14/2009

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