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Der Trend von der industrialisierten zur Dienstleistungsgesellschaft bringt einen Übergang von körperlicher zu psychischer Belastung mit sich. In einigen Bereichen kann man heute sogar von psychischer Schwerstarbeit am Telefon sprechen.

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Ethik in der Arbeitsmedizin: Orientierungshilfe in ethischen Spannungsfeldern Baur, X.; Letzel, S.; Nowak, D. 224 Seiten, € 30,80 ecomed, 2009 ISBN 9783609105741 Das Buch macht die Spannung deutlich, denen arbeitsmedizinisch Tätige ausgesetzt sind. Die Beiträge aus den unterschiedlichen Perspektiven bringen die Interessensverflechtungen und -gegensätze auf den Punkt, die es für Arbeitsmediziner in ihrer „Sandwich“-Position zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern, Sozialbehörden und Betroffenen, Interessengruppen, in den verschiedenen Gremien gibt.

 
Allgemeinmedizin 27. April 2010

Arbeit im Wandel

Statt Hackeln ist Schuften angesagt -   Überlegungen zur Arbeitsmedizin anlässlich des „Tags der Arbeit“ am 1. Mai.

Der Wert und die Bedeutung der Arbeit haben sich in den vergangenen Jahrzehnten deutlich gewandelt. Viele Menschen arbeiten heute in erster Linie, um sich und die Familie ernähren zu können. Doch aus arbeitsmedizinischer und auch arbeitspsychologischer Sicht sollte das Ziel der Arbeit nicht nur der Gelderwerb sein. Denn Arbeit hat nicht nur einen materiellen, sondern auch einen psycho-sozialen Zweck. Der Mangel an Arbeit macht uns wieder bewusst, wie sehr wir sie um unserer selbst willen benötigen. Sich mit seiner eigenen Leistung für andere nützlich machen zu können, bedeutet für den Menschen auch Sinnstiftung für das eigene Leben.

 

Erwerbsarbeit war in früherer Zeit nicht nur Grundlage für materiellen Wohlstand, sondern auch für Selbstentfaltung und gesellschaftliches Prestige. Folglich befand sie sich in der Hierarchie der wichtigsten Lebensbereiche lange Zeit ganz oben. Heute zeigt das Eurobarometer der Europäischen Kommission eine ambivalente Einstellung der Europäer zur Erwerbsarbeit: Auf der einen Seite ist sie für Europäer nach wie vor unverzichtbar – über nichts sorgen sich die Menschen in der Europäischen Union so sehr wie über den möglichen Verlust ihres Arbeitsplatzes –, auf der anderen Seite zählt Erwerbsarbeit heute für die meisten Europäer nicht mehr ausschließlich zu den wichtigsten Lebensbereichen. Die Freizeit etwa ist der Mehrheit der Europäer mittlerweile ebenso wichtig wie die Arbeit.

Arbeitslosigkeit und Krankheit

Dennoch zeigen viele Studienergebnisse, dass Arbeitslosigkeit nicht nur Stress, Depressionen und das negative Gesundheitsempfinden steigert, sondern dass sie auch körperliche Beschwerden wie Bluthochdruck und Herz-Kreislauferkrankungen hervorruft sowie gesundheitsgefährdende Verhaltensweisen verstärkt. Nach einer Studie der Europäischen Kommission bestehen in fast allen EU-Ländern und den USA signifikante Zusammenhänge zwischen Arbeitslosigkeit und den allgemeinen Mortalitätsraten, der Herz-Kreislauf-Mortalität und der Selbstmordrate.

Auch bei der Zufriedenheit mit ihrem eigenen Leben haben Arbeitslose weit niedrigere Werte als Menschen, die im Erwerbsleben stehen. Elf Prozent der Arbeitslosen bezeichnen sich als sehr oder ziemlich unzufrieden, bei den Erwerbstätigen sind dies nur ein Prozent. Von den Arbeitslosen zeigen sich 16 Prozent als eher unzufrieden mit ihrem Leben, bei den Erwerbstätigen sind es nur zwei Prozent.

Isolation und Geldknappheit

Die Ursache für die Beeinträchtigung der Gesundheit durch Arbeitslosigkeit liegt einerseits im psychischen Bereich, wie zum Beispiel dem Verlust des Selbstwertgefühls, dem Verlust an Sinnfindung, dem Entstehen von Isolationsgefühlen, Depressionen und Stress. Andererseits führt die schlechtere finanzielle Situation in der Arbeitslosigkeit häufig zu Armut beziehungsweise Armutsgefährdung. Dies geht wiederum häufig mit Faktoren wie minderer Ernährung und schlechter Wohnsituation einher, was weiter zu einer Verschlechterung der gesundheitlichen Situation führen kann – ein circulus vitiosus! Von dieser Problematik sind insbesondere Langzeitarbeitslose betroffen.

Neue Form der Arbeit erfordert lebenslanges Lernen

Die Arbeitswelt befindet sich seit den letzten Jahren in starkem Wandel. Während 1950 noch der Großteil der Beschäftigten im Industriesektor tätig war, arbeiten heute zwei Drittel aller Beschäftigten im Dienstleistungsbereich. Aufgrund der stetigen Technisierung wird der Dienstleistungssektor weiter anwachsen. Der Trend zur Dienstleistungsgesellschaft bringt einen Übergang von körperlicher zu psychischer Belastung mit sich. In einigen Bereichen (Pflegebereich, Call-Center etc.) kann man heute sogar von psychischer Schwerstarbeit sprechen.

Die zu Beginn der 1980er-Jahre ausgesprochene Hoffnung, dass die Ausdehnung des Dienstleistungsbereichs die im industriellen Sektor durch Rationalisierungsprozesse freigesetzten Arbeitskräfte aufnehmen könne, hat sich kaum erfüllt. Bewahrheitet hat sich jedoch die Vorstellung, dass die rasante Entwicklung von Arbeit als informationstechnisch gestützte Tätigkeit einen tief greifenden Strukturwandel herbeiführt, der alle Sektoren über kurz oder lang durchdringt.

Der Arbeitnehmer von morgen wird noch flexibler arbeiten als heute – selbstständiger, aber auch selbstverantwortlicher. Er wird in wechselnden Teams, wechselnden Projekten und für wechselnde Arbeitgeber tätig sein. Das Büro wird nicht mehr das „zweite Zuhause“ sein – sondern umgekehrt: Dank schnellem und günstigem Breitband-Internet und Mobilfunk wird das Zuhause zum Büro. Multitasking wird zum Normalfall, ständige Anwesenheit im Büro die Ausnahme.

Arbeitsplatz und -ort, möglicherweise sogar das Berufsprofil mehrfach im Lauf des Lebens zu wechseln, wird für die meisten Beschäftigten künftig eher zur Regel. Phasen von Erwerbstätigkeit werden von solchen vorübergehender Erwerbslosigkeit – gegebenenfalls für Fortbildung – unterbrochen. Know-how und Qualifikationsniveau erneuern sich zudem immer rascher, damit wird das lebenslange Lernen immer mehr zur Notwendigkeit.

Auch die Arbeitsmedizin hat sich gewandelt

Der Wandel von der Industriegesellschaft zur Wissens- und Informationsgesellschaft hat auch Konsequenzen für den Arbeits- und Gesundheitsschutz und damit für die Arbeitsmedizin. Die klassischen Fragestellungen wie Unfälle, Gefahrstoffe, Lärm, Heben und Tragen oder Berufskrankheiten spielen zwar weiterhin eine wichtige Rolle, doch haben Belastungsverschiebungen stattgefunden.

Ziel der Arbeitsmedizin war immer, mit dem Einsatz des entsprechenden Fachwissens und der entsprechenden Mittel die Gesundheit und Leistungsfähigkeit der Mitarbeiter zu erhalten und zu fördern. Der technische Arbeitsschutz ist in den vergangenen Jahrzehnten weitgehend erfüllt worden. Die Zahl der tödlich verlaufenen Berufsschadensfälle (Arbeitsunfälle bzw. Berufskrankheiten) geht seit Jahren kontinuierlich zurück. Waren es laut Jahresbericht 2008 der AUVA im Jahr 1985 noch 16 tödlich verlaufene Schadensfälle auf 100.000 Versicherte, so sind es aktuell nur mehr sechs pro 100.000. Auch die Zahl der anerkannten Berufskrankheiten ist – mit Ausnahme der Lärmschwerhörigkeit – stetig im Sinken begriffen.

Seelisches Ungleichgewicht

Alarmierend ist jedoch, dass sich seit dem Jahr 2005 die Anzahl der Krankenstandstage aufgrund psycho-mentaler Beschwerden verdoppelt hat. Die Neuzugänge bei den krankheitsbedingten Frühpensionen aufgrund psychischer Erkrankungen bei Frauen haben sich sogar verdreifacht! Dazu kommt, dass ein „normaler“ Krankenstand im Durchschnitt elf Tage dauert, psychische Probleme setzen die Betroffenen jedoch dreimal so lange außer Gefecht.

Körperliche Belastungen am Arbeitsplatz treten also zurück, psycho-mentale Belastungen nehmen zu, ebenso umwelt- und sozialmedizinische Fragestellungen. Untersuchungen wegen Grenzwertüberschreitungen werden durch neue Untersuchungen mit höherem Beratungsaufwand abgelöst. Der Arbeitsmediziner als Begleiter des Beschäftigten im Erwerbsleben berät diesen präventiv und rehabilitativ, aber auch bei der modernen Arbeitsplatzgestaltung.

Für Arbeitnehmer und Wirtschaft

Aufgabe der Arbeitsmedizin ist, beim Aufbau und der Stärkung von Ressourcen mitzuwirken. Eine erneuerte und zukunftsträchtige Arbeitsmedizin kann somit ein hohes Maß an gesunden Beschäftigten garantieren. Dabei spielen neue Technologien und Produktionsverfahren, die Globalisierung des Erwerbslebens, die Zunahme internationaler Kooperationen, die Erfordernis lebenslangen Lernens, die Zunahme des Dienstleistungssektors, die Veränderung der Altersstruktur der Beschäftigten, Veränderungen der Arbeitszeiten, die stärkere Verflechtung von Arbeit und Nichtarbeit (bzw. eine Zunahme von temporärer Projektarbeit, Teilzeitarbeit, Heimarbeit, Telearbeit, Arbeitslosigkeit), der Rückgang traditioneller „lebenslanger“ Beschäftigungsverhältnisse sowie die Verlängerung der Lebensarbeitszeit eine wichtige Rolle. Die Arbeitsmedizin trägt zur Stabilisierung und Stärkung der Wirtschaft im internationalen Wettbewerb bei – zum Wohle der Wirtschaft und der Beschäftigten.

Moderne Ausbildung für neue Anforderungen

Auch die Ausbildung der Arbeitsmediziner trägt diesem Wandel Rechnung. Die Österreichische Akademie für Arbeitsmedizin in Klosterneuburg – die einzige qualitätszertifizierte Ausbildungsstelle in Österreich – hat den arbeitsmedizinischen Grundlagenlehrgang inhaltlich und didaktisch neu konzipiert und den Herausforderungen angepasst. Neben einer verstärkten Berücksichtigung psycho-mentaler Anforderungen wird großes Gewicht auf Prozessorientierung gelegt, um die Umsetzungskompetenz der Absolventen zu erhöhen. Im Zentrum der Ausbildung stehen daher zwei wesentliche Ziele: Die erforderlichen Theorieinhalte (Wissenskompetenz) zur Verfügung zu stellen sowie das Wissen anhand konkreter Beispiele zu üben und anzuwenden (Handlungskompetenz). Nur wenn beide Kompetenzen miteinander verknüpft werden, ist die Umsetzung der gelernten Inhalte in der betrieblichen Praxis und damit eine qualitativ hochwertige und effektive Arbeit als Arbeitsmediziner möglich.

 

 Weiterführende Links: www.aam.at

 

Dr. Stefan Bayer ist Präsident der Österreichischen Akademie für Arbeitsmedizin mit Sitz in Klosterneuburg.

Von Dr. Stefan A. Bayer, Ärzte Woche 17/2010

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