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Allgemeinmedizin 12. Februar 2009

Väterchen Frost ist ansteckend

Zusammenhang zwischen der Verbreitung von Erkältungskrankheiten und dem Wetter.

Bauernregeln wissen es schon lange, aber der wissenschaftliche Nachweis eines Zusammenhanges von Erkältungserkrankungen und meteorologischen Faktoren gelang bisher nicht überzeugend. Eine Studie versuchte diese Koppelung erneut zu belegen.

 

Ein interessantes Phänomen in der Medizin ist, dass die offensichtlichsten Sachverhalte mit harten Fakten noch nicht belegt werden konnten. Dazu zählt auch die ursächliche Wirkung von nasskaltem Wetter auf Erkältungserkrankungen.

Erkältungskrankheiten sind überwiegend durch Viren (je nach Quelle geht man von über 200 krankheitserregenden Typen aus) verursachte, akute Infektionen der oberen Atemwege. Als direkter Auslöser wird ein geschwächtes Immunsystem angenommen – etwa durch Krankheit, Stress oder eben Kälte. Eine bakterielle Superinfektion (siehe Kasten) der malträtierten Schleimhaut besorgt dann den Rest.

Nicht ganz so einfach

Nur ist die Sache viel komplexer als eben geschildert. Konzentriert man sich auf wenige Faktoren, wie etwa Lufttemperatur und Luftfeuchtigkeit, so sind die Ergebnisse enttäuschend vage. Wissenschaftler gehen daher von wesentlich mehr auslösenden Faktoren aus. Spannend liest sich daher eine Untersuchung von Prof. Dr. Andreas Matzarakis, Meteorologisches Institut der Universität Freiburg et al. Dabei wurde für einen Zeitraum von rund drei Jahren der Zusammenhang zwischen human-biometeorologischen Faktoren (z.B. gefühlte Temperatur) und dem Absatz für rezeptfreie Erkältungsmittel (z.B. Halsschmerz- und Grippemittel sowie Salz- und Meerwasserlösungen) in sechs deutschen Regionen untersucht.

Als meteorologische Größen wurden Lufttemperatur, Taupunkttemperatur und relative Luftfeuchtigkeit herangezogen. Im Zentrum stand allerdings die „gefühlte Temperatur“, ein künstlicher Parameter, der die meisten relevanten meteorologischen sowie thermophysiologischen Parameter berücksichtigt und integral beschreiben kann. Simpler formuliert, ist die gefühlte Temperatur jene individuell wahrgenommene Umgebungstemperatur, die sich von der gemessenen Lufttemperatur deutlich unterscheiden kann. Sie ist demnach ein bioklimatisches Maß für das thermische Befinden eines Menschen.

Da einfache Berechnungen, wie die monokausale Beziehung zwischen Erkältungen und z.B. der Lufttemperatur nicht aussagekräftig sind, setzen die Studienautoren auf Generalized Linear Models (GLMs), die eine Verallgemeinerung der klassischen linearen Modelle darstellen. Während man in linearen Modellen annimmt, dass die Zielvariable normalverteilt ist, kann sie in GLMs eine Verteilung aus der Klasse der exponentiellen Familien besitzen.

Es gibt die direkte Beziehung

Die Analyse der Studie legt dar, dass die stärkste Korrelation zwischen den Absatzzahlen der Erkältungsprodukte und der gefühlten Temperatur, der Lufttemperatur und dem Taupunkt und eine geringe Korrelation mit der relativen Luftfeuchte besteht. Besonders deutlich kann diese Beziehung aber mit der gefühlten Temperatur dargelegt werden: Eine Abnahme der gefühlten Temperatur um 10 °C bedeutet eine Erhöhung der Absatzzahlen um 27 Prozent. Letztlich wurde von den Autoren der Zusammenhang von meteorologischen Faktoren mit den Absatzzahlen von Erkältungsmitteln und somit die Häufigkeit von Atemwegsinfektionen wissenschaftlich bestätigt.

 

Quelle: Gefühltes Wetter und Erkältungskrankheiten (Prof. Dr. Andreas Matzarakis, Universität Freiburg; Dr. Panagiotis Nastos, Fakultät für Geologie und Geoenvironment, Universität Athen; Dr. Uwe Gessner, Bayer Vital GmbH, Köln) erschienen in MMW-Fortschritte der Medizin Originalien Nr. IV/2008 (150. Jg.), S. 166–170.

Die banale Erkältung ist vielleicht doch keine so banale Erkrankung, wie allgemein vermutet wird. Die häufigsten Schnupfenerreger, die Rhinoviren, mischen die Genexpression im befallenen Organismus gewaltig auf, fanden Forscher der Universitäten Calgary und Virginia heraus. 48 Stunden nach Inokulation mit humanen Rhinoviren war in Proben aus der Nasenschleimhaut von Probanden die Aktivität von zirka 6.500 Genen verändert. Vor allem Gene, die für die Produktion antiviraler Proteine und entzündungsfördernder Zytokine zuständig sind, waren hochaktiv. Das veränderte Genexpressionsmuster erklärt die üblichen Schnupfensymptome – z.B. die laufende Nase – und kann für weit weniger harmlose Folgen der Infektion verantwortlich sein. Möglicherweise wird hier der Grundstein für eine COPD oder ein Asthma bronchiale gelegt.

Quelle: Am. J. Respir. Crit. Care Med. 2008;178:962–968

Autor: Dr. Dirk Einecke

Stand: 29-10-2008

Kasten:
Was Rhinoviren anstellen

Von Raoul Mazhar, Ärzte Woche

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