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Foto: Herbert Käfer / PIXELIO
Für den HIV-Schnelltest ist nicht unbedingt venöses Blut vonnöten, es genügt Blut aus der Fingerkuppe.
Foto: Privat

Günter Tolar Moderator und Autor

 
Allgemeinmedizin 16. Februar 2010

HIV-Schnelltest beim Hausarzt

Frühe Diagnose und Therapie führen zu nahezu gleicher Lebenserwartung von HIV-Infizierten und Gesunden.

Wissen schützt – im Fall des eigenen HIV-Status sogar doppelt: Eine rechtzeitige Diagnose ermöglicht einen raschen Therapiebeginn und kann einer Übertragung auf den Partner zuvorkommen. Der Welt-AIDS-Tag am 1. Dezember brachte neben Besorgnis erregenden Dunkelziffern – etwa 30 Prozent aller betroffenen Menschen in Westeuropa wissen nicht, dass sie infiziert sind – auch eine erfreuliche Nachricht: Ein zuverlässiger Schnelltest ermöglicht den Nachweis einer Infektion in der Ordination und somit einen niedrigschwelligen Zugang zur HIV-Diagnostik.

 

Anlässlich des Welt-AIDS-Tages zeigten österreichische Mediziner und der Moderator Günter Tolar die Dimensionen des Problems auf: Etwa die Hälfte aller neu diagnostizierten HIV-Positiven in Österreich sind sogenannte „Late presenter“. Prim. Dr. Norbert Vetter vom Wiener Otto-Wagner-Spital brachte die Situation auf den Punkt: „Nur wer von der eigenen HIV-Infektion weiß, kann sich und andere schützen. Die heute verfügbare Hoch Aktive Anti Retrovirale Therapie – HAART – kann die Erkrankung bei frühzeitigem Beginn sehr gut kontrollieren. Diese Kombination aus mindestens drei antiretroviralen Medikamenten kann eine HIV-Infektion so stark unterdrücken, dass die Lebenserwartung kaum geschmälert wird. Sie senkt aber auch das Ansteckungsrisiko von Sexualpartnern. Voraussetzung für diese Therapie ist jedoch eine möglichst frühzeitige Diagnose.“

Viruslast unterhalb der Nachweisgrenze

Eine erfolgreiche HAART ist so wirksam, dass ein Virusnachweis mit der Standarddiagnostik nicht mehr möglich ist. Die Hemmung der Virusreplikation ermöglicht HIV-Positiven sogar, Kinder zu zeugen oder zu gebären, ohne einen HIV-negativen Partner oder das Kind zu infizieren. Vetter: „Eine Reduktion der Viruslast verringert aber in erster Linie die Krankheitsprogression von AIDS – es kommt zur Rückbildung HIV-assoziierter Symptome und zu einer langfristigen, wenngleich nicht immer vollständigen Erholung des Immunsystems. Angesichts dieser sehr positiven Entwicklungen ist ein verspäteter Therapiebeginn besonders problematisch.“ Generell wissen viele Infizierte nicht, dass sie betroffen sind. Westeuropäische Zahlen gehen von etwa 30 Prozent nicht oder viel zu spät diagnostizierter Patienten aus. In Osteuropa dürfte die Dunkelziffer deutlich höher, bei 70 Prozent, liegen.

Schnelle und verlässliche Diagnostik für die Ordination

Seit etwa einem Jahr ist der HIV-Schnelltest Determine® in medizinischen Einrichtungen zugelassen. „Es handelt sich um einen HIV-Test der vierten Generation, der sowohl HIV-Antikörper als auch das Virus selbst nachweist“, erklärte Dr. Christian Zagler, Präsidiumsmitglied der Österreichischen AIDS Gesellschaft bei der Präsentation des Schnelltests: „Neu ist, dass dieser Test nicht in einem Labor durchgeführt werden muss, sondern in der Arztpraxis angewendet werden kann. Die Aussagekraft ist mit jener des gängigen HIV-ELISA (Enzyme Linked Immuno Sorbent Assay) vergleichbar. Ein positives Ergebnis muss in jedem Fall durch eine zweite Untersuchung in einem Labor bestätigt werden.“ Die Anwendung von Determine® ist einfach: Es genügt, Blut aus der Fingerkuppe (oder venöses Blut oder Serum) auf den Teststreifen aufzutragen. Nach einer Minute erfolgt die Zugabe einer Pufferlösung. Nur 15 bis 30 Minuten später zeigt der Test ein klar ablesbares Ergebnis an. Zagler: „Der Schnelltest ist klein, ohne spezielle Lagerung haltbar und leicht zu entsorgen. Es muss kein venöses Blut abgenommen und in ein Labor geschickt werden. Das Feedback von Ärzten und Patienten war gut. Wir haben mehr als 100 niedergelassene Mediziner in der Anwendung geschult und den Schnelltest im Rahmen eines Pilotprojekts 384 Personen kostenlos angeboten – 53 Prozent haben dieses Angebot angenommen.“

Ältere HIV-Tests erlaubten erst zwölf Wochen nach einer Infektion einen sicheren Nachweis. Heutige Labortests, aber auch der neue HIV-Schnelltest Determine® verkürzen das diagnostische Fenster, also jenen Zeitraum, in dem falsch negative Ergebnisse möglich sind. Wird unmittelbar nach einer HIV-Infektion eine Untersuchung durchgeführt, so wird diese höchstwahrscheinlich negativ sein, da die Zeit für die Virusvermehrung zu knapp bemessen ist und darüber hinaus das Immunsystem mit einer Antikörperbildung noch gar nicht reagieren kann. „Die vierte Testgeneration reagiert nicht nur auf vom Immunsystem gebildete Antikörper, sondern auch auf das Virus selbst“, erklärte Zagler. Das diagnostische Fenster des Schnelltests liegt bei drei Wochen. Der Wiener Labormediziner Prof. Thomas Szekeres, Universitätsklinik Wien, relativierte: „Menschen mit einem vor kurzer Zeit vermuteten Infektionsrisiko sollten dennoch getestet werden. So kann festgehalten werden, wann bzw. ob der Betroffene zuletzt HIV-negativ war. Im Zweifelsfall muss der Test nach einigen Wochen wiederholt werden.“

Schau auf Dich!

„Im Umgang mit einer möglichen HIV-Infektion herrscht sehr viel Sorglosigkeit vor“, kritisierte Tolar. „Trotz umfangreicher Aufklärung steigt die Zahl der Neuinfektionen – auch in Österreich. Das Gebot der Stunde ist nach wie vor Safer Sex. Sollte das einmal nicht geklappt haben, ist ein Schnelltest in der Ordination für Betroffene auf jeden Fall angenehmer, als in ein weit entferntes Zentrum fahren zu müssen. Ein niedrigschwelliger Zugang beim Hausarzt trägt dazu bei, mögliche Hemmungen abzubauen. Viele Menschen haben Angst, sich testen zu lassen. Diese Tabuisierung ist dumm – schließlich geht es um eine lebenslange Infektion. Und nur wer seinen eigenen Status kennt, kann die versehentliche Ansteckung anderer verhindern.“ Einen wesentlichen Aspekt für den Anstieg der Neuinfektionen sieht Tolar in Defiziten bei der Aufklärung von Jugendlichen: „Junge Menschen müssen rechtzeitig, also noch vor dem ersten Geschlechtsverkehr, wissen, wie man sich schützt. Jugendliche sollten jedes Mal, bevor sie abends ausgehen, gesagt bekommen, dass sie auf sich schauen und sich schützen sollen. Bedenkt man die Gefährlichkeit dieser Erkrankung, sollte jeder Tag ein Welt-AIDS-Tag sein.“

Von Dr. Alexander Lindemeier, Ärzte Woche 7 /2010

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