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Fotos: DOC ON BOARD
Üben für den Ernstfall im Flugzeug. Wenn ein Baby Hilfe braucht, sollten auch nicht in der Pädiatrie tätige Mediziner helfen können.

Wenig Platz im engen Flugzeug für die Hilfeleistung: Fallsimulationen werden in fixen und beweglichen Kabinensimulatoren geübt.

Wenn die Evakuation aus dem Flugzeug rasch gehen soll, heißt es, kühlen Kopf bewahren. Für den „Doc on Board“ gilt das umso mehr.

Ditching: Richtig handeln und behandeln nach einer Notwasserung.

„Ihre Schwimmwesten befinden sich unter Ihrem Sitz ...“. Und dann?

Boarding der Rettungsinsel. Wie reanimiert man dort einen Patienten?

 
Allgemeinmedizin 11. Mai 2010

„Ist ein Arzt an Bord?“

Gut vorbereitet, birgt der Notfall im Flugzeug für Mediziner keinen Anlass, sich davor zu ängstigen.

Milliarden Flugpassagiere werden weltweit jährlich gezählt. Mag die Wirtschaftskrise auch dem Flugverkehr einen Einbruch beschert und die Aschewolke aus Island für eine kurzfristige Sperre des europäischen Luftraums gesorgt haben, insgesamt nimmt der Flugverkehr weiter zu. Zudem steigt die Zahl der älteren Flugpassagiere mit all ihren Beschwerden und Krankheiten.

Was tut der Arzt, wenn die Flugbegleiter fragen: „Ist ein Arzt an Bord“? Böse Zungen behaupten, dass derjenige, der sich bei dieser Frage am tiefsten in den Sessel duckt, der Arzt sei. Angst davor, das Falsche zu tun und sich bloßzustellen, Angst vor den ungewohnten oder gar unbekannten Medikamenten, die ihm zur Verfügung stehen, Angst vor den rechtlichen Konsequenzen, falls etwas schief gehen sollte, hindern vielleicht den einen oder anderen Mediziner daran, sich zu melden, doch diese Ängste können entkräftet werden.

„Doc On Board“ heißt ein österreichisches Projekt, das in Zusammenarbeit mit der Austrian Airlines Ärzte auf eine Notsituation in einem Flieger vorbereitet. Nicht nur anhand der neuesten Erkenntnisse in der Notfallmedizin, sondern außerdem in jenem Trainingscenter der AUA, in der auch Flugbegleiter ihren Beruf erlernen, und ergänzt durch Vorträge. „Doc On Board“ wurde im Jahre 2004 von Dr. Joachim Huber und Dr. David Gabriel gegründet und wird seit 2008 in Zusammenarbeit mit Austrian Airlines und Miles & More durchgeführt.

Helfen ist Pflicht!

Diese rechtliche Situation ist im Grunde einfach: Egal, in welcher Fluglinie und über welchem Land sich der Flug befindet, in dem gerade ein medizinischer Notfall eintritt, es gilt immer das „Recht des guten Samariters“. Dieses schützt einen Helfer vor Klagen, wenn er erstens nicht fahrlässig handelt und zweitens unentgeltlich. Mit anderen Worten: Wer nach bestem Wissen und Gewissen hilft und weder Geld noch Geschenke vom Patienten oder dessen Angehörigen annimmt, der ist vor Schadensersatz geschützt, selbst wenn bei der Behandlung etwas schief geht. Dazu kommen die entsprechenden Versicherungen der Fluggesellschaften, zu denen diese aufgrund internationaler Abkommen verpflichtet sind. Auch von den Fluggesellschaften darf der helfende Arzt übrigens nicht viel annehmen: Der Gegenwert der „Dankesbezeugungen“ der Airline darf nur „den entgangenen Komfort“ begleichen und in der Praxis den Wert des Tickets nicht übersteigen. Umgekehrt ist unterlassene Hilfeleistung erstens ethisch verwerflich und zweitens nicht nur in Österreich strafbar, und dabei werden naturgemäß an Ärztinnen und Ärzte strengere Maßstäbe angelegt als an Laienhelfer.

Unbekanntes Umfeld

Freilich besteht selbst für notfallgeübte Ärzte ein Unterschied, ob auf sicherem Boden mit vertrautem Arztkoffer und Medikamenten gearbeitet wird oder in 10.000 Meter Höhe mit geringerem Luft- und Sauerstoffdruck und einem unbekannten Ärztekit unter sehr beengten Verhältnissen. Deswegen zahlt sich der „Doc on Board“-Kurs – abgesehen von den zahlreichen Flugmeilen und DFP-Punkten für die Absolventen sowie der Anrechnung als Notfall-Refresher – auf jeden Fall aus, denn hier wird eben genau unter jenen Bedingungen geübt, die in einem Flugzeug vorherrschen. Die Wiederbelebung, die Bergung des Patienten aus dem Sitz, alle kritischen Situationen werden in echtem Setting geübt, im Inneren eines Flugzeugs eben und in jenem Simulator, der zusätzlich auch Turbulenzen imitieren kann. Das Ditching-Training, bei dem die Situation des Notwasserns geübt wird, erfolgt als zusätzlicher Kurs in einem Schwimmbecken mit einem Originalrettungsraft – inklusive der Probleme beim Anlegen der Schwimmwesten oder beim Erklettern des Rettungsrafts.Auch Informationen, wer im Fall des Falles welche Entscheidungsgewalt hat, werden gegeben. Eine ungeplante Zwischenlandung anzuordnen, ist nicht Sache und liegt nicht in der Verantwortung des Arztes. Der Pilot des Flugzeugs wird ihn um seine Meinung und Einschätzung fragen, aber nur der Kapitän kann die Entscheidung treffen und muss sie im Fall des Falles auch verantworten.

Laut einer Studie von Mathony (anlässlich des 21. International Aircraft Cabin Safety Symposiums im Februar 2004, Vancouver, Kanada) treten ernste medizinische Ereignisse mit einer Häufigkeit von 1 : 44.000, funktionelle Zwischenfälle sogar mit 1 : 5.000 auf.

Eine Untersuchung der Universität Bochum1 gibt für 2007 rund zwölf medizinische Zwischenfälle pro Milliarde Passagierkilometer* an. Von diesen waren Synkopen mit 53,5 Prozent die bei weitem häufigsten, gefolgt von gastrointestinalen Beschwerden mit 9,3 Prozent. Jeweils etwa vier bis fünf Prozent entfallen auf generalisierten Schmerz, Flugangst/Randalieren und kardiale Beschwerden. Die Studie hatte allerdings den Nachteil, dass von 32 europäischen Fluglinien nur zwei imstande waren, Daten in ausreichender Qualität zur Auswertung zu liefern. 0,5 Prozent der Fälle endeten tödlich. Flugbegleiter erklären das nicht zuletzt damit, dass viele im Ausland lebende Menschen gegen Ende ihres Lebens zum Sterben in ihre ursprüngliche Heimat fliegen wollen – und manche eben nicht mehr ankommen. Geburten kommen so gut wie gar nicht vor.

Der fremde Notfallkoffer

Auf den meisten Flügen steht für medizinische Notfälle ein Erste-Hilfe-Kit, in vielen Fällen auch ein „Doctor’s Kit“ zur Verfügung. Letzteres bietet üblicherweise zusätzlich eine Reihe gängiger Medikamente zur i.v.- oder i.m.-Verabreichung, Venflons, Ambu-Beutel und Intubations- sowie Nähbesteck. Allerdings gibt es keine einheitlichen Regelungen, was in einem Doctor’s Kit zu sein hat hat und wann es mitgeführt werden muss. Die Grundregel ist dennoch einfach: Wenn das Medikament nicht vertraut ist, verwendet man es einfach nicht. Was im Koffer der AUA ist (der Lufthansa-Koffer ist ähnlich), kann auch beim „Doc-on-Board“-Kurs genau unter die Lupe genommen werden. Weiters werden etwa Schulungen in Feuerbekämpfung an Bord oder Deeskalation und Handling aggressiver Patienten geboten. Diese richten sich freilich nicht nur an Ärzte, sondern auch an Flugbegleiter und Polizisten.

Womit wir beim nächsten Vorteil dieser Kurse wären: Sie sind interdisziplinär. Nicht nur bezogen auf Mediziner, es sind eben auch Sicherheitskräfte, Juristen, Flugbegleiter und andere Berufsgruppen als Lehrende und/oder Lernende dabei und vermitteln ihre Erfahrungen. Dabei erfolgt der Unterricht in sehr angenehmer Atmosphäre, die Übungen in Kleingruppen und durchwegs mit Einbindung der „Schüler“, Fragen sind jederzeit möglich. Allerdings dauert der Kurs auch zwei volle Tage und das Wissen wird am Ende abgeprüft.

Neues Service: Sicher reisen

Für alle, die aus medizinischen Gründen Probleme mit dem Fliegen haben, bietet „Doc on Board“ ein neues Service: Einerseits eine Prüfung der Reisetauglichkeit, andererseits begleiten speziell geschulte Ärzte die Patienten oder Gruppen.

 

 Weitere Informationen über Kurse für Ärzte und das Sicher-Reisen-Programm unter

www.doc-on-board.com.

 

Nächste Kurse:

21. Mai 2010 – Ditching

12. Juni 2010 – Doc Under Pressure

25. bis 27. Juni 2010 – Workshop

10. bis 12. September 2010 – Workshop

 

* Passagierkilometer, engl. revenue passenger kilometres, Abk. rpk, ist ein gängiges Maß im Transportwesen und wird aus der Zahl der Passagier mal den von ihnen zurückgelegten Kilometern berechnet. Ein Flugzeug mit 100 Passagieren von Wien nach Rom legt rund 100 x 1.000 = 100.000 rpk zurück.

 

1 Sand, M. et al.: Critical Care 2009; 13:R3. doi:10.1186/cc7690

Von Livia Rohrmoser, Ärzte Woche 19 /2010

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