zur Navigation zum Inhalt
Jugendliche haben im Durchschnitt mehr Arbeitsunfälle als ihre älteren Kollegen. Diese konnten seit Mitte der 1990er-Jahre nur geringfügig reduziert werden.
Foto: Archiv

Dr. Stefan A. Bayer Präsident der österreichischen Akademie für Arbeitsmedizin, Konzernarbeitsmediziner RHI AG und Facharzt für Arbeitsmedizin

 
Allgemeinmedizin 15. Juni 2010

Wie lange und wie oft sind die Österreicher im Krankenstand?

Anfang Juni 2010 wurde der 160 Seiten umfassende „Fehlzeitenreport 2009“, der sich auf Daten aus 2008 bezieht, in Wien vorgestellt.

Wie bereits in den Fehlzeitenreports der vergangenen Jahre (2007/2008) vom WIFO und Autor Thomas Leoni – im Auftrag vom Hauptverband der Sozialversicherungsträger, der Wirtschaftskammer Österreich, der Bundesarbeitskammer und der AUVA – aufgezeigt werden konnte, wird die langfristige Entwicklung der Krankenstände durch zahlreiche ökonomische und wirtschaftspolitische Faktoren bestimmt. Neben dem Konjunkturzyklus schlagen sich auch die Situation am Arbeitsmarkt sowie beschäftigungs- und sozialpolitische Eingriffe auf die statistisch erfassten Fehlzeiten nieder, da sie Einfluss auf die Erwerbsbeteiligung und die Zusammensetzung der Beschäftigung haben. Veränderungen in der Wirtschaftsstruktur und in der Arbeitswelt führen zudem zu veränderten Arbeitsplatzbedingungen sowie Produktions- und Organisationsstrukturen der Betriebe.

Der Strukturwandel der Wirtschaft und Veränderungen in der Arbeitswelt spiegeln sich auch in der Bedeutung einzelner Krankenstandsursachen wider. So fiel beispielsweise der Anteil der Verletzungen an den Krankenstandsdiagnosen in den letzten zwei Jahrzehnten kontinuierlich. Muskel-Skelett-Erkrankungen bilden gegenwärtig mit den Erkrankungen der Luftwege die wichtigsten Krankenstandsursachen. Zusammen verursachen diese Erkrankungen über 45 Prozent der Krankenstandsfälle und 40 Prozent der Fehlzeiten.

Unfälle sind ebenfalls eine weit verbreitete Ursache von Fehlzeiten. Sieht man von den Arbeitsunfällen ab (siehe weiter unten), gingen immer noch 9,9 Prozent der Krankenstandstage auf andere Formen von Unfällen zurück. Sportunfälle waren für 2,7 Prozent der Fehlzeiten verantwortlich, Verkehrsunfälle verursachten weitere 1,2 Prozent der Krankenstandstage. Sonstige Unfälle (Freizeit, Haushalt) sind allerdings wesentlich häufiger, sie stellen 3,4 Prozent der Fälle und sechs Prozent aller Krankenstandstage dar.

Ein klarer Aufwärtstrend ergibt sich für psychische Erkrankungen, deren Anteil am Krankenstandsgeschehen, von einem geringen Niveau in den 1990er-Jahren ausgehend, deutlich im Steigen begriffen ist. Erkrankungen der Psyche sind die einzige Krankheitsgruppe, die zwischen 1994 und 2008 (von einem niedrigen Niveau ausgehend) einen absoluten Zuwachs an Fehlzeiten je Beschäftigtem verzeichnete.

Arbeitsunfälle seit 1970 um etwa 40 Prozent geringer

Die langfristigen Trends in der Arbeitswelt zeigen sich auch an der Entwicklung der Arbeitsunfälle. Verglichen mit den 1970er-Jahren ist die Unfallquote der unselbständig Beschäftigten in Österreich heute um etwa 40 Prozent geringer. Im Jahr 2008 entfielen statistisch gesehen auf 10.000 Versicherte 453 anerkannte Arbeitsunfälle, knapp zehn Prozent davon waren Wegunfälle. Allerdings geht der Rückgang der Unfallrate auf die Entwicklung bis auf das Jahr 2000 zurück, seitdem unterlag die Quote einigen Schwankungen, ohne dass sich dabei ein klarer Trend herausbildete. Unter den Versicherten der AUVA gab es 1975 noch 553 tödliche Unfälle am Arbeitsplatz, 1980 waren es 434, 1990 317. Auch die tödlichen Unfälle verzeichneten in der zweiten Hälfte der 1990er-Jahre einen sehr starken Rückgang, von 304 im Jahr 1995 auf 220 im Jahr 2000. In den jüngsten Jahren hat sich dieser positive Trend, wenn auch in verlangsamter Form, fortgesetzt: für 2008 weist die Statistik der AUVA 193 tödliche Unfälle am Arbeitsplatz aus.

Verbesserte Arbeitnehmer-/Arbeitnehmerinnenschutzbestimmungen, die auch durch den EU-Beitritt vorangetrieben wurden, sowie der technologische Wandel und Präventivmaßnahmen der Unternehmen haben sicher gemeinsam dazu beigetragen, das Unfallrisiko der bestehenden Arbeitsplätze zu senken.

Die Wahrscheinlichkeit eines Unfalls am Arbeitsplatz ist bei Jugendlichen wesentlich ausgeprägter als bei älteren Arbeitskräften. Das Unfallrisiko in der Alterskohorte der unter 20-Jährigen, das 2008 mehr als doppelt so hoch war wie im Durchschnitt aller Beschäftigten, konnte seit Mitte der 1990er-Jahre nur geringfügig reduziert werden.

Große Unterschiede in der Unfallhäufigkeit lassen sich auch in einer Betrachtung nach Branchen feststellen. Der landwirtschaftliche Sektor und der Bergbau haben weiter- hin das höchste Arbeitsunfallrisiko. Unter den beschäftigungsstarken Branchen weist das Bauwesen traditionell die höchsten Unfallraten aus. Im Jahr 2008 lag die Unfallhäufigkeit in diesem Bereich doppelt so hoch wie im Durchschnitt, fast ein Fünftel aller Arbeitsunfälle ereignete sich im Bauwesen.

Krankenstandsepisoden werden immer kürzer

Hinsichtlich der durchschnittlichen Dauer der Krankenstandsepisoden setzt sich der Trend zu einer Verkürzung der Fälle ungebrochen fort, was vor allem auf die Zunahme der Kurzkrankenstände (Krankenstände von bis zu drei Tagen) zurückzuführen ist. Kurzkrankenstände stellen nunmehr rund 30 Prozent aller erfassten Krankenstandsfälle dar, wobei nach wie vor von einer Untererfassung in der Statistik auszugehen ist. Lange Krankenstandsepisoden sind entsprechend selten − knapp 16 Prozent aller Fälle dauern länger als zwei Wochen. Dennoch verursacht diese vergleichsweise geringe Anzahl an Krankenstandsepisoden einen erheblichen Teil der Fehlzeiten (rund 60 Prozent), während Kurzkrankenstände für die Krankenstandsquote eine untergeordnete Rolle spielen (knapp 6 Prozent). Rund ein Fünftel aller Krankenstandstage geht auf das eine Prozent von Fällen zurück, die 99 und mehr Tage dauern.

Ältere Arbeitskräfte treten zwar seltener einen Krankenstand an als die Jungen, sie sind jedoch überproportional oft von langen Krankenstandsfällen betroffen. Das führt auch dazu, dass die Krankenstandsquote der über 50-Jährigen deutlich höher ist als jene der restlichen Altersgruppen.

Der Krankenstand variiert erheblich im Zusammenhang mit der beruflichen Stellung der Beschäftigten. Die Bereiche Sachgütererzeugung und Bauwesen weisen die höchsten Krankenstandsquoten aus, während im Dienstleistungssektor die Häufigkeit von Fehlzeiten niedriger ist. Dabei fallen im „Fehlzeitenreport 2009“ auch andere Berufsgruppen als häufiger krank auf. So zum Beispiel die Beamten, die laut WIFO auf eine um etwa zehn Prozent höhere Krankenstandsquote kommen als Nichtstaatsdiener. Aber es gibt auch regionale Unterschiede: Salzburg ist das Bundesland mit den geringsten Fehlzeiten, 2008 waren dort die Beschäftigten im Schnitt nur 9,9 Tage im Jahr krank. Die niederösterreichische und die oberösterreichische Gebietskrankenkasse verzeichneten mit respektive 14,1 und 13,6 Tagen die höchsten Krankenstände.

Krankheitsbedingte Fehlzeiten sind auch nicht gleichmäßig auf das Jahr verteilt. Die Wintermonate zu Beginn des Jahres sind naturgemäß jene mit den höchsten Krankenstandszugängen und -beständen. Der häufigste Beginn des Krankenstands ist naturgemäß der Montag. Wäh-rend jedoch im Durchschnitt jeder fünfte Krankenstand an einem Dienstag beginnt, wird der Freitag nur in jedem zehnten Fall als der Wochentag angegeben, an dem der Krankenstand begonnen hat. Der unterproportionale Anteil an Krankmeldungen am Freitag signalisiert, dass viele Arbeitnehmer im Fall von Krankheitsbeginn kurz vor dem Wochenende dazu tendieren, mit dem Arztbesuch bis Montag zu warten.

In Österreich ist der Sonntag, mit gut einem Viertel der Fälle, jener Wochentag, an dem der höchste Anteil an Krankenstandsepisoden beendet wird. Dies ist schwer nachvollziehbar, da nicht jeder Beinbruch, jeder grippale Infekt, jede Blinddarmoperationsnachbehandlung etc. immer an einem Freitag bzw. Sonntag endet – hier entgeht der Wirtschaft mehr als am „blauen Montag“.

Arbeitslose melden sich fast doppelt so häufig krank

Eine Entwicklung der vergangenen 20 Jahre ist aber dramatisch, fällt damit sofort auf und ihr ist ein Großteil im Fehlzeitenreport gewidmet: Während Beschäftigte heute weniger oft krank sind als 1990 (die Quote sank von 4,2 auf 3,4 Prozent), melden sich Arbeitslose heute fast doppelt so oft krank wie damals – die Quote stieg von 4,7 auf 8,9 Prozent), wobei Schulungsteilnehmer wegen ihrer Krankmeldungen besonders auffallen. Missbrauch ist dabei nicht auszuschließen, denn immerhin verlängert Krankengeld den Arbeitslosengeldbezug. Der Studienautor erklärt sich die vielen Krankenstandstage so: Früher wurde Krankheit während der Arbeitslosigkeit nicht gemeldet, weil es keine Notwendigkeit dafür gab – heute dagegen sind Arbeitslose durch Schulungen und andere aktivierende Maßnahmen zur Meldung gezwungen. Jedoch entspricht dieser Wert auf jeden Fall 32,5 Krankenstandstagen im Jahr, und er liegt um 5,5 Prozentpunkte oder 20 Tage im Jahr höher als der Vergleichswert für die Berufstätigen.

Hier wäre die Politik gefordert, damit Prävention und Gesundheitsförderung auch oder gerade bei dieser Gruppe der Bevölkerung eingeführt werden. Denn gesundheitliches Wohlbefinden stellt die wichtigste Voraussetzung für Beschäftigung und Arbeitsmarktintegration dar.

Von Dr. Stefan A. Bayer, Ärzte Woche 24 /2010

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Mehr zum Thema

<< Seite 1 >>

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben