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Allgemeinmedizin 6. Oktober 2010

Unnötige Schritte?

Über den tatsächlichen Nutzen von Bewegung bei Hypertonie gibt es wenige Studien.

Verfügbare Studien lassen keine Aussagen zu Sterblichkeit, Folgeerkrankungen oder Lebensqualität zu. Zu diesem Ergebnis kommt ein am 23. September 2010 veröffentlichter Bericht des deutschen Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen. Das Institut bewertet gegenwärtig verschiedene nicht medikamentöse Behandlungsstrategien bei essenzieller Hypertonie.

 

Patienten mit Bluthochdruck haben ein erhöhtes Risiko für bestimmte Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Am Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) wurde daher die Frage gestellt, ob Menschen mit Bluthochdruck durch mehr Bewegung ihr Risiko zum Beispiel für Herzinfarkte und Schlaganfälle tatsächlich verringern können und wie sich mehr Bewegung auf die krankheitsbezogene Lebensqualität auswirkt.

Die Wissenschaftler analysierten acht randomisiert kontrollierte Studien mit einer Laufzeit von sechs bis zwölf Monaten, in denen jeweils eine Gruppe von Hypertoniepatienten sich mehr bewegen sollte, während die Kontrollgruppe nicht zu mehr körperlicher Aktivität motiviert wurde. Die Studien waren alle relativ klein, in der Mehrzahl hatten höchstens 20 Personen pro Studiengruppe teilgenommen.

Die Auswertung ergab, dass diese Studien keine Aussagen über einen deutlichen Nutzen von vermehrter körperlicher Aktivität zulassen: Weder zu Sterblichkeit, kardiovaskulärer Morbidität oder terminaler Niereninsuffizienz noch zu gesundheitsbezogener Lebensqualität liefern die Studien genügend Ergebnisse. Auch zu unerwünschten Ereignissen reichen die Angaben nicht aus: Dass viele Patienten mit Bluthochdruck älter sind, legt schon nahe, dass die Wahrscheinlichkeit für Stürze und Verletzungen höher ist.

Systolischer Blutdruck gesenkt

In allen analysierten Studien wurden die Auswirkungen auf den Blutdruck ausgewertet. Die Daten zeigen, dass vermehrte körperliche Aktivität den systolischen Wert um 5 bis 8 mm Hg senken kann. Beim diastolischen Wert zeigten sich dagegen keine Unterschiede zwischen den Behandlungsgruppen. Es lässt sich allerdings nicht sicher vorhersagen, ob diese Verringerung von Dauer ist und wie sie sich gesundheitlich auswirkt. Eine Blutdrucksenkung ist zwar ein Hinweis, dass sich die Risiken für Folgeerkrankungen verringern könnten. Von Arzneimitteln weiß man aber, dass auch Medikamente, die ähnlich wirksam den Blutdruck senken, trotzdem nicht gleich gut Folgeerkrankungen wie zum Beispiel Herzschäden vorbeugen und sich auch in den Nebenwirkungen unterscheiden.

Aus den Studien ging auch nicht hervor, ob die Teilnehmerinnen und Teilnehmer durch mehr Bewegung die Einnahme von blutdrucksenkenden Medikamenten verringern konnten.

„Um Missverständnissen vorzubeugen: Unsere Schlussfolgerung lautet nicht, dass mehr Bewegung nutzlos oder gar schädlich ist“, sagt Prof. Dr. Jürgen Windeler, Leiter des IQWiG. „Es ist aber ernüchternd, dass Medikamente zur Blutdrucksenkung in Dutzenden von großen Studien getestet wurden, wir über Vor- und Nachteile von körperlicher Aktivität aber kaum etwas wissen, obwohl nationale und internationale Fachgesellschaften diese seit langem empfehlen. Der Ratschlag, sich mehr zu bewegen, bedeutet für Patientinnen und Patienten mit Bluthochdruck ja oft eine deutliche Umstellung ihres Lebensstils. Patienten sollten wissen, was sie davon haben.“

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