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Allgemeinmedizin 8. Juni 2011

Besseres Blutmanagement gefordert

Die Zahl der Blutspender geht zurück. Gleichzeitig gibt es in Österreich offenbar ein hohes Einsparungspotenzial, was Transfusionen insgesamt angeht. Das sind die Kernsagen der Vertreter des Österreichischen Roten Kreuzes und der Plattform Patientensicherheit anlässlich des Welt-Blutspendetages.

Peak schon erreicht

Die sprichwörtlichen "zwei verschiedenen Paar Schuhe" sind die Aufbringung von Blutkonserven und ihre spätere - mehr oder minder "sparsame" - Verwendung in den österreichischen Krankenhäusern. "Der Bedarf erreichte im Jahr 1996 einen 'Peak' mit 247.000 von uns ausgelieferten Blutkonserven. Jetzt halten wir bei rund 170.000", sagte der stellvertretende Generalsekretär des Österreichischen Roten Kreuzes, Werner Kerschbaum. Die Zahlen beziehen sich auf die Wiener RK-Blutspendezentrale, welche die Versorgung der Bundeshauptstadt, Niederösterreichs und des Burgenlandes abdeckt.

Effizienz der Transfusionsmedizin

Österreichweit spendeten im Jahr 2010 exakt 286.974 Menschen Blut. Das ergab 420.994 Blutkonserven. Die Crux, so Kerschbaum: "Der Bedarf an Blutkonserven geht pro Jahr um zwei bis drei Prozent zurück. Aber seit Anfang des Jahres haben wir rund zehn Prozent weniger Blutspender." Beim Roten Kreuz wird das auch auf eine zeitweise sehr emotional geführte Debatte über die Effizienz der Transfusionsmedizin in Österreich mit im internationalen Vergleich hohen Raten an Transfusionen in Spitälern und offenbar einer verbesserungswürdigen Praxis bei der Verwendung der Blutkonserven.

Anämie bereits vor OP

Benchmark-Studien deckten in den vergangenen Jahren  auf, dass Österreich von einem eher "lockeren" Umgang mit Blutkonserven sprachen. Der Leiter der Abteilung für Anästhesiologie und operative Intensivmedizin am Linzer AKH, Hans Gombotz, von der Plattform Patientensicherheit: "60 Prozent der bereitgestellten Blutkonserven werden nicht transfundiert. 20 bis 30 der Patienten vor elektiven Eingriffen haben eine Anämie. Sie haben den drei- bis vierfachen Transfusionsbedarf. Mehr als 90 Prozent der Patienten werden aber vor der Operation nicht gegen ihre Blutarmut behandelt."

Extreme Schwankungen

Außerdem gäbe es - so der Experte - zum Teil enorme Schwankungen, was die Häufigkeit von Bluttransfusionen betreffe: "Bei Hüft- und Kniegelenksersatz sowie Bypass-Operationen gibt es Schwankungen von bis zum 17-fachen." Das sei zunächst einmal medizinisch nicht zu rechtfertigen. Fazit: Jede Bluttransfusion, die man im Spital vermeiden könnte, sei ein Gewinn für die Patienten.

Reduktion bei Transfusionen möglich

Bluttransfusionen können - neben unbestreitbar im "Katastrophenfall" lebensrettender Wirkung - auch Zwischenfälle hervorrufen. Gleichzeitig bedeuten die Blutkonserven einen hohen Kostenaufwand. Brigitte Ettl, Obfrau der Plattform Patientensicherheit und Ärztliche Leiterin des Krankenhauses Hietzing in Wien, nannte dazu Zahlen: Es würden derzeit 420.000 Blutkonserven pro Jahr ausgeliefert.

Hohes Einsparungspotential

Eine davon kostet - so die Experten - derzeit 133 Euro. Das würde Jahresaufwendungen für den Kauf der Konserven allein von um die 56 Millionen Euro in Österreich bedeuten. Laut dem Linzer AKH-Spezialisten Hans Gombotz muss man aber pro Transfusion mit Gesamt-Prozesskosten für das Krankenhaus von 500 US-Dollar rechnen.

Klar ist, dass hier ein sparsamerer Einsatz und eine bessere Betreuung von Risikopatienten eine deutliche Verbesserung bringen könnten. Gombotz: "International rechnet man bei Hüftgelenksoperationen mit einer zehnprozentigen Häufigkeit der Notwendigkeit eine Bluttransfusion. Wir liegen in Österreich bei 40 Prozent."

Beispiel Krankenhaus Mistelbach

Entsprechende Vorkehrungen an Krankenhäusern unter Einbringung aller Abteilungen, wo Bluttransfusionen erfolgen, zeigen offenbar Wirkung. Der Anästhesie-Vorstand am Krankenhaus Mistelbach in Niederösterreich, Friedrich Marian: "Wir konnten feststellen, dass allein mit unserer Beteiligung an der Benchmark-Studie (Vergleichsstudie zwischen Krankenhäusern zur Bluttransfusionen, Anm.) unser (Spender-)Blutbedarf um 40 bis 50 Prozent gesunken ist. In der zweiten derartigen Studie konnten wir den Blutverbrauch bei elektiven Operationen um 75 Prozent senken."

Ähnliche Entwicklungen

An sich dürfte sich diese Entwicklung bereits - allerdings mehr oder minder stark - im gesamten österreichischen Spitalswesen ähnlich abspielen. Brigitte Ettl, Obfrau der Plattform Patientensicherheit und Ärztliche Direktorin des Krankenhauses Hietzing in Wien: "Im Bereich des Wiener Krankenanstaltenverbundes (städtische Spitäler, Anm.) ist der Bedarf an Blutkonserven in den Jahren 1999 bis 2005 um 33 Prozent gesunken."

Transparenz gefordert

NÖ-Patientenanwalt Gerald Bachinger sieht ein verbessertes Management im Transfusionswesen als Teil des Qualitätsmanagements in den Spitälern: "Wir müssen Transparenz haben." Einige Forderungen: Fortsetzung der Vergleichsstudien zu den Bluttransfusionen in den Krankenhäusern, Veröffentlichung der Ergebnisse und Erlassung von Zielwerten für Transfusionen sowie Bindung von deren Erreichung an die Spitalsfinanzierung (LKF-Punkte).

apa.at

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