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Allgemeinmedizin 16. Februar 2010

Die Lawinenwochen: Sind Risk & Fun zwei untrennbare Gesellen?

Uns bleibt mehr Zeit zur (gefährlichen) Freizeitgestaltung als je zuvor.

Trotz eindringlicher Lawinenwarnungen forderten die starken Schneefälle der letzten Wochen zahlreiche Todesopfer. Während der SportÄrzteWoche 2009 in Zell am See und Kaprun ging Prof. Dr. Günter Amesberger den psychologischen Aspekten des Spaß- und Risikoverhaltens nach.

 

Pointiert formuliert, kann man sagen, dass die Freizeit für zwei Hauptbeschäftigungen genutzt wird: zum einen für Ruhe, Entspannung und Erholung, zum anderen für Situationen, um den durchstrukturierten, mehr oder weniger digital und kognitiv bestimmten Alltag zu durchbrechen. Die Suche nach Erlebnis, Abenteuer und Risiko scheint ein Versuch zu sein, trance- oder flowähnliche Zustände zu erreichen, in denen man „total aufgehen“ kann. Wer allerdings glaubt, dass vor allem „wilde Haudegen“ diesen Kick suchen, der irrt.

Aber was ist Risiko-Sport? Der Bundesverband der Unfallkassen definiert: „Hierbei handelt es sich um die Wahrscheinlichkeit des Eintritts eines bestimmten Schadens.“ Nach dieser Definition zählen Ballspiele zu den risikoreichsten Sportarten. Aber auch schwere Motorradunfälle, verursacht von „sportlichen“ Motorradfahrern mit „Sportmotorrädern“, könnten dazugezählt werden. Deshalb ist eine Trennung zwischen Wagnis/Abenteuer und Gefahren/Risiken für eine differenzierte Betrachtung wichtig.

Wie schwierig es ist, Sportarten zu klassifizieren, zeigt ein einfacher Vergleich: Die Gefahr beim Klettern an Sportkletterwänden mit voller Ausrüstung unterscheidet sich fundamental von der beim Freesolo-Klettern. Somit lässt sich sagen: Gefahren und Risiken werden aus ganz unterschiedlichen Gründen eingegangen.

Beim Skilauf etwa aus Unwissenheit, aus Freude an der Bewegung oder aus Lust an der Herausforderung, wie das bei bestimmten Freerider-Aktivitäten immer wieder anzutreffen ist.

Nicht immer liegt das Risiko bei den Sportlern

Nicht immer nehmen Sportler und Sportlerinnen dabei die Sicherheitskompetenz selbst in die Hand. Beim Bungeejumping oder Raften hängt es zumeist von Dritten (Experten) ab, dass alles gut geht. „Extremsportler sind offensichtlich hin- und hergerissen zwischen innerer Unruhe und äußerer Rastlosigkeit, zwischen der Suche nach Identität und der Bereitschaft, dafür Risiken einzugehen. Sie haben eine Lebenshaltung, wie sie insbesondere für Jugendliche und junge Erwachsene charakteristisch ist, die dementsprechend im Extrembereich überrepräsentiert ist“, schreibt Opaschowski (2000) unter der Kapitelüberschrift „just for fun“.

Wer vermutet, dass es sich um „wilde Haudegen“ handelt, der irrt. Zwar sind Extremsportler überwiegend männlich, doch der Frauenanteil steigt. Sie verfügen über eine überdurchschnittliche Bildung. Das Planen und Durchführen riskanter Aktionen ist zumeist von rationalen Momenten geprägt (Allmer, 1995). In Persönlichkeitstests (16 PF) schneiden Extremsportler mit überdurchschnittlicher Intelligenz, erhöhter Aggressivität, Unabhängigkeit sowie Offenheit ab (Breivik, 1995). Freerider im Besonderen beschreiben sich als ausgesprochen extrovertiert und risikofreudig (Brennsteiner, 2007). Die tatsächlichen Unterschiede zu anderen Sportlern sind aber sehr gering. Das bedeutet, dass man aufgrund von Persönlichkeitsmerkmalen nur mit sehr niedriger Wahrscheinlichkeit (5-10%) Extremsportler von anderen Sportlern unterscheiden kann. Erhöhte Werte werden in den Dimensionen „Thrill and Adventure seeking“ (Spannung und Abenteuersuche) sowie „Experience seeking“ (erweiternde Erfahrungen durch interessante Leute, Stimulation durch Musik, Kultur, Reisen, Drogen) berichtet. Keine Unterschiede hingegen finden sich in den Dimensionen „Disinhibition Scale“ (Party, trinken, spielen, sexuelle Vielfalt) und „Boredom Susceptibility“ (Widerstand gegen wiederholende, langweilige Tätigkeiten) (Breivik, 1995).

Zu ähnlichen Ergebnissen kommt Brennsteiner (2007) am konkreten Beispiel der Ski- und Snowboard-Freerider. Im Vergleich zu „low-risk“-Sportlern weisen „high-risk“-Sportler erhöhte „sensation-seeking“-Merkmale auf. Sie verfügen über eine erhöhte physische Risikobereitschaft, während in unspezifischen Bereichen, etwa finanzielle Risikobereitschaft, keine Unterschiede zwischen beiden Gruppen bestehen.

Warum Abenteuer, Wagnis, Risiko und Grenzerfahrungen aufgesucht werden, findet viele Erklärungen: Der Ansatz von Viktor Frankl (Gründer der Logotherapie) geht davon aus, dass der Mensch nicht grundsätzlich darauf angelegt ist, Spannungen zu vermeiden. Er sucht Spannung. Gegenwärtig findet er aber zu wenig. Daher schafft er sie sich.

„Ich habe mit dem Klettern begonnen, weil ich mich davor gefürchtet habe.“ Defizitorientierte, zumeist analytische Ansätze sehen die Grundlage der Risikosuche in psychodynamischen Aspekten, wie verdrängter Angst oder Überwindungsversuchen von Minderwertigkeit. „Ich will das Gefühl haben, stärker als meine Angst zu sein, deswegen begebe ich mich immer wieder in Situationen, in denen ich ihr begegne, um sie zu überwinden.“ Das sagte niemand Geringerer als die Bergsteigerlegende Reinhold Messner.

Wachstumsorientierte, humanistische Ansätze sehen hingegen den Menschen auf Entwicklung angelegt, weshalb er ständig nach Neuem und Selbstverwirklichung strebe. Der Wunsch nach Flow-Erfahrungen stellt hier ebenfalls eine wesentliche Dimension dar.

Identitätsschwäche

Psychophysiologische Ansätze betonen hingegen die vermehrte Ausschüttung von Beta-Endorphinen als Motivationsgrundlage. Sozialisationstheoretisch betrachtet, ist das Risiko ein Mittel zur Identifikation insbesondere bei Identitätsschwäche. Nach K.-H. Bette (2004) stellt der Abenteuer- und Extremsport Handlungsmöglichkeiten zur Verfügung, in denen Menschen mit ihren Fähigkeiten und Fertigkeiten im Zentrum des Entscheidens stehen. Die Eigengesetzlichkeit außergesellschaftlicher Größen (Berge, Meere oder Wüsten) verdichtet diese, gerade weil sie nicht sinnhaft gesteuert sind, als Fluchtpunkte für die Erzeugung und Stabilisierung von Sinn. Menschen riskieren Kopf und Kragen, um sich sozial sichtbar zu machen und den Nimbus der Einzigartigkeit zu erlangen.

 

Prof. Mag. Dr. Günter Amesberger ist stellvertretender Fachbereichsleiter des Bereichs Sportpädagogik und Sportpsychologie an der Universität Salzburg.

Wenn der „Berg ruft“
Was während der Wintermonate die Nachrichten füllt, stellt für Notärzte eine besondere Herausforderung dar: Lawinenabgänge.
Gerald Lehner, zuständig für PR beim Bundesverband des Bergrettungsdienstes, weiß, wie ein Lawinenunglück im „Idealfall“ abläuft: „Ein Bergsportler mit vollständiger Notausrüstung beobachtet einen Lawinenabgang, entkommt der Lawine selbst und weiß, wie viele Menschen verschüttet wurden. Per Notruf 144 oder 140, dem Alpinnotruf, holt er Hilfe. Nun zählt jede Minute.“ Bei Flugwetter rückt der Notfallhubschrauber mit einem Notarzt aus. Gleichzeitig wird die Bergrettung alarmiert, die den Einsatz zusammen mit der Hubschraubercrew vor Ort abwickelt.
Bei schlechten Wetterverhältnissen muss die Bergrettung auf dem Landweg aufbrechen oder die Helfer werden mit dem Hubschrauber so nah wie möglich an den Einsatzort geflogen. Auch hier sind Ärzte im Team. Sowohl die Österreichische Bergrettung als auch der ÖAMTC bilden Notärzte für Bergeeinsätze aus. Da die Glieder der Rettungskette dem jeweiligen Landesgesetz unterliegen und von den geografischen Gegebenheiten abhängig sind, stellt eine notärztliche Ausbildung, die auch die spezielle Behandlung von Lawinenopfern beinhaltet, eine Mindestanforderung für Ärzte im Lawineneinsatz dar.
„Notärzte der Bergrettung sind für die medizinischen Anforderungen, die bei einem Lawinenabgang auf sie zukommen, ausgebildet“, erklärt Dr. Fidel Elsensohn, leitender Flug- und Bergrettungsarzt des Bergrettungsdienstes. „Situationsbedingte Schwierigkeiten, eingeschränkte medizinische Möglichkeiten und großer Zeitdruck erschweren die Einsätze jedoch enorm. Aus diesem Grund bieten wir eine fundierte alpinmedizinische Zusatzausbildung an.“

Infos: www.bergrettung.at, www.oeamtc.at, www.roteskreuz.at

Von Prof. Dr. Günter Amesberger, Ärzte Woche 7 /2010

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