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Allgemeinmedizin 2. März 2011

Neudefinition des Alterns

Langlebige Arten entkommen dem Alterungsprozess nicht besser als kurzlebige.

Weil manche Lebewesen lange leben, glaubte man bisher, dass sie körperlich kaum altern. Diese Logik ist falsch, wie Annette Baudisch vom Max-Planck-Institut für demografische Forschung (MPIDR) jetzt mit biologischen Daten belegt. Tatsächlich bauen langlebige Arten teilweise viel stärker ab als andere Spezies, die früher sterben. Baudisch fordert darum eine Neudefinition des Alterns mit zwei Dimensionen: Dem „Tempo“ des Alterns, das die Lebenserwartung widerspiegelt, und seiner „Form“, die besagt, wie die Überlebensfähigkeit des Körpers mit der Zeit ab- oder zunimmt.

 

Anhand von zehn Arten beschreibt Baudisch in der Fachzeitschrift Methods in Ecology and Evolution, wo das herkömmliche Konzept des Alterns scheitert: So hat der moderne Mensch unter den zehn Spezies die höchste Lebenserwartung und das Rotkehlchen die niedrigste. Klassisch gesprochen altert der Vogel also viel stärker als der Mensch. Es zeigt sich aber, dass das Rotkehlchen bis zum Tod besser fit bleibt als alle anderen Arten auf der Liste. Der Mensch führt diese als „Vergreisungs-Meister“ an.

Menschen altern 1.000 Mal stärker als Rotkehlchen

Der Unterschied ist immens: „Moderne Menschen altern körperlich über 1.000 Mal stärker als Rotkehlchen“, so Baudisch. Für diese Berechnung legte die Forscherin der Form des Alterns einen mathematischen Wert zugrunde: Je stärker die Mortalität mit der Zeit steigt, desto steiler ist die Kurve und somit die Form des Alterns. Bei Menschen steigt das Sterberisiko von der Geschlechtsreife bis zum Erreichen der Lebenserwartung um den Faktor 2.000 – bei Rotkehlchen nur um den Faktor 1,2. Mit Baudischs neuer Definition fällt der Widerspruch zur Kurzlebigkeit der Vögel weg: Rotkehlchen altern zwar in hohem Tempo, weil ihr Leben kurz ist. Ihr Alterungsprozess hat aber die Form einer nur flach ansteigenden Kurve. Beim Menschen hingegen ist das Tempo zwar langsam, denn er lebt lang. Die Form entspricht jedoch einer steilen Kurve, die in Richtung zunehmender Degeneration zeigt.

Dass Menschen trotzdem viel älter werden als Rotkehlchen, liegt daran, dass ihr Sterberisiko in jedem Alter viel niedriger ist. Doch ihr Körper verliert im Erwachsenenalter merklich die Fähigkeit, sich schnell genug zu regenerieren, um nicht abzubauen. Bei Rotkehlchen klappt die Instandhaltung wesentlich besser.

Einige Arten verfügen sogar über erstaunliche Regenerationskünste, wie der Axolotl, der sein Leben lang Organe nachwachsen und sein Gehirn regenerieren lassen kann. Die Kalifornische Gopherschildkröte genießt ein bis zum Tod sinkendes Sterberisiko, wie vermutlich auch Alligatoren und Krokodile. Für Arten wie Rehe oder Murmeltiere nimmt das Sterberisiko zumindest eine Zeitlang nach der Geschlechtsreife ab. Und einige Vögel wie z. B. der Höckerschwan können den Verfall in dieser Zeit auf Null halten.

Warum die Spezies so unterschiedlich leben und sterben, ist ein ungelöstes Rätsel. Baudisch arbeitet an einer einheitlichen, evolutionären Theorie des Alterns. Der Grundgedanke: Wie ein Organismus altert, hängt damit zusammen, wie viel Energie er in die Arterhaltung oder ins eigene Überleben steckt – durch Wachstum, Instandhaltung oder Reparatur des Körpers. „Lebewesen, die sich wie der Mensch intensiv um ihren Nachwuchs kümmern, könnten Kandidaten für starke Vergreisung sein“, so Baudisch. Denn diese Energie fehle zur Reparatur des körperlichen Verfalls.

„Dass das Sterberisiko mit dem Alter sinkt, könnte aber auch soziale Ursachen haben oder durch Lernerfolge bedingt sein“, sagt die Forscherin. So könnte es etwa sein, dass manche Tiere mit der Zeit ihre Überlebenschancen erhöhen, weil sie lernen, besser zu jagen oder Fressfeinden zu entgehen. Sicher ist der Einfluss des Wachstums, wie das Beispiel der Krokodile zeigt: Ihre Mortalität fällt mit dem Alter, weil sie nicht aufhören, zu wachsen. Wenn sie vorher nicht von größeren Artgenossen gefressen wurden, werden sie selbst die Größten – und sind nicht mehr in Lebensgefahr.

 

Quelle: Max-Planck-Institut für demografische Forschung

 

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