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Foto: Dr. MMag. Alexander Ginzel
Prof. Dr. Herbert Watzke, Präsident der Österreichischen Palliativgesellschaft.
 
Allgemeinmedizin 1. November 2011

Am Lebensende

Gespräch mit Prof. Dr. Herbert Watzke, Leiter der Palliativstation am AKH Wien.

"Die Medizin fühlt sich heute auch für das Lebensende zuständig, das ist Konsens."

Herr Prof. Watzke, auf Ihre Palliativstation im Wiener Allgemeinen Krankenhaus kommen sogenannte austherapierte Patienten. Wie können Sie diesen Menschen helfen?

Watzke: Sie haben in Ihrer Frage schon ein Reizwort genannt: austherapiert. Damit wird ja meistens ausgedrückt, dass beispielsweise eine Krebserkrankung schon so weit fortgeschritten ist, dass keine Medikamente mehr helfen. Wenn das der Fall ist, wenn also das Karzinom nicht mehr zurückgedrängt werden kann, ist der Patient nicht „austherapiert“.

Ganz im Gegenteil: er benötigt dann andere Therapien, die seine Beschwerden in dieser körperlich und seelisch schwierigen Situation lindern können. Wir füllen dieses vermeintliche therapeutische Vakuum. Palliare heißt schützen: Wir legen gleichsam einen schützenden Mantel um den Patienten, der sich in einer existenziellen Krise befindet. Er hat eine Erkrankung, die mittelbar zum Tod führen wird, sei es in fünf Wochen oder in fünf Jahren.

Wir wollen diesem Menschen in erster Linie helfen, sich neu zu orientieren. Es ist nämlich in der Regel ganz auf seinen Tumor fixiert. Wir wollen ihm vermitteln, dass es jenseits des Tumors und jenseits seiner Krankheit auch noch ein Leben gibt.

Wieso haben Sie sich gerade für diesen Medizinbereich entschieden? Und nicht für den kurativen, in dem der Arzt doch eher ein Erfolgserlebnis hat?

Watzke: Ich bin von meiner Ausbildung Internist und Kardiologe und hatte mich auf Blutgerinnungsfragen spezialisiert. Ich war zu Forschungszwecken mehrere Jahre in den USA, wo ich Molekularbiologie betrieb und als Erster einen bestimmten Gendefekt entdeckte. Zurück in Wien, leitete ich am AKH eine Station für allgemeine innere Medizin.

Schon damals hatte ich auch Patienten, bei denen eine Chemotherapie keinen Sinn mehr machte. Ich baute auf dieser Station eine palliative Versorgung auf, das heißt, ich zog Psychologen, Seelsorger und Sozialarbeiter hinzu. Dann sagte das AKH: Wir brauchen eine Palliativstation. Und später die Universität: Wir hätten gerne einen Lehrstuhl für Palliativmedizin. Ich bewarb mich um die Stelle und bekam sie. So ist zu erklären, dass ich heute hier sitze und meine wissenschaftliche Tätigkeit im ursprünglichen Gebiet aufgegeben habe.

 Ich finde, dass dieser Bereich für mich die Erfüllung schlechthin ist. Es ist sehr befriedigend, wenn man an der Laborbank neue Dinge sieht, auch, wenn man einen Herzkatheter setzt – aber es ist über alle Maßen befriedigend, wenn man es schafft, das Vertrauen eines schwerkranken Patienten zu gewinnen, und für ihn eine Art Anker auf seinem letzten Lebensweg sein kann. Dies hat eine Nachhaltigkeit, die durch nichts übertroffen werden kann.

Palliativmedizin wird landläufig mit Schmerzbekämpfung gleichgesetzt. Welche Bereiche und Aufgaben umfasst sie darüber hinaus?

Watzke: Die Palliativmedizin umfasst vier Felder: Sie kümmert sich um die körperlichen, psychischen, sozialen und spirituellen Belange des Patienten. Wir arbeiten hier, wie es für jede Palliativstation vorgeschrieben ist, in einem interdisziplinären Team mit Krankenpflegern, Psychologen, Sozialarbeitern und Seelsorgern.

Schmerzen sind heute sehr gut behandelbar. Es wäre übertrieben zu sagen, dass Patienten gar keine Schmerzen mehr zu erleiden hätten, aber wir schaffen es, die Schmerzen weitgehend zurückzudrängen. Aus langjähriger Erfahrung kann ich sagen, dass das größte Problem für schwerkranke Patienten am Lebensende ungelöste familiäre Konflikte sind. Das belastet sie sehr.

Was sich da über Jahre und Jahrzehnte eingegraben hat und möglicherweise nur oberflächlich gekittet wurde, das bricht nun auf, und auch wir vom Team können in der Regel die Konflikte nicht lösen. Das lernt man auf dieser Station: In seinem eigenen Bereich sollte man frühzeitig dafür Sorge tragen, dass die sozialen Verhältnisse so sind, dass sie einem am Ende nicht auf den Kopf fallen.

Darf man sich das interdisziplinäre Team so vorstellen, dass alle an einem Strang ziehen – oder treten auch Meinungsverschiedenheiten auf?

Watzke: Wie in einer guten Ehe gibt es auch bei uns immer Diskussionsstoff. Wir kommen jeden Tag in diesem Raum zusammen und diskutieren eine halbe bis ganze Stunde das weitere Vorgehen. Der Austausch ist wichtig. Die Pflege weiß über die tatsächlichen Nöte des Patienten oft viel besser Bescheid als wir Ärzte. Wir erfassen die körperlichen Symptome, sprechen auch sehr viel mit den Patienten – aber die Pflege hat den viel engeren Kontakt.

Welchen Stellenwert hat die Palliativmedizin in Österreich im Vergleich zum Ausland?

Watzke: Wir haben in Österreich spät mit der Palliativmedizin begonnen – federführend waren England, die skandinavischen Länder und Holland –, doch in kurzer Zeit große Fortschritte gemacht. Es gibt einen Plan, wie die palliative Versorgung österreichweit ausgebaut werden soll, ein Plan, um den uns andere Länder beneiden.

Am Eingang des AKH steht das Motto: „AKH Wien. Die menschliche Größe“. Dass sich die Medizin auch für das Lebensende zuständig fühlt, ist heute Konsens, gehört gewissermaßen zur Political Correctness.

Ist das Lebensende auch ein Bereich, wo noch Fragen offen sind und Forschungsbedarf besteht?

Watzke: Ja, wir wissen beispielsweise sehr wenig darüber, was der Mensch in seinen letzten zwei, drei Tagen vor dem Tod, wenn er bereits sein Bewusstsein verloren hat und sich nicht mehr äußern kann, empfindet. Hat er Schmerzen? Müssen wir die Schmerzmittel vielleicht höher dosieren? Soll ihm Flüssigkeit zugeführt werden – oder ist seine Flüssigkeits- und Nahrungsverweigerung bereits Teil des Sterbeprozesses?

Wir agieren hier in einem Bereich, wo wir sehr wenig wissen. Um diese offenen Fragen zu klären, führen wir im Augenblick selbst eine große Untersuchung durch, die uns mehr Aufschluss über die Regulation des autonomen Nervensystems liefern soll. Uns interessiert vor allem: Gibt es in dieser finalen Phase noch ein Wohlfühlen, und wenn ja, wie kann es positiv beeinflusst werden?

Das Gespräch führten Dr. MMag. Alexander Ginzel und Mag. Wenzel Müller

 Zur Person

Herbert Watzke, geboren 1954 in Gmunden, ist Facharzt für Innere Medizin, Kardiologie, Hämatologie und Onkologie und leitet die von ihm initiierte Palliativstation am AKH Wien.

Seit 2005 ist er Professor für Palliativmedizin an der Medizinischen Universität Wien. In unserem Gespräch berichtet er unter anderem von der tiefen Befriedigung, schwerkranken Menschen einen sanften Tod zu ermöglichen. 

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