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Foto: wikipedia
Der Klimawandel gefährdet auch die Gesundheit. Hochwasser in Schlottwitz, 2002.
 
Allgemeinmedizin 17. Mai 2011

Anpassung an den Klimawandel

Das österreichische Gesundheitswesen ist gefordert.

In der letzten Zeit haben sich viele Länder mit der Frage beschäftigt, wie sie sich am besten an die Veränderungen des globalen Klimas anpassen können. Auch in Österreich werden entsprechende Empfehlungen erarbeitet.

Auf dem Weg zu einer nationalen Klimawandelanpassungs-Strategie wurden in Österreich unter Federführung des Lebensministeriums zunächst Empfehlungen für die Sektoren Land-, Forst-, Wasser- und Elektrizitätswirtschaft sowie den Tourismus publiziert. Einen Überblick über Anpassungsmaßnahmen zur Verringerung von Gesundheitsrisiken gaben zuletzt Mitarbeiter des Zentrums für Public Health der Medizinischen Universität Wien und des Instituts für soziale Ökologie, Universität Klagenfurt, in einem Beitrag in der Zeitschrift Prävention und Gesundheitsförderung (siehe Literatur).

Hitzewellen

Hinsichtlich der klimabedingten Gesundheitsauswirkungen werden für Österreich derzeit häufiger werdende Extremwetterereignisse wie etwa Hitzeperioden als Hauptbelastung angesehen. Durch Hitzewellen sind insbesondere ältere, multimorbide Menschen gefährdet, aber auch Säuglinge und Kleinkinder aufgrund ihrer noch instabilen Thermoregulation. Hitzeperioden können bekanntermaßen zu einer erhöhten Sterblichkeit führen. So waren durch den heißen Sommer im Jahr 2003 europaweit rund 70.000 Todesfälle zu beklagen. Für Wien zeigte eine Studie, dass die Hitze im Juli und August 2003 zu etwa 180 zusätzlichen Todesfällen führte. Diese Zunahme stellt dabei nur die „Spitze des Eisbergs“ dar, da sich thermische Belastungen auch auf Morbidität, Wohlbefinden, Leistungsfähigkeit sowie die Stimmungslage der Menschen auswirken.

Notwendig sind deswegen (unter anderem) Strategien zur Reduktion der Hitzeexposition in Gebäuden, die Kartierung von Hitze-Risikogebieten und deren Überwachung, die Anpassung gesellschaftlicher Zeitmuster an Hitze und die Sensibilisierung des Arbeitsschutzes für hohe Temperaturen in Innenräumen und im Außenraumbereich. Gesundheitsämter sollten sich für mehr hitzeverringerndes „Grün“ in urbanen Gebieten und für die Erhaltung bzw. Schaffung von Frischluftkorridoren einsetzen. Während der Hitzeperioden müssen der Bevölkerung allgemein zugängliche kühle Räume zur Verfügung gestellt werden. Insbesondere Kinder und alte Menschen müssen vor Hitze (und ihren Folgen) besser geschützt werden. Wichtig ist auch die verstärkte Information der Bevölkerung über richtiges Verhalten an heißen Tagen (z. B. Fenster tagsüber schließen – was oft nicht durchgeführt wird). Die Klimaerwärmung wird auch hohe Ozonkonzentrationen begünstigen. Darüber hinaus ist eine Zunahme von Erkrankungen der Atemwege und von Allergien durch Pollen und Pilzsporen zu erwarten. Eine wichtige Maßnahme zur Allergieprävention stellt hier etwa die verstärkte Bekämpfung von Ragweed dar.

Infektionsgefahr

Die höheren Temperaturen können sich auch auf die Lebensmittelsicherheit auswirken. Die Ansprüche an die hygienischen Bedingungen bei der Lebensmittelverarbeitung und an die Kühlkette beim Lebensmitteltransport werden steigen.

Was vektorbasierte Infektionskrankheiten betrifft, muss man für Österreich in erster Linie von einer Einwanderung von Vektoren aus dem südosteuropäischen Raum ausgehen. Diese ist für die Sandmücke bereits im Gang; damit wird die Gefahr einer autochthonen Leishmaniose aktuell. Denkbar erscheinen auch Erkrankungen durch das West-Nil-Virus sowie Ausbrüche von Chikungunya-Fieber.

Die Überwachung und Abwehr von Infektionskrankheiten ist schon bisher eine Kernaufgabe des öffentlichen Gesundheitswesens. Die Anstrengungen müssen fortgesetzt und laufend an das sich ändernde Krankheitsspektrum angepasst werden. Fortbildung soll Ärzte in die Lage versetzen, „new and emerging diseases“ rechtzeitig zu diagnostizieren und entsprechend zu behandeln.

Katastrophen-Ereignisse

Prognostiziert wird auch eine Zunahme der Frequenz und Intensität von Starkniederschlägen mit den entsprechenden Folgen wie Überschwemmungen und Muren. Gesundheitseffekte umfassen Tod, Verletzungen mit eventuell auch lebenslanger Behinderung sowie posttraumatische Belastungsstörungen. Nach Überschwemmungen kann in durchfeuchteten Häusern auch massiver Schimmelbefall auftreten. Nicht selten kommt es bei Hochwasserereignissen weiters zum Austritt von Heizöl aus Tanks. Falls das Öl dabei Fußböden, Putz bzw. das Mauerwerk von Häusern infiltriert hat, können lang anhaltende Belastungen der Raumluft mit Kohlenwasserstoffen und starke Geruchsbelästigungen auftreten.

Die Gefährdungsgebiete für Überschwemmungen, Vermurungen, Sturmschäden etc. müssen in allen Regionen Österreichs neu definiert werden. Für gefährdete Regionen müssen Pläne zur gesundheitlichen Versorgung von Katastrophenopfern (inklusive Prävention von posttraumatischen Belastungsstörungen) ausgearbeitet oder überarbeitet werden. Es stellt sich auch die Frage, wie angesichts der steigenden Zahl älterer und pflegebedürftiger Menschen deren ambulante Betreuung zu Hause im Fall von Überschwemmungen, Unwetterstürmen oder Ähnlichem aufrechtzuerhalten ist.

Klima-Flucht

Zu rechnen ist auch mit Klimaflüchtlingen, deren gesundheitliche Betreuung sichergestellt werden muss. Auch eine innerösterreichische Umweltmigration könnte durchaus zu einem Thema werden. In Deutschland wurde beispielsweise das Thema „Absiedlung aufgrund wiederholter Überschwemmungen“ zuletzt im Zusammenhang mit dem seit rund 700 Jahren existierenden Ort Moos diskutiert, der in den Jahren 1999, 2002 und 2005 vom Donau-Hochwasser betroffen war. Wie sich zeigte, sind die organisatorischen und psychosozialen Probleme einer Absiedlung sehr hoch.

Insgesamt sind viele Maßnahmen notwendig, um die österreichische Bevölkerung vor den gesundheitlichen Auswirkungen des Klimawandels zu schützen. Eindimensionale Lösungen (z. B. Energie-intensive Klimaanlagen für die Innenräume) sollten dabei vermieden werden.

 

Der Originalartikel (von Hutter H.-P., Kundi M., Moshammer H., Haas W., Weisz U., Niederkrotenthaler T., Wallner P.) ist nachzulesen in „Prävention und Gesundheitsförderung“ (2011) und auf SpringerLink:

 

http://springerlink.com/content/21j803372966hm26/

Infos zur Anpassung an den Klimawandel:

www.klimawandelanpassung.at

Von Dr. Peter Wallner, Ärzte Woche 20 /2011

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