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Die Idiolektik® fragt nicht nach Inhalten, sondern nach Schlüsselworten. So vom Arzt angesprochen, kann ein Patient leichter Ärger äußern, ohne gleichzeitig einen Vorwurf zu formulieren.
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Dr. Johannes Nikolaus Gächter Klinische Abteilung für Phoniatrie und Logopädie, AKH Wien

 
Allgemeinmedizin 8. September 2010

Wie bitte?

Idiolektik®: Sprechen mit schwierigen Patienten.

Bei der Idiolektik® werden Äußerungen und Signale der Patienten aktiv aufgenommen. Die Patienten bekommen Anerkennung, ihr Ärger wird wahrgenommen. Rückfragen und Reflexion helfen dem Arzt dabei, den Ärger eines Patienten nicht automatisch zu übernehmen und eine schwierige Situation rasch zu entspannen.

 

Ein Beispiel eines Gesprächsverlaufes mit und ohne Hilfe der Techniken der Idiolektik®: Eine Patientin betritt Ihren Behandlungsraum mit rotem Kopf, angestrengtem Gesichtsausdruck und etwas forscher Stimme im „Guten Tag“; beim Händedruck spüren Sie ihre leicht feuchte Haut, zu ihrer aufgebrachten Stimmung passend. „Guten Tag, was führt Sie zu mir?“, fragen Sie sie etwas besorgt. (Spüren Sie, dass Sie als Behandler bereits etwas von der Angestrengtheit dieser Dame übernommen haben?)

„Ich habe mehr als eine Stunde gewartet, obwohl ich pünktlich Ihren Termin eingehalten habe! Das bin ich nicht gewohnt.“ (Sie haben jetzt keine inhaltliche Antwort auf Ihre Frage bekommen, da die Patientin im Moment ein drängenderes Anliegen hat.) Sie haben verschiedene Möglichkeiten, zu reagieren – im Folgenden möchte ich zwei vorstellen.

  1. „Ich arbeite seit drei Stunden ohne Pause, bemühe mich um meine Patienten, sogar die ungeplanten Notfälle habe ich gründlich versorgt, daher war Ihre Wartezeit leider nicht zu vermeiden ...“ (Glauben Sie, Ihre Patientin ist jetzt zufrieden? Und vor allem: Sind Sie zufrieden? Mussten Sie sich nicht eben noch dafür verteidigen, dass Sie Ihre hohen Ansprüche an Ihr Berufsethos und die Humanität auf Ihre Kosten auf Händen getragen haben?)
  2. Alternativ können Sie Schlüsselworte einsetzen: „Was sind Sie gewohnt?“ – „Jedenfalls bin ich gewohnt, Vereinbarungen einzuhalten. Das hat mir schon meine Großmutter beigebracht, bei der ich mich immer sehr wohl gefühlt habe ...“ – „Wie hat es Ihre Großmutter geschafft, dass Sie sich bei ihr immer wohl fühlten?“ – „Sie wohnte in einem kleinen Häuschen, zwei Dörfer weiter, da haben wir als Kinder immer spielen dürfen ...“ – „Wie geht’s Ihnen jetzt?“ – Pause; wahrscheinlich hat die Patientin in der Zwischenzeit ein Lächeln in ihrem Gesicht und staunt schon über Sie und hat einen Strauß der guten Erinnerung mit Ihrer Hilfe gegen den Ärger des Wartens eingetauscht. Sie werden jetzt schneller und authentischer Informationen über das Anliegen oder die Beschwerden der Patientin erfahren.

Ein eskaliertes Beziehungsproblem

Im ersten Gesprächsverlauf haben Sie die verbalen und nichtverbalen Signale der Patientin aufgenommen und „konventionell“ – das heißt nach einem gewohnten, alltäglichen Muster – beantwortet. Dabei haben Sie den Ärger wahr- und zugleich mindestens teilweise aufgenommen und wurden dabei zu einem „Opfer“, denn nun wurde plötzlich Ihnen die Anerkennung von der Patientin, die sie ihrerseits durch den nicht eingehaltenen Termin vermisst hat, durch den Vorwurf abgesprochen.

Vielleicht war sie schon vorher schlecht gelaunt, aber das war jetzt eben der Anlass. In Variante 1 geht es also um ein eskaliertes Beziehungsproblem durch die Kränkung einer fehlenden Anerkennung bei der Patientin, die sie nicht aushält und auf Sie überträgt; Sie spielen in der Weise mit und erwidern dies und so weiter.

Rückfrage und Reflexion

In der zweiten Variante haben Sie auch die Patientin in ihrer Wort- und Körpersprache wahrgenommen. Sie haben aber noch präsenter reagiert, indem Sie die Worte und Signale der Patientin aktiv aufgenommen und nachgefragt haben. Das scheint banal, macht aber einen großen Unterschied, wie Sie oben sehen können.

Sie haben der Patientin Anerkennung geschenkt, indem Sie ihr genau zugehört und ihren Ärger bemerkt haben. Durch diese Rückfrage und Reflexion haben Sie den Ärger automatisch nicht übernommen. Sie haben sich also vor der negativen Emotion geschützt und die Patientin bekam eine Möglichkeit, ihren Ärger in einer zulässigen Form zu äußern, ohne Ihnen weiter etwas vorzuwerfen. Sie haben in kurzer Zeit die Lage entspannt und können sich nun intensiv, eventuell auch rasch, um ihr Anliegen kümmern.

Idiolektik®

Idiolekt heißt Eigensprache. Zur Eigensprache eines menschlichen Individuums gehören die Körpersprache mit Gestik, Mimik und Haltung sowie alle Elemente des verbalen Ausdrucks (Stimme mit Intonation, Modulation, Rhythmik, Atmung, Tempo, Lautstärke, Betonung, Dialekt, Wortwahl, Satzbau und so weiter). In der Eigensprache kommt ein Mensch umfassend zum Ausdruck.

Idiolektik® ist der methodische und präzise Umgang mit Eigensprache. Es gibt die Gesellschaft für Idiolektik® und Gesprächsführung mit Sitz in Würzburg, Deutschland. Entstanden ist die Idiolektik® durch die Erfahrung, Forschung und Lehre des jahrzehntelang tätigen Psychiaters Dr. Adolph David Jonas in einem Schülerkreis in Würzburg und Wien. Sein Hintergrund waren Verhaltensbeobachtungen sowie anthropologische und biologisch-phylogenetische Studien. Er bemerkte, dass die Organsprache dieser psychosomatisch leidenden Menschen, scheinbar ohne nachvollziehbaren Bezug zu ihrem Leben, einen wortsprachlichen Ausdruck findet („Reden ist Gold“), wenn man diesen mit entsprechender Haltung und Technik anfragt.

Die Technik besteht aus Zuhören und Fragen nach sogenannten Schlüsselwörtern, die man aus dem Erzählten des befragten Interviewexperten (Patienten) gehört und nach gewissen Kriterien ausgewählt hat. Es handelt sich um sogenannte paralogische Gespräche (im Gegensatz zu Alltagsgesprächen), weil nicht nach Inhalten, sondern nach Worten gefragt wird.

Adaptive Symptome – innovative Lösungen

Spannend ist, dass viele psychosomatische Symptome (ausgewählte Beispiele sind Schwindel, Nackenverspannung, Brustschmerz, Herzrhythmusstörungen, Sodbrennen, Schluckweh, Colitis ulcerosa) biologische Verhaltensmuster sind, die entwicklungsgeschichtlich als Überlebensmechanismen vorkommen. Dieser situative Überlebenskontext des Symptoms („innere Weisheit“ des Organismus) ist dem betroffenen, leidenden Individuum aber praktisch nie bewusst und meist ohne geschulten Blick – durch den fehlenden Überlebensbezug in einer modernen Industrie- oder Dienstleistungsgesellschaft – nicht vordergründig erkennbar.

In diesem Sinne hat das Symptom eine adaptive, das heißt eine (über-)lebensbegünstigende, Funktion und seine Erschließung ist innovativ, weil die Lösung beim Erkrankten und die Mühe nicht beim Behandler liegt. Die Technik des Fragens wirkt einfach, das Praktizieren zeigt sich übungsabhängig.

 

* Der Text folgt einem Vortrag, der am 26. 06. 2010 auf den Grazer HNO-PSY-Tagen präsentiert wurde.

 

 Webtipps

www.idiolektik.de

www.idiolektik.at

Die idiolektische Haltung
• Zuhören statt reden
• Fragen statt raten
• Respektieren statt Recht haben
• Und vielleicht verstehen

Von Dr. Johannes Nikolaus Gächter *, Ärzte Woche 36 /2010

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