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Allgemeinmedizin 27. April 2010

Ein Risikorechner für die Praxis

Mithilfe einfacher Parameter kann die Thrombosegefahr bestimmt werden.

Eine Thrombose kommt nicht immer allein – das Risiko, nach einer tiefen Beinvenenthrombose oder Lungenembolie ein mitunter tödliches Rezidiv zu erleiden, ist beträchtlich. Das gilt umso mehr, wenn das Erstereignis spontan, ohne Vorliegen prädisponierender Faktoren – rezenter chirurgischer Eingriff, Einnahme von Hormonen oder Gerinnungsstörung – aufgetreten ist. Das „Vienna Prediction Model“ erlaubt erstmalig eine Risikoabwägung anhand einfacher Parameter und könnte die Entscheidung über eine Antikoagulation künftig beeinflussen.

 

Tiefe Beinvenenthrombose und Lungenembolie werden unter dem Sammelbegriff VTE – Venöse Thromboembolie zusammengefasst und stellen ein häufiges Ereignis im klinischen Alltag dar. Das Rezidivrisiko nach einer VTE ist hoch, sodass praktisch allen Betroffenen eine prophylaktische Antikoagulation über einen Zeitraum zwischen drei und zwölf Monaten angeboten wird. Kommt es nach Abschluss dieser Prophylaxe zu einem neuerlichen Ereignis, ist eine lebenslange Antikoagulation indiziert. Genau dieses Risiko stand im Mittelpunkt eines ambitionierten Wiener Forschungsprojektes: Knapp 1.000 Patienten mit erstmaliger spontaner VTE wurden zehn Jahre nach Absetzen der Antikoagulation observiert. Durch prädisponierende Faktoren provozierte Embolien und Thrombosen waren ein Ausschlusskriterium. Die Fragestellung der – ohne Unterstützung der Pharmaindustrie finanzierten – Studie berührt ein gravierendes medizinisches Problem: Zwischen einem Drittel und einem Viertel aller Personen mit spontaner VTE erleidet in den ersten fünf Jahren nach Absetzen der Antikoagulation eine neuerliche Thrombose oder Embolie.

Identifikation besonders gefährdeter Personen

Die prospektive Arbeit von Eichinger et al. schloss eine Vielzahl von Parametern ein. Faktoren, deren Einfluss auf das Rezidivrisiko bei Studienbeginn oftmals noch unbekannt war. So stellte sich etwa das Alter eines Patienten für die Wahrscheinlichkeit eines Zweitereignisses als weitgehend unerheblich dar, während das Geschlecht einen bedeutenden Einfluss hatte: Männer zeigten ein knapp doppelt so hohes Rezidivrisiko wie Frauen. Ein weiterer starker Prädiktor war die Lokalisation der Thrombose. Während Lungenembolien und proximale Thrombosen eine deutliche Rezidivneigung zeigten, war die Gefahr eines Zweitereignisses nach einer distalen Beinvenenthrombose geringer. Ebenfalls relevant waren die Laborparameter D-Dimer und Thrombin.

Praxisrelevanz statt unübersichtlicher Scores

Aus der Fülle der erhobenen Daten konnte durch aufwändige Biostatistik ein übersichtliches Rechenmodell generiert werden: Mit nur drei Angaben kann das Rezidivrisiko eines Patienten nach einem bzw. fünf Jahren abgeschätzt werden: Geschlecht, Lokalisiation der Thrombose und D-Dimer. Von übersichtlichen, ohne besonderen Aufwand anwendbaren Scores profitiert der Kliniker. Umso mehr, als die Fragen rund um die Antikoagulation nach VTE alles andere als mit letzter Gültigkeit beantwortet sind. Zwar konnte mit einer Prophylaxe über sechs Monate nach dem Erstereignis ein vertretbarer Kompromiss in den Guidelines gefunden werden, doch verstummen die Forderungen nach noch mehr Schutz nach einer VTE nicht. Das „Vienna Prediction Model“ könnte bei der Risikoabschätzung in der Praxis helfen und besonders gefährdete Personen identifizieren. Der einfache Test kennt vier mögliche Antworten: Geringes Risiko – Intermediär geringes Risiko – Intermediär hohes Risiko – Hohes Risiko. Der Risikorechner ist online, aber auch als Rechenmodell verfügbar.

Interview mit Prof. Dr. Paul Kyrle

Link zum Risk Calculator - HTML File (4 KB)

Von Dr. Alexander Lindemeier, Ärzte Woche 17/2010

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