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Foto: Privat
Alfred Höller und Mag. Dr. Silvia Neumann-Ponesch mit ihrem Buch.

Gefühlsarbeit in Pflege und Betreuung. Sichtbarkeit und Bewertung gelungener Gefühlsarbeit Neumann-Ponesch, Silvia und Höller, Alfred 150 Seiten, € 24,27 Springer Wien, 2010 ISBN 9783709101377n

 
Allgemeinmedizin 8. Februar 2011

„Jeder Mensch ist über Gefühle erreichbar“

Gefühlsarbeit rückt die Beziehung zum Menschen in den Mittelpunkt des Handelns.

Gefühle sind ein unterschätztes Potenzial in der Betreuung und Behandlung von Patienten und Klienten. Gefühle treten immer dann auf, wenn ein Umstand von einer Person als bedeutsam wahrgenommen wird. Gefühle werden in der Gesundheitspraxis häufig als Irritationen von Patienten und Angehörigen durch die Professionals wahrgenommen, ohne dass weitere Gedanken und Handlungen über deren Bedeutung abgeleitet werden.

 

Als Irritation wird eine wahrgenommene Abweichung eines Phänomens von Gewohntem oder Üblichem bezeichnet. Solche Irritationen sind beispielsweise die Ablehnung einer Therapie oder Hilfe bei Pflege und Betreuung, regelmäßige Beschwerden, aggressives Verhalten, die Weigerung, aus dem Patientenbett aufzustehen, oder häufiges nächtliches Läuten der Patientenglocke. Der Umstand, eine Irritation auszudrücken und diese gefühlsmäßig zu erfassen, ist eine Ressource, die im Behandlungs- und Beziehungsprozess bewusst aufgegriffen werden kann und den Einbezug des Patienten in das Behandlungsgeschehen nützt. Die Wahrnehmung dieser Gefühle ist ein potenzieller Auftrag an Professionals, nach den Gründen der verschiedenen Gefühlsregungen zu fragen. Hier setzt Gefühlsarbeit® an.

Das von den Autoren wissenschaftlich entwickelte Konzept der Gefühlsarbeit® (siehe Kasten) verfolgt das Ziel der Prävention vor Verlust der Identifikation eines Menschen, vor Langeweile, Einsamkeit, Desorientierung, Autonomieverlust oder Prävention vor „Losigkeiten“ (Hoffnungslosigkeit, Sinnlosigkeit usw.) – Phänomene, die sich zusehends gesellschaftlich verfestigen und nicht selten in pathologischen, paradoxen Verhaltenmustern münden. Im Weiteren setzt sich das Konzept zum Ziel, die bereits heute mit hohem Maß an Sensibilität und Konzentration geleistete Gefühlsarbeit® sicht- und bewertbar zu machen und diese als klassische Arbeit der Professionals im Gesundheitswesen auszuweisen und deren Bedeutung zu festigen.

Das Konzept ist im geriatrischen Pflegebereich getestet, kann aber in jeder Behandlungs- und Betreuungssituation zur Anwendung kommen, denn die Autoren meinen: Jeder Mensch ist über Gefühle erreichbar.

Gefühlsarbeit – was ist das?

Gefühlsarbeit® ist unverzichtbare Voraussetzung für den medizinischen und pflegerischen Arbeitsprozess. Gefühlsarmut® beschreibt eine Haltung und einen Weg, wie Pflegende und Betreuende durch gelungene Beziehungsarbeit Ressourcen von allen am Pflegeprozess Beteiligten mobilisieren. In der Gefühlsarbeit werden Gefühle und Emotionen selbst zur Arbeit, die Energie, Zeit, Können, Arbeitsteilung und Entlohnung erfordert.

Gefühlsarbeit® ist für die Autoren dieses Buches ein Professionskonzept, das die Beziehung zum Menschen in den Mittelpunkt des Handelns rückt und Gefühle bewusst und gesteuert einsetzt, um die Ursachen von auftretenden Irritationen im Pflegekontext zu identifizieren, zu interpretieren und gemeinsam mit dem Patienten zu bearbeiten. Gefühlsarbeit® hat verschiedene Ausformungen wie die Identitätsarbeit, Trostarbeit, Ablenkungsarbeit, Abschiedsarbeit, Da-Sein-Arbeit oder etwa auch die Behaglichkeitsarbeit.

Erhalt der Ressourcen

Der medizinischen Arbeit wird Priorität eingeräumt. Deshalb findet Gefühlsarbeit®, wenn überhaupt, ad hoc, ungeplant und unbewusst statt. Verzicht auf Gefühlsarmut kann auf Seiten der Klienten und Patienten zu Fehlleistungen mit Konsequenzen der Verletzung der Privatsphäre, der Erniedrigung und dem Gefühl, wie ein Objekt behandelt zu werden, führen. Auf Seiten der Gesundheitsprofessionals kann es zur emotionalen Abstumpfung bis zum Burn-Out kommen. Oberflächlichkeit, Institutionsorientierung und Funktionalität der täglich zu verrichtenden Arbeit hemmen ein Wahrgenommenwerden als Mensch. Dies kann Symptome hervorbringen, welche die Lebenssituation eines Menschen aus der Sicht der Medizin und der Pflege nicht in ihrem Zusammenhang, sondern nach wie vor isoliert, betrachten.

Im Weiteren forciert der ökonomische Druck die Konzentration der Pflege auf Körperlichkeiten, diese wiederum beschränkt die Wahrnehmung der vielfältigen Kompetenzen der Gesundheitsprofessionals bei allen Beteiligten. Der Innovationsschub setzt einseitige Akzente: High-Tech anstatt High-Touch, eine bedeutende Qualitäts- und Konkurrenzkomponente für ein gesundes Betreuungssystem. Wir beobachten, dass Pflegende in Ausbildung und Praxis mit ihrer eigenen Verwirrung der Gefühle und jener der Klienten und Patienten alleine gelassen werden, was weiter zu einem Verschließen der Gefühle als Schutzreaktion führt und eine mögliche notwendige Kooperation der Klienten und Patienten vereiteln kann. Der Erhalt oder die Wiederherstellung der Ressourcen und des Wohlbefindens bedürfen des Vertrauens in sich selbst und in das Pflege- und Betreuungsumfeld, das durch positive Beziehungsarbeit hergestellt werden muss.

Im vorliegenden Buch sind handlungsleitende Prinzipien beschrieben, durch deren Anwendung die aufgestellten Thesen anhand von Beispielen untermauert werden konnten. Der Einsatz von Gefühlsarbeit® wurde in allen Behandlungs- und Betreuungsfällen zur Erfolgsarbeit: Zum Beispiel konnten Menschen, die viele Jahre in hohen Pflegestufen „zubrachten“, durch Gefühlsarbeit® motiviert und reaktiviert werden und so eine Reduktion um bis zu vier Pflegestufen erreichen. Menschen, die in Lethargie lebten, „revoltierten“ wieder gegen ihre Umwelt und setzten Zeichen des Lebendigen. Ob Professional oder Patient, wir alle wollen unabhängig von der jeweiligen Lebenssituation als Mensch wahrgenommen werden, Gefühlsarbeit® kann dazu verhelfen.

 

 Webtipp: www.gefuehlsarbeit.com

 

Mag. Dr. Silvia Neumann-Ponesch, MAS leitet die Lehrgänge Gesundheit an der Fakultät für Gesundheit und Soziales der Fachhochschule Oberösterreich; Alfred Höller ist freiberuflicher Pflegeberater.

Merkmale der Gefühlsarbeit®
Theoretische Grundlagen und ErklärungsmodelleHandlungstheoretischer Bezug
Humanistische (Fürsorge-) Modelle
Interaktionistische Modelle
Neurobiologie
Ziele Soll dem Menschen Identität, Würde, Sinn, Motivation und Empowerment erhalten oder wiederherstellen.

Soll Einsamkeit, Langeweile, „Losigkeit“, „sich als Mensch aufgeben“ vermeiden.

Soll Beziehungsarbeit sichtbar und bewertbar
machen.
Anwendung • präventiv im unmittelbaren Pflegeprozess
• Klientenebene
• Organisationsebene
• Professionsarbeit: weniger komplexe Pflegesituation bis hoch komplexe Pflegesituation
Methodik • klientengeleitet/patientengeleitet
• bewusst
• gesteuert durch Gefühlsprozess
• gegenwartsorientiert
• prinzipienorientiert
• (meist) geplant
• ergebnisorientiert
• reflexiv

Von Mag. Dr. Silvia Neumann-Ponesch, MAS und Alfred Höller, Ärzte Woche 6 /2011

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