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Dr. Kurt Leitner Arzt für Allgemein- und Sportmedizin, Judenburg

 
Allgemeinmedizin 21. Jänner 2011

Immunsystem und Bewegung

Sportliche Aktivität ist nur dann gesundheitswirksam, wenn sie auch Spaß macht. Körperliche Belastung führt zu einer Beeinflussung des Immunsystems. Die Zellen des Immunsystems reagieren unterschiedlich, je nachdem, ob die Belastung mäßig, stark oder erschöpfend ist.

 

Bewegung führt, abhängig von der Intensität, Dauer und Häufigkeit, je nach individueller Leistungsfähigkeit und Fitness zu unterschiedlicher Beanspruchung des Herz-Kreislauf-Atmungssystems, des Stoffwechsels, der Psyche und des Immunsystems. Demnach können unsere inneren Bedingungen zart und zerbrechlich oder stabil und stark sein. Ein Missverhältnis zwischen aktueller Belastung und Belastbarkeit führt zur Überlastung der verschiedensten Funktionssysteme.

Die wichtigsten Faktoren, die unsere Immunkompetenz beeinflussen, sind neben der Bewegung der Alltagsstress, Fehlernährung, Schlafmangel, Krankheit oder hohe berufliche Belastung, beispielsweise Nachtdienste (Grafik 1).

Die wesentlichsten Komponenten des Immunsystems sind in Grafik 2 zusammengefasst. Das Herzstück der Immunabwehr sind die Immunzellen.

Akute Effekte auf immunologische Parameter durch körperliche Belastung stellen sich folgendermaßen dar: Bei einer bis zu 1,5-stündigen Belastung kommt es zu einer biphasischen Leukozytose. In der ersten Phase dominiert die Aktivierung des sympathischen Nervensystems und in der verzögerten Phase die hypothalamo-hypophysär-adrenale Achse. Neutrophile Leukozyten sind zur Hälfte für den Leukozytenanstieg verantwortlich. Die stärksten Steigerungsraten mit bis zu 90 Prozent erzielen die NK-Zellen, gefolgt von Lymphozyten und Monozyten. Die NK-Zellen zeigen auch die höchste Katecholamin-Sensitivität.

Hohe intensive Belastungen führen zu entsprechenden immunologischen Veränderungen.

  • Es entsteht eine Lymphopenie, da durch hohe Adrenalinspiegel die Lymphozyten in den Lymphknoten gefangen gehalten werden.
  • Es kommt zu einer verminderten Zytotoxizität der NK-Zellen und
  • es besteht eine verringerte Phagozytose der Granulozyten, da diese nicht an den Gefäßwänden haften bleiben.
  • Die IgA-Konzentration an den Schleimhäuten ist erniedrigt und
  • die alveolären Makrophagen sind supprimiert.

Vor allem intensive Ausdauerbelastungen mit überwiegend laktazid-anaerober Komponente beeinträchtigen die Neutrophilenfunktion negativ, gemessen am oxydativen Burst, das heißt: der bakterienabtötenden Eigenschaft.

Bei extrem intensiven Belastungen werden DNA-Schäden an den Leukozyten durch freie Radikale diskutiert. Moderates Ausdauertraining unterhalb der individuellen anaeroben Schwelle verbessert den oxydativen Burst, verringert die Infektneigung. Daher kommt der Bestimmung der individuellen Schwelle in der Funktionsdiagnostik mittels Ausbelastungsergometrie nicht nur für die Trainingssteuerung eine wichtige Rolle zu, sondern auch für die Immunbelastung. Der Übergang in den intensiven Bereich stellt auch einen immunologischen Breakpoint dar.

Auch psychische Belastungen führen zu einer verstärkten sympathischen Aktivität mit erhöhten Spiegeln von Adrenalin und Cortisol. Bei lang andauernden Belastungen führt dies zu negativen metabolischen, struktuellen und hämodynamischen Effekten, wie Insulinresistenz, endotheliale Dysfunktion, Tachycardie und Prokoagulation. Im Bereich des Gehirns kommt es zur Zerstörung von Nervenzellen im Bereich des limbischen Systems und damit zu einer reduzierten Plastizität und verminderten Kognition in Form von Verständigungsproblemen und Gedächtnislücken. Das Immunsystem reagiert mit einer Hemmung des Transports der Immunzellen und damit mit Suppression.

Eine extensive aerobe körperliche Belastung führt damit zu einer Verbesserung an fast allen Funktionssystemen des Körpers. Durch gelegentlichen physischen oder psychischen Stress entsteht dem Immunsystem kein Nachteil, sofern dem Körper genügend Erholungszeit gegönnt wird.

Die Verordnung von medizinischer Bewegungstherapie (Grafik 3) beinhaltet die Auswahl der richtigen Sportart sowie die Festlegung von Intensität und Dauer der Belastung. Es sollten Sportarten gewählt werden, die man technisch beherrscht bzw. die von ihrer technischen Anforderung her leicht sind, wie Gehen, Radfahren, Heimtrainer, Crosstrainer, Nordic Walking oder Bergwandern.

Die Intensität bewegt sich optimalerweise zwischen 70 und 80 Prozent der individuellen maximalen Herzfrequenz, erhoben, wenn möglich, durch eine Ausbelastungsergometrie am Fahrrad. Höhere Herzfrequenzen beinhalten das Risiko einer Überlastung. Die Dauer einer Einheit sollte 30 bis 45 Minuten an mehreren Tagen der Woche betragen. Anzustreben wäre ein wöchentlicher Mehrverbrauch von 1.200 bis 2.000 kcal durch Bewegung.

Gute Fitness in Form einer erhöhten Leistungsfähigkeit wird zu einem bedeutenden Faktor der Belastungs-Erholungs-Dynamik und des Gesundheitsschutzes. Je höher der Fitnessgrad, desto besser ist die Regenerationsfähigkeit. Ein derartiges moderates Training aktiviert Lymphozyten und Leukozyten und führt gegenüber Untrainierten zu einer Reduktion der Infektanfälligkeit.

Zu intensive und extrem lange Belastungen führen nicht nur zu einer Schwächung der körpereigenen Abwehr, sondern auch zu Überlastung, erhöhter Verletzungs- und Infektanfälligkeit, fehlender Leistungsentwicklung und Frustration.

Bei bestehenden Infekten mit erhöhten Entzündungsparametern wie Leukozyten, BSG, CRP und Fieber muss bis zur Normalisierung der Parameter vom Sport Abstand genommen werden.

Sportliche Aktivität ist nur dann gesundheitswirksam, wenn Bewegung mit Freude und Begeisterung betrieben wird, wenn persönliche positive Ressourcen genutzt werden und wenn Bewegung nicht zum Distress wird. Nur regelmäßiger, aerober und mit Spaß betriebener Sport führt zu positiven Effekten an Herzkreislauf, Stoffwechsel und Immunsystem.

Von Dr. Kurt Leitner
, Ärzte Woche 1 /2011

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