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Fotos (3):  Nanut/Regal
Die Totenmaske und das Gehirn von Wagner-Jauregg befinden sich im pathologisch-anatomischen Museum.

Julius Wagner-Jauregg im Jahr 1893.

Relief-Denkmal von Wagner-Jauregg vor den neuen Kliniken Wien.

 
Allgemeinmedizin 21. September 2010

Julius Wagner-Jauregg: Begründer der Fiebertherapie

Vor 70 Jahren starb der einzige Psychiater, der jemals den Nobelpreis erhielt.

Julius Wagner-Jauregg erhielt im Jahr 1927 den Nobelpreis für seine Arbeiten zur Heilung der progressiven Paralyse mit Hilfe der sogenannten Malariatherapie.

 

Den Nobelpreis erhielt Julius Wagner-Jauregg mit drei Jahren Verspätung. Verantwortlich dafür war Bror Gadelius, die damals größte skandinavische Autorität für Psychiatrie und Mitglied des Nobelkomitees. Er hielt Wagner-Jauregg (1857–1940) nicht für einen Wohltäter der Menschheit, sondern für einen „Verbrecher“, da er nicht akzeptieren konnte, dass ein Arzt einem Paralytiker noch Malaria einimpft. So erhielt der österreichische Psychiater erst im Jahr 1927 nach dessen Pensionierung den Nobelpreis für seine Arbeiten zur Heilung der progressiven Paralyse mit Hilfe der sogenannten Malariatherapie.

Fieber reinigt wie ein Feuer

„Gebt mir die Macht, Fieber zu erzeugen, und ich heile alle Krankheiten“, schrieb bereits der griechische Philosoph Parmenides von Elea um 500 v. Chr. Auch Hippokrates war der Ansicht, dass Fieber den Körper wie ein Feuer reinige. Diese Heilkraft des Fiebers war vermutlich auch für viele Erfolge von obskuren Prozeduren verantwortlich, die seit Jahrhunderten durch die Geschichte der Medizin geistern. Es waren meist aus heutiger Sicht absolut unsinnig erscheinende Methoden, mit denen bis ins vorige Jahrhundert Entzündungen und Eiterungen hervorgerufen wurden. Zweifellos wurden damit aber tatsächlich bei allen möglichen Krankheiten und Leiden Besserung, manchmal sogar Heilungen erzielt. Auch der „heilsame Einfluss“ fieberhafter Erkrankungen auf Melancholie, Psychosen, Epilepsie und andere „Geistesstörungen“ war seit der Antike bekannt.

Schon kurz nach seinem Eintritt als Assistent in die psychiatrische Klinik in Wien am 1. Jänner 1883 beobachtete Wagner-Jauregg, dass sich während einer hoch fieberhaften Infektionskrankheit die Geistesstörung einer Patientin dramatisch besserte. Diese kleine Beobachtung war der Auslöser für eine Idee, aus der er später eine der spektakulärsten und segensreichsten Therapien in der Geschichte der Psychiatrie entwickelte. Wagner-Jauregg begann alle Fälle von Geistesstörungen an der Wiener Klinik genauer zu untersuchen, bei denen es durch eine zufällig aufgetretene fieberhafte Infektion zu einer Heilung gekommen war. Das Resultat seiner Arbeit Über Einwirkung fieberhafter Erkrankungen auf Psychosen veröffentlichte er 1887. Immerhin fand er unter 223 untersuchten Fällen bei 70 Patienten eine dauernde oder vorübergehende Heilung. Zusammenfassend kam Wagner-Jauregg zu dem Ergebnis: „Wenn wir uns jetzt zum Schluss die Frage vorlegen: wäre es zu rechtfertigen, wenn wir das Heilmittel, das die Natur in der Erzeugung von fieberhaften Krankheiten besitzt, in zweckbewusster Weise in die Therapie der Psychosen einführen, die künstliche Erzeugung von fieberhaften Krankheiten zu einem therapeutischen Agens machen würden, so glaube ich nach vorliegenden Erfahrungen diese Frage bejahen zu können.“

Konsequent verfolgte er seine Idee weiter

Er konzentrierte seine Forschungen immer mehr auf die progressive Paralyse, die damals ein häufiges Krankheitsbild in psychiatrischen Anstalten war. Sie war in der vorantibiotischen Ära unheilbar und führte unweigerlich zur kompletten Verblödung und nach wenigen Jahren zum Tod.

Jahrelang experimentierte Wagner-Jauregg mit „künstlichem Fieber”, das er mit Tuberkulin, Typhusvaccine oder Rotlauf-Streptokokken zu erzeugen versuchte. Zufällig kam 1917 ein Soldat von der mazedonischen Front mit einer Nervenverletzung und Malaria zur Aufnahme. „Da kam mir wie ein Blitz der Gedanke, mit dem Blut dieses Malarikers Paralytiker zu impfen“, schrieb Wagner-Jauregg in seinen Erinnerungen. Die Malaria erschien ihm noch dazu als besonders günstig, denn das so erzeugte Wechselfieber konnte durch Chinin wieder beseitigt werden. Zuvor untersuchte er aber die Mückenpopulation im Bereich des Allgemeinen Krankenhauses, er wollte ja an seiner Klinik keinen Malariaherd schaffen. Als er keine Anophelesmücken, sondern nur Mücken der Gattung Kulex fand, wagte er am 14. Juni 1917, mit dem Blut des Malariakranken zehn Paralytiker zu impfen.

Obwohl ein Patient starb, war dieser erste Versuch letztlich ein Erfolg. Sein Paradepatient war ein bereits völlig „verblödeter Conférencier“, der alle seine Nummern vergessen hatte. Nach der Malariakur konnte der Conférencier die Patienten der Klinik in einer Vorstellung mit seinem großen Repertoire wieder problemlos unterhalten. In den folgenden Jahren entwickelte Wagner-Jauregg die Malaria-Fiebertherapie zu einem Routineverfahren. Der durchschlagende Erfolg der Impfungen mit Malariablut – immer in Kombination mit dem kurz zuvor entdeckten Salvarsan – und die später entwickelten genauen therapeutischen Prozeduren machten die Malariatherapie bald zur weltweit wirksamsten Methode zur Behandlung von Paralytikern. Die gefürchtete progressive Paralyse war zu einer heilbaren Krankheit geworden. Seit der etwa in den 1940er-Jahren begonnenen Behandlung der Lues mit Penicillin hat die Malariatherapie aber nur mehr historischen Wert.

Nach wie vor aktuell ist die von Wagner-Jauregg angeregte Kropfprophylaxe durch Zusatz von Jod zum Kochsalz. In seinen Studien über Kretinismus hatte er bereits 1889 auf den Zusammenhang zwischen Jodmangel und Kropfbildung hingewiesen. Aber erst 1923 wurde diese Art der Kropfprophylaxe in Österreich eingeführt.

Vorwürfe nicht bestätigt

Die Vorwürfe, nationalsozialistisches Gedankengut und rassenhygienische Lehren verbreitet zu haben, führten im Jahr 2004 zu einer umfangreichen Untersuchung, die vom Land Oberösterreich zur Klärung der Frage in Auftrag gegeben wurde, „ob der Namensgeber der Landes-Nervenklinik [Julius Wagner-Jauregg] als historisch belastet angesehen werden muss“. Eine hochkarätig besetzte Kommission kam letztlich zu folgendem Ergebnis: Wagner-Jauregg war zu keiner Zeit Mitglied der NSDAP; der deutschnationale Wagner-Jauregg hatte aus ungeklärten Gründen zwar wenige Monate vor seinem Tod um die Mitgliedschaft in der NSDAP angesucht, war aber „wegen...Rasse“, seine erste Frau war Jüdin, abgelehnt worden. Auch die ihm vorgeworfenen rassenhygienischen Lehren sah die Kommission als Beiträge zur Eugenik „im Mainstream der damaligen internationalen wissenschaftlichen Diskussion“ und fand in diesen Arbeiten keine „rassenhygienische Terminologie“ im nationalsozialistischen Sinn. Insgesamt beschied die Kommission, „dass Wagner-Jauregg nicht als historisch belastete Persönlichkeit anzusehen ist“.

„Parade der Paralytiker“

Zu seinem 70. Geburtstag organisierten Wagner-Jaureggs Schüler mit geheilten Patienten eine „Parade der Paralytiker“. Über 100 Patienten, die die Malariatherapie vor einem schrecklichen Schicksal bewahrt hatte, schritten – manche maskiert – im Hörsaal der Klinik feierlich am Jubilar vorbei. Der einzige Psychiater, der jemals einen Nobelpreis erhielt, starb am 27. September 1940.

Von Dr. Wolfgang Regal und Dr. Michael Nanut, Ärzte Woche 38 /2010

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