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Prim. Prof. Dr. Wilfried Ilias Krankenhaus der Barmherzigen Brüder, Wien

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Prim. Dr. Berthold Kepplinger Ärztlicher Direktor des Landesklinikums Mostviertel Amstetten-Mauer

Fotos (5): B&K/Wustinger

Prof. Dr. Günther Bernatzky Universität Salzburg, Naturwissenschaftliche Fakultät

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Prim. Prof. DDr. Hans-Georg Kress Abteilung für Spezielle Anästhesie und Schmerztherapie der Medizinischen Universität, Wien

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Prim. Prof. Dr. Michael Bach, Abteilung für Psychiatrie, Steyr, und Zentrum für Innere Medizin und Psychosomatik, Enns

 
Allgemeinmedizin 2. November 2010

Schmerz, lass nach!

Jeder Vierte leidet darunter. Schmerz ist eines der wichtigsten Gesundheitsprobleme in Europa.

25 Prozent der europäischen Bevölkerung leiden an Schmerzen, fünf Prozent sogar an starken. Schmerzen verursachen aber nicht nur persönliches Leid, sondern auch hohe Kosten. Mit den 10. Österreichischen Schmerzwochen hat die Österreichische Schmerzgesellschaft auf die gesellschaftlichen Auswirkungen des Schmerzes hingewiesen. Ihr Anliegen ist, dass Schmerzpatienten auch in Zukunft Zugang zu einer adäquaten Therapie erhalten.

„Schmerz ist eines der wichtigsten Gesundheitsprobleme in Europa und hat großen Einfluss auf die Gesellschaft als Ganzes“, betonte Prof. DDr. Hans-Georg Kress, Vorstand der Abteilung für Spezielle Anästhesie und Schmerztherapie der Medizinischen Universität in Wien.

Laut einer Untersuchung leiden im Schnitt 25 Prozent der europäischen Bevölkerung an Schmerzen. Diese betreffen primär Muskeln, Gelenke, den Nacken und den Rücken. Fünf Prozent leiden sogar an starken Schmerzen. Die hohe ökonomische Relevanz von Schmerzen wurde in einer deutschen Studie am Beispiel Rückenschmerzen gezeigt. Demnach entstehen in Deutschland bei Menschen zwischen 18 und 75 Jahren rund 48,96 Milliarden Euro an direkten und indirekten mit Rückenschmerzen verbundenen Kosten. Das entspricht 2,2 Prozent des BIP.

Die European Federation of IASP Chapters (EFIC) hat deshalb für dieses Jahr beschlossen, die European Week Against Pain unter das Motto „Gesamtgesellschaftliche Auswirkungen des Schmerzes“ zu stellen. Die Ziele der Kampagne sind:

  • Die Herausforderungen, Fakten und Belange rund um die Kosten und die Ressourcen der gesamtgesellschaftlichen Auswirkungen des Schmerzes zu erfassen und zu diskutieren.
  • Politiker und Meinungsbildner darin zu unterstützen, adäquate Ressourcen in der Schmerztherapie bereitzustellen.
  • Strategischen Interessensgruppen eine Plattform zur Verfügung zu stellen, in der sie in allen Belangen der gesamtgesellschaftlichen Auswirkungen des Schmerzes zusammen arbeiten können.

Gewalt gegen Frauen – häufige Ursache chronischer Schmerzen

Ursache chronischer Schmerzen können auch Gewalterfahrungen sein. „So haben 35 bis 50 Prozent aller Patientinnen mit chronischen Schmerzsyndromen in der Vergangenheit Erfahrungen wie sexuellen Missbrauch, Misshandlungen, emotionale Vernachlässigung, Entwertung oder kriegerische Auseinandersetzungen gemacht“, betonte Prim. Prof. Dr. Wilfried Ilias von der Abteilung für Anästhesiologie, Intensivmedizin und Schmerztherapie des Krankenhauses Barmherzige Brüder in Wien. In Studien werden Gewalterfahrungen mit chronischen Rückenschmerzen, chronischen Schmerzen im Gesichts- und Kieferbereich, Fibromyalgie sowie mit chronischen Unterleibsschmerzen in Verbindung gebracht.

Das Österreichische Bundesinstitut für Gesundheitswesen hat unter Mitwirkung der Österreichischen Schmerzgesellschaft daher einen Leitfaden für Krankenhäuser und die medizinische Praxis zur Versorgung gewaltbetroffener Frauen erstellt.

Umstellung auf Generika

„Zunehmender Kostendruck führt zur Forderung an Ärzte, auch in der Schmerzmedizin immer mehr Generika zu verordnen“, stellte Prim. Prof. Dr. Michael Bach von der Abteilung für Psychiatrie, Schwerpunktkrankenhaus Steyr, und Zentrum für Innere Medizin und Psychosomatik in Enns, fest. „Die Umstellung von einem Originalpräparat auf ein Generikum oder von einem Generikum auf ein anderes ist allerdings häufig mit Schwierigkeiten verbunden“, so der Experte.

Hintergrund dafür ist, dass Generika und Originalpräparate „bioäquivalent“, aber nicht identisch sind und damit die Konzentration im Blutplasma unterschiedlich sein kann. In Bezug auf Schmerzmedikamente bedeutet das, dass es durch eine Überdosierung zu unerwünschten Nebenwirkungen oder Wechselwirkungen mit anderen Arzneien kommen kann oder umgekehrt dazu, dass ein Patient nach der Umstellung unterdosiert ist und dadurch nicht die erwünschte Schmerzreduktion erreicht.

„Vor allem bei den im Rahmen der Schmerzmedizin verwendeten Antikonvulsiva, Opiaten oder Psychopharmaka sind daher besonders große Sorgfalt und ein erhöhter Zeitaufwand geboten, um eine optimale Therapie und auch die notwendige Compliance zu gewährleisten“, so Bach. Denn vor allem bei psychiatrischen Patienten könne es durch ausbleibende oder unregelmäßige Medikamenteneinnahme zu einer Zunahme von stationären Aufenthalten und damit zu höheren Kosten für das gesamte Gesundheitssystem kommen.

„In der schmerzmedizinischen Praxis sind Generika daher nur bei Neueinstellungen empfohlen und Medikamenten-Umstellungen immer wie Medikamenten-Neueinstellungen zu handhaben“, so Bach.

Der Experte warnte vor dem möglichen Risiko von „Alcohol-Dose-Dumping“ im Zusammenhang mit Generika. Bei retardierten Opioiden mit den Wirkstoffen Morphin, Fentanyl, Oxycodon und Hydromorphon gebe es Bedenken bezüglich der Freisetzung des Wirkstoffes und dessen Empfindlichkeit gegenüber Alkohol – „so kann die Freisetzung einer größeren Wirkstoffmenge durch Alkohol im Fall von Opioiden zu Atemdepressionen oder sogar Atemstillstand führen.“

Neue Therapieoptionen

Eine neue Therapieoption gegen chronische Schmerzen der Lendenwirbelsäule, Muskelstarre und Zittern bei Parkinson-Patienten, Polyneuropathien oder Osteoporose stellte Prim. Dr. Berthold Kepplinger von der Abteilungen für Neurologie am Landesklinikum Amstetten-Mauer und Landesklinikum Amstetten, Ärztlicher Direktor des Landesklinikums Amstetten-Mauer, vor. Bei der stochastischen Resonanztherapie (SRT) stehen die behandelten Personen auf zwei Fußplatten, die sich mehrdimensional mit einer Grundfrequenz zwischen drei und zehn Hertz bewegen. Bei Parkinson-Patienten ließ sich damit eine Reduktion von Rigor und Tremor erzielen. Gute Ergebnisse zeigten sich auch im klinischen Einsatz vor allem bei Patienten mit Lumbalgie und Polyneuropathien, Osteoporose und bei der Sturzprophylaxe. „Diese Behandlung müssen Patienten aber wiederkehrend erhalten“, so Kepplinger. „Bei der nicht-invasiven Technik der repetitiven transkraniellen Magnetstimulation können mit Hilfe starker Magnetfelder Bereiche des Gehirns sowohl stimuliert als auch gehemmt werden. Bei einem Drittel der Patienten mit neuropathischem Schmerz gelang eine zumindest über einige Tage bis Wochen anhaltende Schmerzreduktion.“

Komplementärmedizinische Verfahren

Etwa jeder fünfte Mensch mit chronischen Schmerzen wendet ein Verfahren der Komplementärmedizin an. „Systematische Studien sind in diesem Bereich selten. Im Interesse der Patienten sollten diese Methoden daher systematisch wissenschaftlich untersucht und evaluiert werden“, forderte Prof. Dr. Günther Bernatzky von der Universität Salzburg, Naturwissenschaftliche Fakultät. Verfahren mit schmerztherapeutisch belegter Wirkung seien zum Beispiel die Akupunktur und die Musiktherapie. „Von der Akupunktur wissen wir aus zahlreichen Studien, dass sie chronische Schmerzen lindern und die zur Schmerzlinderung erforderliche Menge von Schmerz-Medikamenten verringern kann“, so Benatzky. So könne bei rheumatischen Erkrankungen 75 Prozent der Fälle eine Besserung erzielt werden. „Eine Metaanalyse zeigt, dass in 51 ausgewählten Studien mit Musiktherapie die Schmerzen gelindert werden konnten.“

Die Grenzen komplementärmedizinischer Methoden dürften jedoch nicht übersehen werden, sie seien nach heutigem Wissensstand kein Ersatz für besser untersuchte Methoden der Evidenz-basierten Schmerzmedizin. Bernatzky: „Ergänzend dazu – im Sinne adjuvanter Therapiemethoden – sind sie gut geeignet.“

Zwei-Klassen-Medizin

„Eine Verlagerung der Behandlungskosten für komplementärmedizinische Verfahren in den privaten Bereich ist bereits häufig die Regel. Zunehmend werden aber auch schulmedizinische und innovative Therapien ebenfalls in den privaten Kostenbereich transferiert werden“, warnte Kress. So ist seinen Ausführungen zufolge im Jahr 2010 im Schmerzbereich keine medikamentöse Innovation in den Österreichischen Erstattungskodex aufgenommen worden. „Damit entsteht eine Situation, dass Patienten in Österreich für ein innovatives Medikament zahlen müssen, das in Nachbarländern aber sehr wohl erstattet wird. Das ist für mich Zwei-Klassen-Medizin“, so Kress.

 

Quelle: Pressegespräch zur 10. Österreichischen Schmerzwoche, 20. Oktober 2010.

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