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Allgemeinmedizin 25. Jänner 2011

Verhältnis von Somatisierung und Psychologisierung

Die wichtigsten Faktoren und Stolpersteine einer Transkulturellen Medizin.

Die österreichischen Ärzte werden in Zukunft zunehmend mehr von Patienten mit Migrationshintergrund aufgesucht werden, vor allem die Allgemeinärzte. Da sind Missverständnisse und Peinlichkeiten zu erwarten. Wie diese möglichst vermieden werden können, war Thema einer Podiumsdiskussion beim 41. Kongress der Steirischen Akademie für Allgemeinmedizin im November 2010.

 

An der Diskussion hatten teilgenommen: Dr. Snezana Müller (sie stammt aus Serbien, seit 1985 in Graz niedergelassene Allgemeinärztin), Dr. Mohammed Gowayed (Chirurg, kommt aus Ägypten und ist seit 1957 in Österreich), Dr. Gerald Ressi (gebürtiger Grazer, als Sozialpsychiater tätig für Randgruppen wie Migranten, Asylwerber, Konventionsflüchtlinge und Wohnungslose).

Medizin ist Kultur

Die Konklusio der Diskussion gleich vorweg: Es gibt kein richtiges und kein falsches Verhalten von Patienten. Die Art, wie wir unseren Körper wahrnehmen, wie wir die leiblichen Zeichen deuten und welche Lösungswege wir einschlagen, sind gesellschaftlich, kulturell und religiös geprägt. Wir alle sind anders. Als in den 1960er-Jahren viele „Gastarbeiter“ aus der Türkei nach Deutschland und Österreich kamen, zeigten sie im Fall von – für Migranten häufigen – Magenbeschwerden beim Arzt ihr gewohntes Verhalten: dramatisch laute Wehklage, der gesamte Bauch tue weh. Viele wurden daraufhin wegen des Verdachts akutes Abdomen operiert. Umsonst, denn es lag beispielsweise eine chronische Gastritis vor. Die Lektion? Zuhören, ausreden lassen, Zeit gewinnen. Schon nach relativ kurzer Zeit wird dann nicht mehr der gesamte Bauch umrundet, sondern beispielsweise auf das zielführende Epigastrium gezeigt.

Somatisierung

Das wichtigste Stichwort einer transkulturellen Medizin: das Verhältnis von Somatisierung und Psychologisierung. Hier gibt es starke kontinentale, aber auch soziale Unterschiede. Unsere westeuropäische Kultur ist seit dem Wirken von Sigmund Freud und Nachfolgern psychologisiert, das heißt, wir erwarten, dass jemand bei psychischen oder psychosozialen Problemen über diese spricht. Das trifft freilich auch bei uns weitgehend nur auf die sozial höheren oder gebildeteren Schichten zu. Patienten aus Ex-Jugoslawien, aus der Türkei, aber auch aus Asien werden einem Arzt beim Erstkontakt normalerweise nichts von psychosozialen Schwierigkeiten erzählen, sondern von körperlichen Symptomen berichten: Magenbeschwerden, Rückenbeschwerden, Schulter-Nacken-Verspannungen. Diese Symptome sind weder erfunden noch eingebildet. Sie sind – das ist die Lehre der Chinesischen Medizin – Ausdrucksweisen emotioneller Veränderungen. Hektik, Ärger, Aggressionshemmung führen zu Magenbeschwerden, Schulter-Nacken-Verspannungen stellen Sorgengaragen dar, auch Angst, und tiefe Rückenbeschwerden bis hin zum Diskusprolaps drücken existenzielle Sorgen/Ängste aus.

Wenn von Schwierigkeiten erzählt wird, dann beziehen sich diese etwa auf die Arbeit. In der Regel wird ein türkischer Patient keine Aussagen zu familiären Problemen machen, denn das geht niemanden etwas an. Wenn er es zugäbe, würde er andeuten, dass er seine Familie nicht im Griff hat.

Sprachbarrieren

Was tun? Die beste Hilfe ist eine Sprechstundenkraft aus dem Land, aus dem die meisten der ausländischen Patienten in die Praxis kommen. Oder aber eine, die die Sprache beherrscht. Vor allem Migrantinnen, besonders wenn sie nicht berufstätig sind, sondern gemäß eines klassischen Familienmodells mehr oder weniger zuhause eingeschlossen sind, sprechen auch nach längerer Aufenthaltszeit in Österreich schlecht deutsch. Hier ist oft ein Übersetzer erforderlich. Häufig erfüllen die Kinder der Patientin diese Funktion. Diese sind aber oft in ihrer Rolle überfordert, da sie ja am Gespräch unter Erwachsenen führend teilnehmen.

Scham

Dazu kommt die Scham, wenn es sich um Probleme aus dem Intimbereich handelt, vor allem bei Mosleminnen. Aber was soll der heimische Arzt tun, wenn doch alle Kulturen sich etwas unterschiedlich verhalten? Das Wichtigste: Fragen und sich etwas mehr Zeit als gewöhnlich nehmen. „Ist es Ihnen recht, dass ich Sie körperlich untersuche?“ oder „Sie müssen dafür diese oder jene Kleidungsstücke abnehmen.“ „Ist es Ihnen lieber, dass jemand aus Ihrer Familie bei der Untersuchung dabei ist? Ihr Mann? Ihre Schwester? Eine andere Bekannte?“ Wir Ärzte müssen auch davon ausgehen, dass das Wissen über den Körper sehr eingeschränkt sein kann. Also genau erklären, warum Sie jetzt diese Untersuchung für notwendig erachten.

Religion ist nicht alles

Eine türkische Patientin wird in der Regel beim Erstkontakt von Angehörigen begleitet, vor allem dann, wenn der Arzt ein Mann ist. Frauen aus Bosnien kommen aber allein – selbst wenn sie sehr religiös islamisch sind –, weil sie in der Regel sehr selbstbewusst und unabhängig sind.

Fragebögen können eine Hilfe bei sprachlichen Schwierigkeiten sein. Aber nicht vor dem Erstkontakt, sondern zum zweiten Patientenbesuch mitgeben. Und wann nicht? Psychiater Ressi, der viele Patienten aus der ehemaligen Sowjetunion betreut, weiß, dass Menschen, die durch Kriege oder politische Systeme traumatisiert sind, auf Fragebögen mit Angst reagieren.

Selbstmedikation

Unter türkischen Patienten ist die Selbstmedikation sehr verbreitet, da fast alle Medikamente ohne Rezept in türkischen Apotheken zu haben sind. Allgemeine Heilmittel sind Aspirin, Salbeitee, Pekmez (ein Traubensyrup, als Stärkungsmittel). Ähnliches gilt für Bosnien. Man bekommt alle Medikamente in der Apotheke ohne Rezepte. Alternative Heilmethoden waren immer gut akzeptiert und sind im Steigen.

Unterschiede im sozialen und Bildungsbereich

Türke ist nicht Türke, Bosnier ist nicht Bosnier. Wie auch bei uns gibt es große Unterschiede zwischen Menschen vom Land und aus den Großstädten. Dies betrifft vor allem Volksmeinungen zu psychiatrischen Krankheiten. Türkische Patienten vom Land oder aus Kleinstädten sehen diese oft als durch die Einwirkung von Çinnen (Geistern) verursacht. Und was sollen Sie tun, wenn Sie mit Erklärungsmodellen von Krankheit oder Therapien konfrontiert werden, die Sie nicht nur für falsch, sondern sogar schädlich halten?

Hier gilt die allgemeine Regel, die G. Achenbach in der Philosophischen Praxis (1993) formulierte: „Wer um Rat gefragt wird, tut gut, zuerst des Fragenden eigene Meinung zu ermitteln ... Darum ist dem, der Rat sucht, schon halb geholfen, und wenn er Verkehrtes vor hat, so ist, ihn skeptisch zu bestärken, besser, als ihm überzeugt zu widersprechen.“

Wo Hilfe suchen?

Dieser Artikel kann nicht mehr tun, als Ärzte auf die Schwierigkeiten des Umgangs mit und des Verstehens von Patientinnen und Patienten mit Migrationshintergrund zu sensibilisieren. Auf der Homepage der Steirischen Akademie für Allgemeinmedizin http://www.oegam.at/ueber-uns/landesgesellschaften/stafam/ finden Sie demnächst eine Liste von Anlaufstellen, wo Sie sich beraten lassen bzw. Dolmetscher finden können.

Der Autor DDr. Thomas Ots moderierte die Diskussion am Kongress für Allgemeinmedizin. Er stammt aus Hamburg, ist seit 1997 in Graz als Arzt für Akupunktur, TCM und Psychosomatik niedergelassen. Im Zweitberuf ist er Medizinethnologe.

Psychotherapie für extrem traumatisierte Flüchtlinge und Migranten bieten an:
Graz: ZEBRA – Interkulturelles Beratungs- und Therapiezentrum
Schönaugürtel 29, 8010 Graz, Telefon: +43/ 316/ 83 56 30 - 0, www.zebra.or.at

OMEGA - Transkulturelles Zentrum für psychische und physische Gesundheit und Integration
Albert-Schweitzer-Gasse 22, A-8020 Graz, Telefon: + 43 316 773554-0, www.omega-graz.at

Innsbruck: Ankyra - Zentrum für interkulturelle Psychotherapie in Tirol
Wilhelm-Greil-Straße 1, 6020 Innsbruck, Tel.: 0512-56 41 29, www.fluechtlingsdienst.diakonie.at/goto/de/was/psychotherapie/psychotherapiezentrum-_ankyra_

Klagenfurt: ASPIS
Institut für Psychologie, Universität Klagenfurt, Universitätsstraße 70, Haus 10, A-9020 Klagenfurt
Telefon 0463/2700/-1673 (Mo-Do 10.00Uhr - 12.00Uhr), aspis.uni-klu.ac.at

Linz: Volkshilfe Flüchtlings- & MigrantInnenbetreuung
Abteilung AsylwerberInnenbetreuung, Stockhofstraße 40, 4020 Linz, Tel: 0732/603099, www.volkshilfe-ooe.at/1050,,,2.html

Wien : HEMAYAT - Betreuungszentrum für Folter- und Kriegüberlebende
Engerthstraße 163 / 4.Stock, 1020 Wien, Tel und Fax: +431 216 43 06, www.hemayat.org

Von DDr. Thomas Ots, Ärzte Woche 4 /2011

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