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Allgemeinmedizin 14. September 2010

Trinker nicht übersehen

Alkoholmissbrauch: Schauen Sie hin oder schauen Sie weg? Ein Appell.

Bei den Grazer Fortbildungstagen hält Prof. Dr. Otto Lesch ein Seminar mit dem Titel „Der Alkoholkranke in der täglichen Praxis“. Im Folgenden appelliert er dafür, das Trinkverhalten der Patienten nicht zu ignorieren:

 

85 Prozent der Patienten, die einen praktischen Arzt aufsuchen, trinken regelmäßig Alkohol. 25 Prozent der männlichen und 20 Prozent der weiblichen Patienten betreiben deutlichen Alkoholmissbrauch und konsumieren über einen Liter Wein täglich. Viele erfüllen die Diagnose Alkoholabhängigkeit. Meist wird weggeschaut. Wie halten Sie es?

Symptome werden behandelt, die Ursachen übersehen

Diese Patienten kommen mit vielfältigen Symptomen in die Ordination (Kreislaufregulationsstörungen, Gastroenteritiden, vegetative Störungen, Dysphorie, Diabetes, Potenzstörungen, ungeklärte Verletzungen), die aber selten mit der Alkoholabhängigkeit in Zusammenhang gebracht werden. Symptome werden behandelt, aber die Ursache wird nicht gesehen.

Gefährlich ist es, Interaktionen zwischen Alkohol und Pharmaka zu übersehen, denn Alkohol spielt in der Wirkung fast aller Medikamente eine wesentliche Rolle. Alkohol kann etwa die Wirkung von Beta-Blockern verstärken. Trinken die Patienten regelmäßig, kommt es zu einer Enzyminduktion und damit zur Abnahme der Wirkung der verwendeten Medikamente (z. B. bei Antidiabetika).

Ohne Berücksichtigung des Trinkverhaltens kommt es vor allem bei chronischen Erkrankungen zu einem durch Zwischenfälle geprägten Verlauf. Es ist notwendig, die Patienten auf den Zusammenhang zwischen der Wirkung von Alkohol und den somatischen Beschwerden hinzuweisen und dies durch biologische Marker zu belegen: Dann ist es oft möglich, ein kurzes Motivationsgespräch zu führen. Es gibt gute Daten, dass dieses Gespräch bei Alkoholmissbrauchenden zu einer deutlichen Änderung des Trinkverhaltens führt. In dieser Gruppe sind dann medizinische Kontrollen alle drei Monate sehr zielführend.

Besteht eine Alkoholabhängigkeit, können Sie in einem strukturierten Interview (20-minütiges Gespräch) jene Faktoren erfragen, die Sie für die weitere Therapieplanung brauchen. Ein Computerprogramm gibt Ihnen spezifische Therapieansätze in die Hand, die der LAT (Lesch Alcoholism Typology) folgen. Diese können Sie mit dem Patienten besprechen und mit ihm das erreichbare Therapieziel definieren (Abstinenz oder Reduktion der Trinkmenge). Sie erhalten Hinweise für die Motivationsstrategie und klare Vorstellungen für psychotherapeutisches und medikamentöses Vorgehen.

Im Seminar „Der Alkoholkranke in der täglichen Praxis“ erfahren Sie, wie Sie die richtigen Fragen zur Erkennung der Alkoholabhängigkeit stellen. Sie lernen das LAT-Computerprogramm kennen und kurze Motivationsanreize zu setzen. Die Gesprächsführung folgt der BRENDA-Methode:

  • B = Biosoziale Konsequenzen,
  • R = Report über den Einfluss von Alkohol auf diese,
  • E = Empathie, Verstehen der Interaktionen von Alkohol und Beschwerden,
  • N = Needs, Bedürfnisse des Patienten formulieren,
  • D = Direkter Rat,
  • A = Auswertung der Patientenreaktion. Kann er den Rat akzeptieren?

Vielleicht entscheiden Sie sich dann, hinzuschauen.

Der Autor ist Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Suchtmedizin und Leiter der Forschungsgruppe Alkoholabhängigkeit der MedUni Wien, Universitätsklinik für Psychiatrie und Psychotherapie. Sein Seminar findet am 8. Oktober ab 13 Uhr statt.

21. Grazer Fortbildungstage
4. bis 9. Oktober 2010

Information und Anmeldung
Ärztekammer für Steiermark
Fortbildungsreferat

Tel.: +43/(0)316/8044-37, -32, -33

www.grazerfortbildungstage.at

Von Prof. Dr. Otto Lesch, Ärzte Woche 37 /2010

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