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Allgemeinmedizin 21. April 2010

Schmerz, lass nach!

Der schnelle Griff in die Hausapotheke ist nicht unbedingt die beste Lösung.

Am 16. April wurden bei der Fachtagung „Schmerz interdisziplinär“ im Wiener Rathaus verschiedene Konzepte der Schmerztherapie diskutiert. Bei einer Pressekonferenz vorab sprachen Experten unter anderem über die diabetische Neuropathie und den unkontrollierten Umgang mit Schmerzmitteln.

Die bei Diabetikern erhöhten Blutzuckerspiegel schädigen auch die Nerven. „Das kann interessanterweise zu zwei vollkommen konträren Symptomen führen – dem Verlust von Empfindungen oder dem Auftreten von Symptomen ohne äußere Reize“, erklärte Prof. Dr. Martin Bischof, Ärztlicher Direktor des Krankenhauses St. Elisabeth in Wien. Im zweiten Fall der diabetischen Neuropathie leiten die Nerven Impulse weiter, die gar nicht vorhanden sind. „Diese Reize werden dann als Missempfindungen oder Schmerzen wahrgenommen. Und von den 400.000 Diabetikern, die es in Österreich wahrscheinlich gibt, zeigt etwa ein Drittel derartige Symptome“, so Bischof.

Jahre bis zur Diagnose

Die Patienten klagen dann über Brennen, Kribbeln, „Ameisenlaufen“ oder auch quälende, bohrende Schmerzen, die sich besonders in den Extremitäten manifestieren. In weiterer Folge können auch Schlafstörungen und Depressionen den Schmerzen folgen – die Arbeits- und Leistungsfähigkeit der Betroffenen ist dann ebenso eingeschränkt wie ihre Lebensqualität. In diesem Zusammenhang sei besonders problematisch, dass die geäußerten Beschwerden der Patienten von den behandelnden Ärzten häufig nicht mit Diabetes in Verbindung gebracht würden. „Es dauert oft viele Monate und Jahre, ehe die richtige Diagnose einer diabetischen Neuropathie gestellt wird“, zeigte sich Bischof erstaunt und empfahl eine kurze klinische Untersuchung der Füße mit einem einfachen Fragetest zur weitgehenden Absicherung der Diagnose.

„Da das Gewebe selbst nicht beschädigt ist, sind ‚normale‘ Schmerzmedikamente bei Diabetikern mit neuropathischen Schmerzen wirkungslos. In den letzten Jahren sind aber zahlreiche Medikamente auf den Markt gekommen, die spezifisch für diese Indikation zugelassen sind. Bei den meisten Patienten lassen sich die Symptome dadurch auch wesentlich verbessern“, so Bischof. Die Behandlung ist dabei immer langfristig. Aber auch mit der richtigen Therapie sind die Symptome fast nie vollständig zum Verschwinden zu bringen. Von einem guten Therapieerfolg wird deshalb gesprochen, wenn die Symptome um mehr als 50 Prozent abnehmen. Bischof: „Von der Hälfte der Patienten kann dieses Ziel auch erreicht werden.“

Unerwünschte Nebenwirkungen

Während Ärzte und Apotheker sehr gut kooperieren und es selten unterlassen wird, Patienten mit Aushändigung der Medikamente – sofern diese von einem Arzt verordnet wurden – über mögliche unerwünschte Nebenwirkungen aufzuklären, unterbleibt diese Information oft bei den OTC-Präparaten, die ohne Verschreibung erhältlich sind. Diese Präparate werden hinsichtlich ihrer Nebenwirkungen unterschätzt. Prof. Dr. Wilfried Ilias, Leiter der Abteilung für Anästhesiologie und Intensivmedizin, Krankenhaus der Barmherzigen Brüder Wien, dazu: „Interessant ist, dass die Opioide, die bezüglich der Organtoxizität die gutmütigsten Medikamente sind, die wir auf dem Markt haben, hinsichtlich ihrer unerwünschten Nebenwirkungen und körperlichen Gefahr bei weitem überschätzt werden. Gleichzeitig werden die sogenannten banalen Schmerzmittel in ihrer Nebenwirkung bei weitem unterschätzt.“

 

Quelle: Pressegespräch anlässlich des 4. Wiener Schmerztages, 9. April 2010, Wien

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