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Allgemeinmedizin 2. Jänner 2012

Ernährungsmärchen Teil 6: "Kaffee ist ein Flüssigkeitsräuber"

Ein häufig gut gemeinter Rat ist, nach jeder Tasse Kaffee ein Glas Wasser zu trinken. Als Begründung dafür wird vielfach der flüssigkeitsentziehende Effekt von Koffein angegeben. Ist Kaffee aber tatsächlich ein „Flüssigkeitsräuber“ oder kann er sogar zur Flüssigkeitsbilanz dazugezählt werden?

Kaffee zählt weltweit zu den beliebtesten Getränken. In Österreich werden nach Angaben des Ernährungsberichtes 2008 im Durchschnitt etwas mehr als 300 ml Kaffee pro Tag getrunken [1].

Lange Zeit wurde angenommen, dass Kaffee dem Körper Wasser entziehe. Dieser Glaube beruht nach Angaben der Deutschen Gesellschaft fur Ernährung unter anderem auf der Interpretation der Ergebnisse einer Studie, bei der nach dem Konsum von Kaffee die vorübergehende Abnahme des Körpergewichtes und damit der Gesamtkörperwassermenge mit einer Verschlechterung der Flüssigkeitsversorgung gleichgesetzt wurde [2].

Richtig ist, dass Koffein und andere Methylxanthine wie Theophyllin und Theobromin diuretische Wirkungen aufweisen [3]. Sowohl die Menge als auch die Frequenz des Konsums haben dabei einen Einfluss auf den harntreibenden Effekt [2].

Eine Zusammenfassung mehrerer Studien aus den Jahren 1966 bis 2003 hat gezeigt, dass eine einmalige Koffeinaufnahme von mindestens 250 bis 300 mg (das entspricht 2 bis 3 Tassen Kaffee) zu einer kurzzeitigen Stimulierung der Harnproduktion [3] und dadurch zu einer Ausscheidung von Wasser und Natrium fuhrt. Der diuretische Effekt des Kaffees kann jedoch bei ausreichender Flüssigkeitszufuhr innerhalb von 24 Stunden ausgeglichen werden [4]. Bei Personen, die regelmasig koffeinhaltigen Kaffee oder Tee trinken, ist die diuretische Wirkung weitgehend vermindert [3, 4] und es kommt aufgrund verschiedener Kompensationsmechanismen zu keiner erhöhten Wasser- und Natriumausscheidung [2]. Auch im Sportbereich ist nach Angaben der International Society of Sports Nutrition weder eine koffeininduzierte Diurese während der Bewegung noch eine nachteilige Veränderung im Wasserhaushalt, die die Leistungsfahigkeit beeintrachtigen wurden, ersichtlich [5].

Der Koffeingehalt im Kaffee ist von verschiedenen Faktoren, unter anderem von der Röstung sowie der Art und Mischung der verwendeten Kaffeesorten, aber auch von der Partikelgröße des Kaffeepulvers und dem Verhältnis von Pulver zu Wasser abhängig. Auch die Brühmethode und die Brühdauer haben einen Einfluss auf den Koffeingehalt [6].

Einzelne Kaffeebestandteile und Abbauprodukte von Koffein sind gute Antioxidantien. Wie aus einer Untersuchung der Kaffeezubereitung auf die antioxidative Kapazitat hervorgeht, weisen Espresso und Mokka einen höheren Gehalt an Antioxidantien pro ml Kaffee auf, als Plunger- oder Filterkaffee [7].

Die Zubereitung von Kaffee scheint auserdem einen Einfluss auf den Cholesterinspiegel zu haben. In einer Metaanalyse aus 14 randomisierten kontrollierten Studien konnte ein dosisabhangiger Zusammenhang zwischen Kaffeekonsum und Gesamt- sowie LDL-Cholesterin beobachtet werden. Der cholesterinerhöhende Effekt war vor allem bei Personen mit Hyperlipidamie aber auch bei Studien mit aufgekochtem, ungefiltertem Kaffee höher.

Für den cholesterinerhohenden Effekt scheinen vor allem die Diterpene Cafestol und Kahweol verantwortlich zu sein, die bei aufgekochtem Kaffee aufgrund der hoheren Zubereitungstemperatur und der längeren Kontaktzeit zwischen gemahlenen Kaffee und Wasser in höheren Konzentrationen vorliegen. Ein weiterer Grund ist auch, dass die Diterpene beim Filterkaffee weitgehend im Papierfilter bleiben [8].

In Bezug auf das Risiko fur koronare Herzerkrankungen konnte in einer Meta-Analyse aus 13 Fall-Kontroll-Studien ein signifikant positiver Zusammenhang mit hohem Kaffeekonsum beobachtet werden, während der tägliche Kaffeekonsum bei 10 prospektiven Langzeit follow-up Kohortenstudien keinen signifikanten Zusammenhang zeigte [9].

Auch in einer weiteren Meta-Analyse aus 21 prospektiven Studien geht hervor, dass der Konsum von Kaffee das Risiko fur koronare Herzerkrankungen langfristig nicht erhöht [10]. Prospektive Studien weisen weiters darauf hin, dass ein hoher Kaffeekonsum das Risiko für Diabetes mellitus reduzieren konnte. Weitere randomisierte Studien sind jedoch erforderlich [11].

Kaffee leistet fur viele einen Beitrag zur Gesamtflüssigkeitszufuhr [2] und kann bei regelmäßigem moderatem Kaffeekonsum zur Gesamttrinkmenge hinzugezählt werden. Kaffeetrinker sollten aber dennoch auf eine ausreichende Flüssigkeitszufuhr achten [4, 2]. Täglich sollten mindestens 1,5 Liter Flüssigkeit, bevorzugt energiearme Getränke in Form von Wasser, Mineralwasser, ungezuckerten Früchte- und Kräutertees oder verdünnten Obst- und Gemüsesäften getrunken werden. Gegen den täglichen moderaten Konsum von Kaffee und zuckerfreien Schwarz- und Gruntees (3 – 4 Tassen) ist nichts einzuwenden. Ein Glas Wasser zum Kaffee ist aber dennoch ratsam, da die Flüssigkeitsaufnahme generell zu gering ist.

Literatur

[1] Elmadfa I, Freisling H, Nowak V, Hofstädter D, et al. Österreichischer Ernährungsbericht 2008, 1. Auflage, Wien, März 2009.

[2] DGE (Deutsche Gesellschaft für Ernährung). Ist Kaffee ein „Flüssigkeitsräuber“? DGE-aktuell 01/2005 vom 12.01.2005, www.dge.de.

[3] Maughan RJ, Griffin J. Caffeine ingestion and fluid balance: a review, J Hum Nutr Diet, 16 (6): 411-420, 2003.

[4] Adam O. Auswirkungen des Kaffeetrinkens auf die Flüssigkeitsbilanz, Ernährungs-Umschau, 52 (1): 14-17, 2005.

[5] Goldstein ER, Ziegenfuss T, Kalman D, Kreider R, Campbell B, Wilborn C, Taylor L, Willoughby D, Stout J, Graves BS, Wildman R, Ivy JL, Spano M, Smith AE, Antonio J. International society of sports nutrition position stand: caffeine and performance, J Int Soc Sports Nutr, 7 (1): 5, 2010.

[6] DGE (Deutsche Gesellschaft für Ernährung). Kaffee bzw. Koffein und Schwangerschaftsrisiken. DGEInfo 10/2007, www.dge.de.

[7] Pérez-Martínez M, Caemmerer B, De Peña MP, Cid C, Kroh LW. Influence of brewing method and acidity regulators on the antioxidant capacity of coffee brews, J Agric Food Chem, 58 (5): 2958-2965, 2010.

[8] Jee SH, He J, Appel LJ, Whelton PK, Suh I, Klag MJ. Coffee consumption and serum lipids: a meta-analysis of randomized controlled clinical trials, Am J Epidemiol, 153 (4): 353-362, 2001.

[9] Sofi F, Conti AA, Gori AM, Eliana Luisi ML, Casini A, Abbate R, Gensini GF. Coffee consumption and risk of coronary heart disease: a meta-analysis, Nutr Metab Cardiovasc Dis, 17 (3): 209-223, 2007.

[10] Wu JN, Ho SC, Zhou C, Ling WH, Chen WQ, Wang CL, Chen YM. Coffee consumption and risk of coronary heart diseases: a meta-analysis of 21 prospective cohort studies, Int J Cardiol, 137 (3): 216-225, 2009.

[11] Huxley R, Lee CM, Barzi F, Timmermeister L, Czernichow S, Perkovic V, Grobbee DE, Batty D, Woodward M. Coffee, decaffeinated coffee, and tea consumption in relation to incident type 2 diabetes mellitus: a systematic review with meta-analysis, Arch Intern Med, 169 (22): 2053- 2063, 2009.

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