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Prof. DDr. Christian Schubert Leiter des Labors für Psychoneuroimmunologie an der Klinik für Medizinische Psychologie, Department für Psychiatrie und Psychotherapie der Medizinischen Universität Innsbruck

 
Allgemeinmedizin 25. Jänner 2011

Von der Psyche zum Immunsystem und zurück

Wechselseitige Abhängigkeiten von Psyche, Nerven-, Hormon- und Immunsystem.

Heute steht außer Frage, dass die Medizin von einer Integration des Psychischen und Psychosozialen sowohl in der Diagnostik als auch in der Therapie enorm profitieren könnte, zu deutlich wurde in den letzten Jahrzehnten, wie engmaschig Gehirnaktivität, Hormon- und Immunsystem miteinander vernetzt sind. Psychoneuroimmunologie ist ein noch junger Bereich der psychosomatischen Forschung, der die wechselseitigen Abhängigkeiten von Psyche, Nerven-, Hormon- und Immunsystem untersucht und dabei in den letzten etwa 35 Jahren die Untrennbarkeit von Psyche und Körper wissenschaftlich belegen konnte.

 

Besonders die chronischen Entzündungserkrankungen sind in den letzten Jahren in den Fokus der Psychoneuroimmunologie-Forschung gerückt, zeigen sie doch in besonderer Weise die langfristig ungünstigen Folgen von psychosozialen Belastungen auf. Psychischer Stress ist normalerweise mit einer Aktivierung der Hypothalamus-Hypophysen-Nebennierenrinden (HPA)-Achse und des sympathischen adrenomedullären (SAM) Systems verbunden, wodurch es zu einer Suppression der zellulären T-Helfer-Typ 1 (TH1)-Immunität und einer Steigerung der humoralen TH2-Immunität kommt (TH1/TH2-Shift). Diese Aktivierung des Stresssystems dient unter anderem der Rückregulierung stressbedingter Erhöhungen von proinflammatorischen Zytokinen der TH1-Immunität, beispielsweise Interleukin-1 (IL-1), Interleukin-6 (IL-6) und Tumor-Nekrose-Faktor-α (TNF-α).

Bleiben proinflammatorische Zytokine wie IL-6 aufgrund chronischer Belastungen aber langfristig im Blut erhöht, schädigen sie Körperzellen, fördern die bösartige Entartung von Zellen und hemmen paradoxerweise wesentliche protektive Immunfunktionen. Die Folge sind chronische Entzündungserkrankungen, zu denen heute eine Reihe von vor allem im Alter auftretenden Krankheiten gezählt wird, so beispielsweise Autoimmunkrankheiten, Herz-Kreislauferkrankungen und Krebs.

Pflegestress aktiviert Entzündungsprozesse

In Studien an Personen, die ihre an Morbus Alzheimer erkrankten Ehepartner pflegten, konnte der gesundheitsschädliche Effekt von langfristigem und ausgeprägtem Stress nachgewiesen werden. Dabei zeigte sich, dass der altersassoziierte Anstieg der IL-6-Levels bei Pflegestress um das Vierfache gesteigert ist und Pflegende innerhalb eines Zeitraums von 6 Jahren biologisch um 15 Jahre alterten. Darüber hinaus ließ sich nachweisen, dass langjähriger Stress im Zusammenhang mit der Pflege von Morbus-Alzheimer-Patienten mit erhöhter Morbidität und Mortalität verbunden sein kann.

Auch Mütter, die sich in der Pflege ihrer behinderten Kinder subjektiv besonders gestresst fühlen, altern vorschnell. Telomere sind DNA-Protein-Komplexe, die den Chromosomenenden stabilisierend aufliegen und deren Länge als ein Indikator des Zellalters gilt. An pflegenden Müttern ließ sich nachweisen, dass in Abhängigkeit von der Pflegestressdauer und der subjektiven Belastung durch die Pflege der Kinder

  • der oxidative Stress in Immunzellen anstieg
  • die Länge der Telomere in den Zellkernen abnahm
  • die Aktivität der Telomerase, eines Enzyms, das für die Länge der Telomere verantwortlich ist, zurückging.

Entzündungsreduktion bei psychischen Positivfaktoren

Nicht nur kann psychische Belastung Entzündungsprozesse aktivieren, auch umgekehrt mehren sich die Anzeichen, dass positive psychische Faktoren die Konzentration proinflammatorischer Botenmoleküle im Blut senken.

Studien zum psychischen Wohlbefinden zeigen, dass bessere Beziehungsqualität mit niedrigeren Plasma-IL-6-Konzentrationen und ausgeprägtere Zweckbestimmung im Leben mit geringeren sIL-6R (löslicher IL-6-Rezeptor)-Levels assoziiert sind. Psychisches Wohlbefinden wirkt sich demnach günstig auf die mit dem Altern verbundenen Entzündungs- und Abbauprozesse aus, so wie auch regelmäßiges Aufsuchen religiöser Einrichtungen: Dieses senkt das Mortalitätsrisiko um durchschnittlich 25 Prozent, was an der gesünderen Lebensweise, der besseren psychischen Gesundheit und den zahlreicheren sozialen Beziehungen religiöser Menschen liegen dürfte.

In der Psychoneuroimmunologie konnte darüber hinaus gezeigt werden, dass je häufiger Menschen in die Kirche gingen, desto höher nicht nur ihre Lebenserwartung war, sondern desto niedriger auch ihre IL-6-Levels im Blut waren, und zwar unabhängig von Faktoren wie Alter, Geschlecht, Gesundheitsverhalten, chronischer Erkrankung, sozialer Unterstützung und Depression.

Immunaktivität verändert Erleben und Verhalten

Psychische Faktoren führen zu Entzündungsanstiegen und umgekehrt verändert die mit Entzündung verbundene zelluläre Immunaktivität rückwirkend Erleben und Verhalten, was in der Psychoneuroimmunologie als Sickness Behavior bezeichnet wird. Sickness Behavior steht für jene psychischen Anzeichen körperlicher Erkrankungen wie

  • Erschöpfung
  • Appetitverlust
  • Schlafstörungen
  • Traurigkeit
  • Interesselosigkeit
  • kognitive Störungen. Diese hat man vor noch nicht allzu langer Zeit als unspezifische neurovegetative und -psychiatrische Anzeichen der Schwächung eines erkrankten Organismus angesehen. In den vergangenen Jahrzehnten wurde jedoch zunehmend deutlich, dass es sich bei diesen depressionsähnlichen Symptomen um strategische Anpassungsleistungen des erkrankten Organismus, genaugenommen des Immunsystems, handelt, um eine bestmögliche Energiekonservierung im Umgang mit Heilung zu ermöglichen. Dabei überqueren oder umgehen peripher ausgeschüttete proinflammatorische Zytokine (u.a. IL-6, Interleukin-1β, Tumor-Nekrose-Faktor-α) die Blut-Hirnschranke und führen gezielt zentral zu psychischen Veränderungen. Begleitende Depression bei Entzündungserkrankungen kann also sowohl psychosozial bedingt (z.B. Krankheitsverarbeitung) als auch Folge von Entzündungsprozessen sein.

Integrative Erforschung psychosomatischer Komplexität

Trotz der mitunter beeindruckenden Ergebnisse sollte nicht übersehen werden, dass auch viele widersprüchliche Resultate in der Pyschoneuroimmunologie existieren. Wir vermuten, dass Psychosomatik zu komplex ist, um sie mit herkömmlichen Gruppenforschungsdesigns valide untersuchen zu können.

An der Universitätsklinik für Medizinische Psychologie Innsbruck analysieren wir daher mithilfe sogenannter „integrativer Einzelfallstudien“ psychosomatische Komplexität unter Alltagsbedingungen und berücksichtigen dabei die in der Psychoneuroimmunologie-Forschung bislang vernachlässigten Faktoren „subjektive Bedeutung“ und „Zeit“.

In unseren Studien sammeln Patientinnen über einen Zeitraum von 1–2 Monaten in 12-Stunden-Abständen ihren gesamten Harn, beantworten Fragen zur emotionalen Befindlichkeit und Alltagsroutine und berichten in wöchentlichen Interviews ausführlich über die während des Untersuchungszeitraums stattgefundenen Ereignisse. Aufwändige qualitative Auswertungen dieser Interviews sowie Zeitreihenanalysen ermöglichen daraufhin Einblicke in die Dynamiken bio-psycho-sozialer Prozesse, wie sie mit herkömmlichen Gruppenforschungsdesigns nicht möglich sind. Ein Beispiel dafür ist der zeitliche Zusammenhang zwischen körpertherapeutischen Interventionen (energetisches Heilen, Gymnastik, Jin Shin Jyutsu, Tai Chi) und Neopterinlevels (Marker des zellulären Immunsystems, Entzündungsmarker) bei einer 49-jährigen Patientin, die vor 5 Jahren an Brustkrebs erkrankte und gegenwärtig an chronischer Erschöpfung leidet. Die angepasste Kreuzkorrelationsanalyse zeigte, dass immer, wenn die Patientin während der Studie körpertherapeutisch aktiv wurde, ihre Neopterinspiegel einen charakteristischen, Tage andauernden und andeutungsweise zyklischen Verlauf nahmen, der mit einem signifikanten (p < 0,05) Abfall der Neopterinkonzentrationen nach insgesamt 72 Stunden endete. Dieser Abfall ist als positive, weil entzündungshemmende Reaktion zu werten.

Von Prof. DDr. Christian Schubert, Ärzte Woche 4 /2011

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