zur Navigation zum Inhalt
Foto: pixelio.de / Steffi8870
Kinder von allem fernzuhalten, das allergisch machen könnte, hat sich als falsch herausgestellt. Das Immunsystem benötigt den Allergenkontakt, um eine Immuntoleranz zu entwickeln.
Foto: KH Schwarzach

Dr. Josef Riedler Leiter des Kinder- und Jugendspitals im KH Schwarzach

 
Allgemeinmedizin 6. Juli 2010

Allergenkarenz in der Primärprävention ist obsolet

Um eine Immuntoleranz gegen einen Stoff zu entwickeln, braucht das Kind den Kontakt mit diesem Stoff.

CIPP ist die Abkürzung für den International Congress on Pediatric Pulmonology. Heuer fand er bereits zum neunten Mal statt, und zwar in Wien.

 

Einer der drei österreichischen Mitorganisatoren des internationalen Kongresses in Wien ist Prim. Prof. Dr. Josef Riedler, Leiter des Kinder- und Jugendspitals in Schwarzach. Die Ärzte Woche sprach mit ihm über die fachlichen Highlights der Tagung.

 

Was unterscheidet diesen Kongress von anderen?

RIEDLER: Abgesehen vom Schwerpunkt auf Pulmonologie bei Kindern und Jugendlichen ist die Stärke des Kongresses, dass er sehr praxisbezogen ist. Der Arzt, ob niedergelassen oder angestellt, erhält einen kompakten Überblick über die neueren und neuesten Entwicklungen in unserem Fachgebiet und erspart sich, viel Literatur zu lesen.

Die zweite Stärke des Kongresses ist, dass er als Plattform für junge Forscher dient. Bei den großen Tagungen treten ja meist die „senior researcher“ auf. Bei der CIPP kommen auch die jungen Kollegen zu Wort.

 

Was war das Ihrer Ansicht nach wichtigste Thema oder Ergebnis der zu Ende gegangenen Tagung?

RIEDLER: Wir wissen immer noch nicht, was Asthma oder was Allergie ist. Vor einiger Zeit dachten wir, alles wäre erforscht und die Sache klar. Aber heute sehen wir eine Unzahl von Asthmaformen, aber auch Allergieformen, die voneinander unabhängig sind. Und wir wissen, dass eine generelle Allergieprävention – nicht zuletzt deswegen – einfach nicht möglich ist. Höchstens bei bestimmten Phänotypen kann es eine Prävention geben.

Zudem sehen wir, dass bei der Entstehung der Allergie ein sehr komplexes Zusammenspiel zwischen Genen und der Umwelt besteht. Darüber hat Kollege Fernando Martinez aus Tucson, Arizona, sehr klar referiert. Über diese Interaktion müssen wir sicher noch viel lernen.

Beziehen Sie sich da auf die Epigenetik?

RIEDLER: Nicht nur, aber ja, das inkludiert auch epigenetische Vorgänge. Wir wissen heute – und diese Botschaft sollte auf jeden Fall alle damit befassten Ärzte erreichen –, dass ein Allergenkontakt notwendig ist, um eine Immuntoleranz zu entwickeln. Jahrzehntelang wurde in der Primärprävention die Allergenkarenz gepredigt und die Säuglinge möglichst lange gestillt, die Beikost so allergenarm wie möglich gestaltet und ihre Betten mit milbendichten Matratzenüberzügen versorgt. Das ist verkehrt und kann in manchen Fällen sogar für das Kind im Sinne einer Allergieentwicklung gefährlich sein. Leider sehen das viele Kollegen noch anders.

 

Sie bestehen also auf einem veralteten Wissen?

RIEDLER: Sie sagen: ‚Wir haben das seit Jahrzehnten gepredigt. Wie sollen wir den Eltern beibringen, dass jetzt alles anders ist?‘ Aber die Offenheit gegenüber neuen Ideen ist ungeheuer wichtig. Auch wenn Detailfragen noch nicht geklärt sind, es ist offensichtlich notwendig für das sich entwickelnde Immunsystem, mit einem Stoff in Kontakt zu kommen, damit es eine Toleranz gegenüber diesem Stoff entwickeln kann.

Was sonst noch alles mitspielt, ist erst teilweise geklärt. Es scheint, dass die Kombination eines Allergens mit einer Form der Immunprotektion, Endotoxinen oder Immunstimulatoren, der beste Weg zur Toleranz ist. Das haben ja nicht zuletzt unsere berühmten „Bauernstudien“ gezeigt, die auch von Martinez ausführlich zitiert wurden und die in der gesamten Fachwelt bekannt sind.

Wir sehen aber immer wieder, dass neue Guidelines nur sehr langsam in das Bewusstsein der Kollegen eindringen. Auch bei guter Pressearbeit ist die Vermittlung schwierig. Denn in den Zeitungen erscheint es nur einmal, wenn keine Pharmafirma mit ihren finanziellen Interessen ein Thema pausenlos trommelt. Eine Bindung an die Pharmaindustrie ist aber nicht immer wünschenswert.

 

Gab es noch andere spannende Vorträge oder Diskussionen?

RIEDLER: Einige der Pro- & Contra-Diskussionen waren interessant. Leider ging die Diskussion über Steroide bei Kleinkindern mit Wheezing ein bisschen am Thema vorbei, denn der amerikanische und der australische Kollege sprachen über die im angloamerikanischen Raum übliche Gabe von Steroidtabletten über einige Tage in diesem Fall. Nur ist das für Ärzte im deutschsprachigen Raum uninteressant, da hier keiner so vorgehen würde. Die Gabe von Steroiden bei Kleinkindern ist generell sehr kritisch zu betrachten.

 

Aus welchen Gründen, außer den Nebenwirkungen bei Langzeitanwendung?

RIEDLER: Erstens und vor allem wegen der fehlenden Effizienz. Es ist heute bekannt, dass in diesem Alter das Asthma andere Formen annimmt als die bei älteren bekannte eosinophile Entzündung. Der zweite Grund für die Ineffizienz ist der Nachweis durch Studien, dass bei der üblichen Inhalation mit Ampullen und Gesichtsmasken nur ein reichlich geringer Teil in die Bronchien gelangt und der ganz große Teil im Mund- und Rachenraum hängen bleibt. Die Nebenwirkungen bei Langzeitanwendungen sind sicher auch ein Thema, doch die wären für mich kein Grund, inhalative Kortisone nicht zu geben. Natürlich muss hier von Fall zu Fall abgewogen werden, doch wenn ein Kind durch das Kortison von Behinderungen durch Atemnot verschont bleibt, spielt es wenig Rolle, ob es vielleicht einen Zentimeter kleiner bleibt und das Wachstum erst später nachholt.

 

Haben Sie noch Anliegen außerhalb dieses Kongresses?

RIEDLER: Was bei diesem Treffen nicht zur Sprache kam, mir aber generell ein ganz großes Anliegen ist: die Raucherprävention oder – falls schon notwendig – die Raucherentwöhnung bei Jugendlichen. Das halte ich für ein sehr wichtiges Thema.

 

Das Gespräch führte Livia Rohrmoser

 

Das nächste Treffen, CIPP X; findet Ende Juni 2011 in Versaille, Frankreich, statt. Weitere Informationen:  www.cipp-meeting.com

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Mehr zum Thema

<< Seite 1 >>

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben