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Fettqualität und Ballaststoffe scheinen laut neuen DGE-Leitlinien zur Kohlenhydratzufuhr eine größere Bedeutung in der Reduzierung von Zivilisationskrankheiten zu haben als die Empfehlung, mehr als 50 Prozent der Energieaufnahme über Kohlenhydrate zu deck
 
Allgemeinmedizin 26. April 2011

Neue Leitlinien zur Kohlenhydratzufuhr

Die aktuelle Datenlage zeigt keine eindeutigen Beweise, dass ein hoher Kohlenhydratanteil präventiv gegen die typischen ernährungsassoziierten Erkrankungen wirkt.

Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung wertete kürzlich die wissenschaftliche Literatur zum Thema Kohlenhydrate in der Prävention ernährungsmitbedingter Erkrankungen aus. Die aktuelle Datenlage spricht für Qualität vor Quantität.

 

Zum zweiten Mal stürzten sich Experten der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE) auf die wissenschaftliche Literatur zu einem Thema: Nach der Leitlinie für den Fettkonsum, die im Jahr 2006 veröffentlicht wurde, waren nun die Kohlenhydrate an der Reihe. Die Experten untersuchten, welche Rolle Kohlenhydrate beim Entstehen und Vorbeugen von Zivilisationskrankheiten wie Adipositas, Diabetes mellitus Typ 2, Herz-/Kreislauferkrankungen, Bluthochdruck, Krebs und Fettstoffwechselstörungen spielen. Gleichzeitig leiteten die Experten Empfehlungen für die Praxis daraus ab.

Für die Bewertungen der wissenschaftlichen Aussagekraft richteten sich die Experten nach den bestehenden Kriterien des Europäischen Krebsforschungszentrums IARC (International Agency for Research on Cancer) und damit nach den Härtegraden „überzeugende“, „wahrscheinliche“, „mögliche“ oder „unzureichende“ Evidenz.

Qualität vor Quantität

Die deutschsprachigen Ernährungsgesellschaften empfehlen seit langem, dass 50 Prozent der Energiezufuhr über Kohlenhydrate gedeckt werden sollen. Entsprechend dem Ernährungskreis der DGE wären dies

  • 4–6 Scheiben Brot (zirka 200–300 g)
  • oder 3–5 Scheiben Brot und 50–60 g Getreideflocken sowie
  • eine Portion gegarte Kartoffeln (zirka 200–250 g) oder
  • eine Portion gegarte Nudeln (zirka 200–250 g) oder
  • eine Portion gegarter Reis (zirka 150–180 g).

Die aktuelle Datenlage stützt die Empfehlung jedoch nur bedingt. Denn es gibt keine durchgängigen eindeutigen Beweise, dass ein hoher Kohlenhydratanteil präventiv gegen die beleuchteten ernährungsassoziierten Erkrankungen wirkt.

Bei den Fettstoffwechselstörungen zeigt ein hoher Kohlenhydratanteil positive wie negative Effekte: Die „bösen“ Gesamt- und LDL-Cholesterinwerte werden zwar überzeugend gesenkt, wenn der Kohlenhydratanteil zu Lasten von Gesamtfett und gesättigten Fettsäuren geht. Es nimmt aber auch die Konzentration an „gutem“ HDL-Cholesterin ab. Werden allerdings mehr Kohlenhydrate anstelle mehrfach ungesättigter Fettsäuren gegessen, sinken nicht nur die HDL-Werte, sondern es gehen auch die Gesamt- und LDL-Cholesterinwerte in die Höhe. Und die Triglyzeridkonzentrationen steigen generell mit der Menge an Kohlenhydraten an, unabhängig davon, welche Qualität die sonst aufgenommenen Fette haben.

In Bezug auf Einfach-, Zweifach- oder Mehrfachzucker weisen die Leitlinien darauf hin, dass es keinen Grund zum Verdammen einzelner Lebensmittel gibt: Für Fruchtzucker und Haushaltszucker sowie für den Konsum zuckergesüßter Getränke gibt es keine überzeugende Beweislage für die Entwicklung von Adipositas, Diabetes mellitus Typ 2, Krebs und von den anderen untersuchten chronischen Erkrankungen. Das Risiko für Adipositas nimmt „wahrscheinlich“ bei einem erhöhten Konsum von zuckergesüßten Getränken bei Erwachsenen zu und altersunabhängig für Diabetes mellitus Typ 2.

Was die Entstehung von Krebs betrifft, so wird die Studienlage durch die Ergebnisse des WCRF-Reports 2007 (World Cancer Research Fund) untermauert. In diesem fand man bei süßen Lebensmitteln keinen Zusammenhang mit der Krebsentwicklung.

Ballaststoffe wirken nachweislich

Ein weiterer interessanter Punkt, den die Leitlinien klarstellen: Der Glykämische Index und die Glykämische Last scheinen nicht wirklich relevant in der Prävention von ernährungsassoziierten Krankheiten zu sein. Für die Ballaststoff- und Vollkornzufuhr werden die Ernährungsempfehlungen weitgehend bestätigt: Wer viel Vollkornprodukte isst, senkt sein Gesamt- und LDL-Cholesterin. Auch lösliche Ballaststoffe, die etwa in Hülsenfrüchten und Obst enthalten sind, senken diese Blutfettwertparameter bei hohem Konsum. Gleichzeitig wird die HDL-Cholesterinkonzentration nur geringfügig reduziert. Mit wahrscheinlicher Evidenz senkt eine hohe Ballaststoff- und Vollkornzufuhr das Risiko für Herz-/Kreislauferkrankungen und Bluthochdruck. Ballaststoffe aus Getreideprodukten beugen ebenfalls mit „wahrscheinlicher Evidenz“ Darmkrebs vor.

Zur Publikation der Leitlinien veröffentlichte die DGE ein Positionspapier, in dem die Experten eine geringere Kohlenhydratzufuhr für vertretbar halten, wenn man ausreichend Vitamine, Mineralstoffe, essenzielle Fettsäuren und Vollkornprodukte konsumiert. Das Weniger an Kohlenhydraten sollte zudem nicht mit Trans- und gesättigten Fettsäuren aufgewogen werden und das Eiweiß aus pflanzlichen Quellen anstatt aus Fleisch stammen.

Empfehlungen zusammengefasst

Um Zivilisationskrankheiten einzudämmen, spielt die Fettqualität eine größere Rolle als die Empfehlung, mehr als 50 Prozent der Energiezufuhr über Kohlenhydrate zu decken. Großes präventives Potenzial hat jedenfalls eine ausreichende Ballaststoffzufuhr. Für die Praxis heißt das: Ballaststoffreiche Kohlenhydratquellen wie Vollkornbrot und -nudeln sowie Obst und Gemüse sollten auf dem Speiseplan überwiegen. Beim Backen zu Hause bietet sich an, mindestens die Hälfte des weißen Mehls gegen Vollkornmehl auszutauschen. Leinsamen und Weizenkleie in Gemüsesuppen und Joghurts sind zusätzliche Ballaststoffquellen.

Ab und zu Süßigkeiten und zuckergesüßte Getränke für den Gusto sind kein Widerspruch zu einer ausgewogenen Ernährung. Dies wird auch durch die Ergebnisse der DGE-Leitlinie deutlich.KK

 

Quelle: forum.ernährung heute
www.forum-ernaehrung.at

Literatur:
Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE): Evidenzbasierte Leitlinie Kohlenhydratzufuhr und Prävention ausgewählter ernährungsmitbedingter Krankheiten. Version 2011.
http://www.dge.de/pdf/ws/ll-kh/DGE-Leitlinie-KH-ohne-Anhang_Tabellen.pdf
Linnert E: Kohlenhydrate und Ballaststoffe in der Ernährung. Wissenschaftliches Symposium der DGE. ErnährungsUmschau 11: 616-617 (2010)
Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE): Evidenzbasierte Leitlinien. DGEinfo 10 (2010).
World Cancer Research Fund: Ernährung, körperliche Aktivität und Krebsprävention: Eine globale Perspektive (2007). http://www.dge.de/pdf/ws/WCRF-Report-summary-de.pdf

Von Mag. Ulrike Keller, Ärzte Woche 17 /2011

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