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Foto: wikipedia
Frauen unterliegen in allen Altersklassen einer geringeren Sterblichkeit als Männer – auch im Alter von 110 Jahren und mehr.

Supercentenarians (Demographic Research Monographs) Maier, Heiner ; Gampe, Jutta; Jeune, Bernard; Robine, Jean-Marie; W. Vaupel, James XV, 323 Seiten, € 110,00 Springer 2010 ISBN: 9783642115196 e-ISBN 9783642115202

 
Allgemeinmedizin 10. Mai 2011

Auf der Suche nach dem modernen Methusalem

Neues Wissen über Sterblichkeit im Alter über 110.

Steigt die Sterbewahrscheinlichkeit im sehr hohen Alter weiter an oder sinkt sie ab? Hat sich die Mortalität in den höchsten Altersstufen in den vergangenen Jahrzehnten verbessert – ähnlich wie es für andere Lebensalter beobachtet wurde – oder ist sie unverändert geblieben? Eine internationale Forschergruppe, koordiniert vom Max-Planck-Institut für demografische Forschung, Rostock, hat erstmals den Mortalitätsverlauf nach dem Alter 110 untersucht und festgestellt, dass sich das Sterberisiko auf einem Plateau von 50 Prozent pro Jahr einpendelt.

 

Die Sterbewahrscheinlichkeit innerhalb eines Jahres bezeichnet die Wahrscheinlichkeit, bis zum Alter x+1 zu sterben, wenn man x Jahre alt geworden ist. In Deutschland (siehe Grafik) und anderen entwickelten Ländern folgt die Sterbewahrscheinlichkeit einem typischen Verlauf. Unmittelbar nach der Geburt ist die Sterblichkeit relativ hoch und fällt dann deutlich ab. In der Kindheit vermindert sie sich mit jedem Lebensjahr. Im Alter von acht bis zwölf Jahren werden die geringsten Sterbewahrscheinlichkeiten beobachtet. Danach nimmt die Sterblichkeit rapide zu; das gilt besonders für Jungen. Im jungen Erwachsenenalter (25 bis 30 Jahre) ändert sich die Sterbewahrscheinlichkeit kaum. Ab dem 30. oder 35. Lebensjahr bis ungefähr Alter 80 steigt sie nahezu exponentiell an. In diesen Altersgruppen verdoppelt sich das Sterberisiko ungefähr alle acht Jahre. Jenseits des 80. Lebensjahrs verlangsamt sich der Anstieg der Mortalität. Dieser typische Verlauf der altersspezifischen Sterbewahrscheinlichkeiten ist für beide Geschlechter ähnlich. Allerdings liegt die Sterblichkeit der Männer in allen Altersstufen leicht über der der Frauen.

Zwar sind die Gesetzmäßigkeiten der Sterblichkeit in den jüngeren Altersklassen gut dokumentiert, über ihren Altersverlauf in den höchsten Altersstufen gibt es jedoch nur wenige gesicherte Aussagen. Als „Supercentenarians“ (wörtlich: Über 100-Jährige) bezeichnet man diejenigen Personen, die ein Alter von 110 Jahren und mehr erreicht haben. Den Altersrekord hält die Französin Jeanne Calment, die 1997 mit 122 Jahren starb. Als ältester Mann gilt der Däne Christian Mortensen, der 1998 mit 115 Jahren in Kalifornien starb.

Sterblichkeit der über 110-Jährigen

Zur Mortalität der Supercentenarians lagen bisher noch keine verlässlichen Daten vor, da die Anzahl der über 110-Jährigen weltweit immer noch sehr gering ist. Ein internationales Forscherteam hat nun weltweit Geburts- und Sterbedaten der Supercentenarians gesammelt, um die Fallzahlen zu erhalten, die für statistisch gesicherte Aussagen zur Sterblichkeit im höchsten Altersbereich notwendig sind. In diesem Forschungsprojekt wurde die Forschungsdatenbank „International Database on Longevity“ (IDL) angelegt, auf deren Grundlage der Mortalitätsverlauf nach dem Alter 110 erstmals zuverlässig beschrieben werden kann. Die IDL beinhaltet Listen von Supercentenarians mit valider Altersbestimmung aus verschiedenen Ländern.

Die Zuverlässigkeit der Altersangaben war eine große Herausforderung bei der Erstellung dieser Listen. Viele Berichte über außergewöhnlich hochaltrige Personen haben sich in der Vergangenheit schlichtweg als falsch herausgestellt. Oftmals konnten Altersangaben nicht überprüft werden, da keine zuverlässigen Quellen wie Geburts- oder Sterbeurkunden vorlagen. Beim Aufbau der Forschungsdatenbank IDL kam deshalb der Altersvalidierung große Bedeutung zu. Nur altersvalidierte, das heißt sorgfältig auf ihre Richtigkeit überprüfte Fälle, wurden in die Datenbank aufgenommen.

Aufgrund der hohen Anforderungen der Altersvalidierung konnten für die IDL nur Länder berücksichtigt werden, die über hohe Standards der Dokumentation von Geburten und Sterbefällen verfügen und deren Dokumentation bis in das 19. Jahrhundert zurückreicht. Seit Juni 2010 ist die IDL unter www.supercentenarians. org im Internet verfügbar.

Frauen-Überhang

Derzeit sind 672 Supercentenarians aus 15 Ländern in der IDL aufgeführt. Es sind 600 Frauen, aber nur 72 Männer verzeichnet. Zwei Prozesse tragen dazu bei, dass fast 90 Prozent der in der IDL enthaltenen über 110-Jährigen weiblich sind. Zum einen unterliegen Frauen in allen Altersklassen einer geringeren Sterblichkeit als Männer. Dies führt dazu, dass in den höheren Altersstufen zunehmend immer mehr Frauen immer weniger Männern gegenüberstehen. Zum anderen haben zwar beide Geschlechter in den vergangenen Jahrzehnten enorme Mortalitätsverbesserungen im Alter erfahren, aber die Verbesserungen waren für Frauen deutlicher ausgeprägt als für Männer.

Sterberisiko der Supercentenarians

Erste Auswertungen der IDL-Daten ergaben für die Altersstufen 110 bis 114 Jahre eine konstante altersspezifische Sterbewahrscheinlichkeit von 0,5. Dieser Wert ist auch für die Altersstufen 115 und darüber plausibel. Allerdings sind die Fallzahlen der über 115-Jährigen zu gering für statistisch gut abgesicherte Aussagen zur Sterblichkeit in diesem Altersbereich. Diese ersten Auswertungen deuten darauf hin, dass die menschliche Sterblichkeit im höchsten Alter nicht weiter zunimmt, sondern vielmehr ein Plateau erreicht, das bei einem Sterberisiko von 50 Prozent pro Jahr liegt.

Die Analysen der IDL-Daten ergaben einen weiteren überraschenden Befund: Die Sterblichkeit der Supercentenarians hat sich in den vergangenen Jahrzehnten nicht messbar verbessert. Dies ist erstaunlich, weil sich die Mortalität in den meisten anderen Altersstufen aufgrund eines allgemeinen Anstiegs im Lebensstandard und durch Fortschritte in der Gesundheitsversorgung sogar deutlich verbessert hat. Dieser Befund legt nahe, dass die Sterblichkeit im höchsten Alter in geringerem Maße durch erhöhten Lebensstandard und andere zivilisatorische Errungenschaften beeinflussbar ist als die Sterblichkeit in jüngeren Altersgruppen.

 

Quelle: Demografische Forschung Aus Erster Hand. 2011, Jahrgang 8, Nr. 1, Seite 1, herausgegeben vom Max-Planck-Institut für demografische Forschung, Rostock, in Kooperation mit dem Institut für Demographie der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, Wien, und dem Rostocker Zentrum zur Erforschung des Demografischen Wandels herausgegeben. Auszugsweiser Nachdruck mit freundlicher Genehmigung des Max-Planck-Instituts für demografische Forschung, Rostock.

 

 

 http://www.demografische-forschung.org/

 www.supercentenarians.org  

 

Prof. Dr. Dipl. Psych. Heiner Maier ist Dekan der International Max Planck Research School for Demography, Prof. Dr. James W. Vaupel ist Direktor des Max-Planck-Instituts für Demografische Forschung und Dr. Jutta Gampe arbeitet ebendort als Leiterin des Arbeitsbereichs Statistische Demografie.

Von Dr. Heiner Maier, Dr. Jutta Gampe und Prof. Dr. James W. Vaupel, Ärzte Woche 19 /2011

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