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Allgemeinmedizin 21. Jänner 2011

Darmbewohner – unsere Freunde?

Wie Probiotika den Heilungsprozess unterstützen.

„Der Magen-Darm-Trakt ist die größte und komplexeste Lebensgemeinschaft im menschlichen Körper“, erklärte Prof. Dr. Heinz F. Hammer von der klinischen Abteilung für Gastroenterologie und Hepatologie der Universitätsklinik Graz. Eine Population von 1014 bis 1016 Mikroorganismen, welche somit die Anzahl an menschlichen Zellen übersteigt und ihr Dasein in unterschiedlichsten Lebensräumen fristet.

 

Wesentlich ist das Gleichgewicht zwischen einer gesunden Darmflora, der normalen körpereigenen Abwehr und den immunregulatorischen Zytokinen. Eine Verschiebung dieser empfindlichen Faktoren kann in einer chronischen Entzündung resultieren, welche nicht mehr durch körpereigene Mechanismen im Griff gehalten wird. Autoimmungastritis, Zöliakie, Lebensmittelallergien, chronische entzündliche Darmerkrankungen, reaktive entzündliche Gelenkserkrankungen, der Tumor des lymphatischen Gewebes – das Maltom, welches nicht nur im Magen, sondern auch im Kolon vorkommt – oder auch bösartige Lymphome des B- und T-Zell-Typs stellen einige der möglichen Krankheitsbilder dar, die aus einem derartigen Ungleichgewicht resultieren können.

Antibiotika können ebenso belastende Faktoren für die normale Darmflora sein, unter anderem durch Auslösung einer Diarrhoe, mit unterschiedlicher Häufigkeit und Stärke in Abhängigkeit vom verabreichten Mittel. Klassische Verursacher sind dabei das Clindamycin, ß-Lactam Penicilline, Erythromicin, Tetracycline und Chinolone, hinzu kommen zusätzliche Belastungsfaktoren über die Nahrung. Bei einzelnen Erkrankungen ist bekannt, dass Bakterien eine Rolle bei der Entwicklung von krankhaften Darmveränderungen spielen, so unter anderem bei Morbus Crohn und Colitis ulcerosa.

„Es gibt einige physiologische Bakterien, welche zur Unterstützung verabreicht werden können, um einer Dysbalance entgegenzuwirken, so z. B. E. coli nissle“, sagte Prof. Dr. Heinz F. Hammer, Graz. Diese Bakterien könnten innerhalb einer Remission unterstützend gegeben werden, um Rezidiven vorzubeugen. In der Senkung der Rezidivrate wirke es vergleichbar gut wie die aktuelle Standardtherapie mit Mesalazin.

Viele Probiotika sind in Österreich jedoch nicht erhältlich. Ein Problem ist, dass sie nur sehr selektiv wirken – die Bakterienart muss genau ausgewählt werden, da die Wirkungsmechanismen der einzelnen Mittel begrenzt sind.

Probiotika existieren in Form von Medikamenten, Nahrungsergänzungsstoffen und auch als Lebensmittel, jedoch gibt es kein universales Probiotikum. Somit ist auf die genaue Bezeichnung – der dreiteilige Name ist ausschlaggebend – zu achten, wenn man eine bestimmte Wirkung erzielen möchte.

Die Zahl der wissenschaftlichen Studien hat in den vergangenen Jahren stark zugenommen und die Weltgesellschaft für Gastroenterologie (WGO, http://www.worldgastroenterology.org) ist eine jener Organisationen, welche die neuesten Informationen zu Probiotika zusammenfassen und bewerten. Können Probiotika zum Beispiel Winterinfektionen reduzieren? Für Lactobazillus gasseri p8a16-8, bacillus longum sp073 und Bacillus bifidum mf205 ist beschrieben, dass Dauer und Schwere des grippalen Infektes reduziert werden. Für Lactobacillus casei defensis ist nachgewiesen, dass Winterinfektionen bei Erwachsenen reduziert sind. Lactobacillus reuteri wiederum kann bei Fieber, Diarrhoe und Atemwegserkrankungen bei Kindern verabreicht werden.

Eine besonders interessante Frage ist die nach dem anti-tumoralen Effekt von Probiotika. Daten gibt es hierzu aus Japan für den Lactobazillus casei shirota. Diese zeigen eine reduzierte Häufigkeit von Rezidiven nach Abtragung oberflächlicher Harnblasenkarzinome bei oraler Einnahme des Lactobazillus.

Es existieren hierzu unterschiedliche Hypothesen, wie etwa eine Wirkung über den Darm durch Stimulation und Verbesserung der antikazerogenen Immunabwehr. Es zeigt sich jedoch ebenso, dass Probiotika oftmals gegenüber der ursprünglichen Intention an einem anderen Ort wirken.

Von Christian Vajda, Ärzte Woche 1 /2011

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